Kindersexprozess – Mutter soll weitere Töchter verkauft haben

Neuer Kindersex-Prozess in Magdeburg Quedlinburgerin soll weitere Töchter für Missbrauch verkauft haben

Eine Frau aus Quedlinburg hatte 2010 ihre minderjährige Tochter und ihre ebenfalls noch minderjährige Schwester zum sexuellen Missbrauch angeboten und verkauft. Dafür sitzt sie im Gefängnis. Nun ist bekannt geworden, dass sie zwei weitere Töchter für Sex an Männer verkauft haben soll. In Magdeburg beginnt deshalb Ende Oktober ein Prozess gegen einen mutmaßlichen Täter. Der Mann gilt laut einer Gutachteraussage in einem früheren Prozess als Wiederholungstäter.

Zwei wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Männer
Zwei Männer wurden vom Landgericht in Leipzig wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Einer der beiden steht nun in Magdeburg wieder vor Gericht.Bildrechte: dpa

Der Fall der Mutter aus Quedlinburg, die ihre Tochter und jüngere Schwester an Männer für Sex verkauft hat, weitet sich aus. Offenbar hat die Mutter zwei weitere Töchter zum Missbrauch angeboten.

Bekannt geworden ist dieser Vorwurf, weil einer der Täter ab Ende Oktober in Magdeburg vor Gericht steht. Dem 68-Jährigen wird vorgeworfen, drei Mädchen sexuell missbraucht zu haben – die Töchter der Quedlinburger Mutter. Die Kinder waren laut Gerichtssprecherin Andrea Löbel zu Beginn der Taten sieben, zehn und fünfzehn Jahre alt.

Insgesamt werden dem Mann fünf Sexualstraftaten im Zeitraum von Herbst 2010 bis Ende Januar 2014 vorgeworfen. Wie die Gerichtssprecherin mitteilte, sollen auch Fotografien der Kinder angefertigt worden sein.

Weitere Hintergründe dazu konnte die Gerichtssprecherin nicht mitteilen. „Die Anklage ist noch nicht verlesen, deswegen kann darüber nichts weiter gesagt werden“, sagte Löbel MDR SACHSEN-ANHALT.

Auch über weitere Konsequenzen für die Mutter könne noch nichts gesagt werden. Löbel erklärte: „Das muss nicht automatisch ein neues Urteil oder ein Aufrollen des Falles nach sich ziehen.“ Das müsse nach dem Verfahren gegen den 68-jährigen Mann neu bewertet werden. Der Prozess gegen ihn beginnt am 24. Oktober. Bis zum 21. November 2016 sind drei Fortsetzungstermine geplant.

Fast fünf Jahre Haft für Mutter

Die Angeklagte verlässt mit Gerichtsbeamten und ihrem Verteidiger den Gerichtssaal.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Mutter aus Quedlinburg hatte die Mädchen jahrelang zum Missbrauch angeboten und verkauft. Bisher war nur bekannt, dass sie ihre damals zehn Jahre alte Tochter und ihre noch minderjährige Schwester teilweise gegen Bezahlung angeboten hatte.

Für diese Taten wurde die damals 35-jährige Frau im April 2015 verurteilt. Sie erhielt wegen schweren sexuellen Missbrauchs in sechs Fällen und Beihilfe in einem Fall vor dem Landgericht Magdeburg eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten.

Nach damaligem Erkenntnisstand hatte sie insgesamt vier Jahre lang die Kinder Männern in ganz Deutschland angeboten. Dafür soll sie bis zu 800 Euro erhalten haben, wenn sie eines der Mädchen einem Freier überließ. Tatort des Missbrauchs war den Ermittlern zufolge eine Wohnung in Wernigerode.

Zwei Freier in früheren Prozessen verurteilt

Der jetzt für die weiteren Mißbrauchsfälle angeklagte Mann wurde schon im Mai 2015 vom Landgericht Leipzig zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der vorbestrafte Mann aus Bremerhaven die damals zehnjährige Tocher der Quedlinburgerin und die fünfzehnjährige Schwester der Frau für Sexdienste gekauft hatte.

Im Prozess 2015 wurde deutlich, dass der 68-Jährige von 2004 bis 2010 bereits wegen Sexualdelikten im Gefängnis gewesen war. Ein psychiatrisches Gutachten legte damals nahe, dass der Mann sein Verhalten auch in Zukunft nicht ändern werde. Im Juli 2016 wurde nach Berichten der Mitteldeutschen Zeitung das Urteil gegen den Hauptangeklagten bestätigt. Laut Zeitung strebt er allerdings eine Revision an.

Auch ein 38-jähriger Mitangeklagter aus Leipzig wurde 2015 zu fünf Jahren Haft in dem Fall verurteilt. Beide Männer hatten in dem Missbrauchs-Prozess Geständnisse abgelegt.

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016, 17:37 Uhr

8 Kommentare

07.10.201616:52 Anna8

Stimme Angelika voll zu und hier die Bitte an den MDR, über diese Wortwahl sehr gründlich nachzudenken und sie bitte zu ändern: Sex findet einvernehmlich zwischen erwachsenen, volljährigen Menschen statt. Das im Artikel Beschriebene ist Missbrauch und Vergewaltigung. Auch Vokabeln wie „Freier“ finde ich nicht angebracht. Das verharmlost diese schwere Straftat.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:

Wir haben in der Redaktion sehr lange über die Wortwahl nachgedacht und diskutiert. Natürlich ist dieser Fall ganz klar ein Missbrauch, der nicht zu verharmlosen ist. Trotzdem haben wir uns an einer Stelle im Text dazu entschieden zu schreiben, dass die Quedlinburgerin zwei weitere Töchter für Sex an Männer verkauft hat. Denn das ist letztendlich die Straftat, die sie begangenen hat, welche wiederum gleichzeitig Kindesmissbrauch darstellt.

07.10.201613:04 Angelika Oetken7

„Kindersex“?
Bei den 68jährigen Verurteilten ist die zu Grunde liegende Persönlichkeitsstörung vermutlich schon so verfestigt, dass nichts Anderes übrig bleiben wird, als ihn für den Rest seines Lebens sicher zu verwahren. Der andere Täter ist 38 Jahre alt, da bestimmt noch ein Fünkchen Hoffnung. Wenn man die Motivationen solcher Kindesmissbraucher anguckt, sollte man nicht den Fehler machen, sie mit dem üblichen sexuellen Begehren mehr oder minder normaler Erwachsener zu vergleichen. Viele der TäterInnen waren als Kind selbst mal Opfer von Missbrauch. Gerade, wenn der sehr früh geschah, insbesondere durch die eigene Mutter oder den eigenen Vater, sitzt das Bedürfnis an Kindern oder Jugendlichen zu wiederholen, was Einem selbst einmal angetan wurde tief. Trotzdem ist es gerade für solche Menschen ratsam, sich einer psychotraumatologischen Behandlung zu unterziehen. Die Fachgesellschaften DeGPT und EMDRIA führen Therapeutenlisten.

06.10.201621:46 Angelika Oetken6

@mattotaupa,

selbstverständlich darf niemand seine Kinder so behandeln, wie diese Frau es getan hat. Der Begriff „Mutter“ bezeichnet erstmal nichts als ein Verwandtschaftsverhältnis, die Tatsache, dass eine Frau ein Kind geboren hat. Unsere Kultur lädt „Mutter“ ideell auf. Es wird nahezu automatisch vorausgesetzt, dass eine biologische Mutter sich „mütterlich“ im Sinne von fürsorglich verhält. Dies betrachte ich einerseits als überhöhte Forderung, andererseits als fahrlässig. Nicht nur bei solchen schrecklichen Sachen wie der im Artikel geschilderten sollten wir uns vor Augen halten, dass wir lediglich annehmen, dass Mütter ihre Kinder gut versorgen. Wir wissen es nicht und wir prüfen es viel zu selten.

MfG,
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

06.10.2016 19:19 Erklärung5

@ 06.10.2016 15:12 mattotaupa 1: Sie sollten sich schämen, selbst bei diesem Thema ein (ostdeutsches) Bundesland erniedrigen zu wollen. Ist es nicht abstoßend genug, dass es solche Verbrechen gibt? Den einen Täter aus Bremerhaven (kein ostdeutsches Bundesland!) verurteilen Sie aber nicht.

06.10.201617:12 Angelika Oetken4

Die Männer, welche Geld bezahlten, um die Mädchen missbrauchen zu können, als „Freier“ zu bezeichnen, empfinde ich als sehr unpassend. Ein Freier ist der Kunde einer Prostituierten. Egal wie man zum Sexgewerbe steht, aber diese sexuell ausgebeuteten und von ihrer eigenen Mutter an Täter ausgelieferten Mädchen sind keine Prostituierten. Sind sind Opfer eines Systems, dass „Familie“, „Elternschaft“ und „Liebe“ romantisiert und „Sexualität“ verharmlost und damit erst die Voraussetzungen für Verbrechen wie diese schafft.
Ich hoffe, dass die Mädchen effektive Unterstützung dabei bekommen, ihren weiteren Lebensweg würdevoll und selbstbestimmt gehen zu können, sich von ihrem Herkunftsmilieu zu lösen und wieder mit einer Form von Sexualität in Berührung kommen, bei der der Begriff „Schweinerei“ eine Beleidigung für diese geselligen und zutraulichen Haustiere darstellt.

06.10.201615:26 Ironie3

Ganze 4 Jahre und 9 Monate…. Voll das krasse Urteil. Respekt

06.10.201615:16 Herr Kotzmann2

Wenn ich etwas zusagen hätte, einsperren und den Schlüssel weckwerfen.

06.10.201615:12 mattotaupa1

„der Mutter aus Quedlinburg“ diese person noch mutter zu nennen, ist aber sehr gewagt … aber wer kennt sich schon aus in den gepflogenheiten in sachsen-anhalt.

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016, 17:37 Uhr
http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/magdeburg/prozess-kindesmissbrauch-quedlinburgerin-hat-weitere-toechter-angeboten-100.html

Kinderhandel – Flüchtlingskinder – Jugendamt – Adoption – Pflegeeltern – Vormundschaft von Ehrenamtliche

In dem Artkel wurde leider ein wesentlicher Punkt vergessen.
Der gesetzliche Vormund muss sich auch mit eventuellen Gerichtsakten von  strafbaren Handlungen dieser minderjährigen Flüchtlinge auseinander setzen.

Artikel >>>
Minderjährige Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt – Wie werde ich Vormund?

Manche Flüchtlingskinder kommen ohne Eltern und sonstige Begleitung.


(BILD: dpa)

Die Städte und Kreise in Sachsen-Anhalt müssen spätestens ab dem 1. November auch zahlreiche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnehmen. Vormünder nehmen dabei eine zentrale Rolle im Betreuungsprozess ein. Wir klären die wichtigsten Fragen.

Ab dem 1. November 2015 werden auch minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern auf die Bundesländer verteilt. Etwa 800 von ihnen sollen auch in Sachsen-Anhalt aufgenommen und betreut werden, so Sozialstaatssekretärin Anja Naumann (SPD).

Unbegleitete, minderjährige FlüchtlingeUnbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung erziehungsberechtigter Erwachsener aus ihren Heimatländern fliehen. Die Minderjährigen werden beispielsweise alleine von ihren Familien nach Europa geschickt, haben ihre Angehörigen zuvor im Krieg verloren oder verlieren sie während ihrer Flucht, wie die Diakonie Deutschland in einer Pressemitteilung erklärt. In Deutschland suchen sie Schutz vor Verfolgung, Krieg oder anderen Notsituationen. Dabei handelt es sich vor allem um männliche Flüchtlinge im Alter zwischen 14 und 17 Jahren.

Flüchtlinge
Neue Regelung für Flüchtlinge ab 1. November
800 Kinder ohne Eltern kommen nach Sachsen-Anhalt

Jugendämter in Deutschland sind verpflichtet, Vormünder zu bestimmen, die die Kinder und Jugendlichen in ihre Obhut nehmen. Aufgrund der steigenden Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge werden auch in Sachsen-Anhalt dringend ehrenamtliche Vormünder gesucht.

Was macht ein Vormund?Vormünder nehmen eine zentrale Rolle im Betreuungsprozess von minderjährigen Flüchtlingen ein. Unbegleitete Flüchtlingskinder brauchen einen Vormund, weil sie aufgrund ihrer Minderjährigkeit gesetzlich von einem Erwachsenen vertreten werden müssen. Die gesetzliche Vertretung umfasst dabei unter anderem die Verwaltung des Vermögens des Kindes, das Stellen eines Antrages auf Aufenthaltsgenehmigung, das Unterschreiben verschiedener Dokumente und auch das Einwilligen in Operationen.

Wer ist als Vormund geeignet?

Ein guter Vormund sollte Lebenserfahrung haben und fähig sein, mit Kindern und Jugendlichen zu kommunizieren. Besonders im Hinblick auf die kulturellen Besonderheiten und die Herkunft der jungen Menschen, sollte er über Einfühlungsvermögen verfügen. Ein Vormund sollte weiterhin Verhandlungs- und Organisationsgeschick besitzen und sich mit Verwaltungen und Behörden auseinandersetzen wollen. Es ist zudem wichtig, dass er über die erforderliche Zeit verfügt, die professionelle Distanz zum Mündel wahrt und sich beim Auftreten von Problemen nicht davor scheut, rechtzeitig Hilfe zu suchen.

Was wird von einem Vormund erwartet?

Ein Vormund soll einen Teil seiner Freizeit für das Mündel aufwenden und mit ihm verbringen. Dabei ist es besonders wichtig, dass das Flüchtlingskind seine Meinung gemäß Artikel 12 der UN-Kinderkonvention frei äußern kann, angehört und beteiligt wird. Der Vormund sollte sich mit der Situation von Flüchtlingskindern vertraut machen und sich in speziellen Schulungen umfassend auf die Aufgaben eines Vormundes vorbereiten lassen.

Da die jungen Menschen vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak kommen, können sie zunächst kein Deutsch sprechen und nur einige wenige Flüchtlingskinder können ein wenig Englisch. Die Kommunikation ist daher zuerst schwer, doch auch in diesen Fällen werden Lösungen und Hilfen angeboten.

Als Vormund sind Sie für ihr Mündel: ein persönlicher Ansprechpartner, ein gesetzlicher Vertreter, ein Hilfeplaner und erster Ansprechpartner in asyl- und ausländerrechtlichen Fragen. Zudem helfen Sie beim Entwickeln von Lebensperspektiven.

Sie haben zum Beispiel: das Recht für ihr Mündel Jugendhilfeleistungen zu beantragen; an Hilfeplangesprächen teilzunehmen und bei der Hilfeplanung mitzuwirken; medizinische, ärztliche und schulische Informationen über ihr Mündel einzuholen; Ausbildungsverträge, Zeugnisse und andere Dokumente zu unterzeichnen sowie die Zustimmung zu medizinisch notwendigen Operationen zu erteilen.
Was wird nicht von einem Vormund erwartet?

Als Vormund müssen Sie keine Vorkenntnisse in Rechtsfragen und keine detaillierten Kenntnisse über das Herkunftsland ihres Mündels haben. Sie sind nicht verpflichtet, das Flüchtlingskind in ihrer Familie aufzunehmen oder finanziell für ihr Mündel aufzukommen. Die täglichen Aufgaben der Erziehung, Bildung und Betreuung werden von Pflegefamilien oder Jugendeinrichtungen, in denen die unbegleiteten Minderjährigen untergebracht werden, übernommen.

Wie werde ich Vormund?

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ruft geeignete Personen dazu auf, aktiv über die Übernahme einer Vormundschaft nachzudenken. Bis einschließlich 15. November dieses Jahres können sich Personen, die eine oder auch mehrere Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen wollen, beim Kinderbeauftragten des Landes, Gerd Keutel, melden. Bitte richten Sie Ihre Anfrage an diese Mailadresse: Kinderbeauftragter@ms.sachsen-anhalt.de.

Bitte übersenden Sie Ihren vollständigen Namen (Name, Vorname), Ihre Privatanschrift, Ihren Heimat-Landkreis sowie eine Telefonnummer, unter der Sie zu erreichen sind.

Von Elisabeth Krafft , (mz),  Mitteldeutschland – Mitteldeutsche Zeitung, 23.10.2015 13:11 Uhr | Aktualisiert 23.10.2015 13:11 Uhr
http://www.mz-web.de/mitteldeutschland/minderjaehrige-fluechtlinge-in-sachsen-anhalt-wie-werde-ich-vormund-,20641266,32236698.html#plx1754526907

Berlin – Gibt es Verbindungen zum Pädo-Netzwerk des belgischen Kindermörders Marc Dutroux

Spurlos vermisst – Wenn Kinder in Berlin verschwinden

Nach Elias aus Potsdam wird seit einem Monat gesucht. Mehr als 5000 Kinder werden in Berlin pro Jahr kurzzeitg vermisst.

Berlin/Potsdam. Es ist das Schreckensszenario für jede Mutter, jeden Vater: Das Kind ist nicht nach Hause gekommen. Hektische Anrufe in der Schule, schnelle SMS an Freunde und Verwandte. Wo steckt das Kind? Mehr als 100.000 Mal spielen sich jedes Jahr in Deutschland solche oder ähnliche Szenen ab. Denn so viele Kinder und Jugendliche werden Jahr für Jahr als vermisst gemeldet. In Berlin waren es im vergangenen Jahr 5248. Im Schnitt vierzehn pro Tag. Aber in 99 Prozent der Fälle tauchen sie nach kurzer Zeit wieder auf. Der Adrenalinspiegel der Eltern kann wieder sinken. Meist sind es Ausreißer, die schnell reuig werden und nach Hause zurückkehren.

Doch zum Horror für Eltern wird es, wenn es auch nach Stunden kein Lebenszeichen des Kindes gibt. Wenn die alarmierte Polizei trotz groß angelegter Suche keinen schnellen Erfolg vermelden kann. Wenn die Ungewissheit mit jedem Tag steigt. Wenn die Fragen zermürbend werden, die Nächte zur Qual. Lebt mein Kind noch? Ist es in die Fänge eines Triebtäters geraten? Oder ist es beim Spielen in einen unzugänglichen Schacht gestürzt? Liegt dort, möglicherweise verletzt? Wartet auf Rettung? Schreit sich die Lunge aus dem Leib?

Seit vier langen Wochen muss sich die Mutter von Elias mit ähnlichen oder noch schlimmeren Gedanken herumplagen. Genau vor einem Monat, am 8. Juli 2015, verschwindet der Sechsjährige. Spurlos. Zuletzt wird der Erstklässler gegen 18 Uhr auf einem Spielplatz vor der Wohnung der Mutter im Potsdamer Wohngebiet Am Schlaatz gesehen.

Versäumnisse der Polizei?

Seither haben 1900 Polizisten nach dem Jungen gesucht. Taucher, Bagger, Spürhunde werden eingesetzt. Selbst der Wasserstand des nahen Flüsschens Nuthe wird abgesenkt. Damit der Grund besser abgesucht werden kann. Hunderte Freiwillige durchkämmen das Wohngebiet. Die eigens eingerichtete Soko „Schlaatz“ wertet 300 Stunden Videomaterial und 1000 Bilder aus, befragt mehr als 1000 Anwohner, geht 900 Hinweisen nach. Elias bleibt verschwunden. Genauso wie die fünfjährige Inga aus Sachsen-Anhalt. Sie wird seit mehr als drei Monaten vermisst. Einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen sehen die Ermittler aber nicht.

„Ein solcher Vermisstenfall ist mir in meiner polizeilichen Laufbahn bisher noch nicht begegnet“, sagt der Leiter der Soko „Schlaatz“, Michael Scharf. Ungewöhnlich an diesem Fall sei die Tatsache, „dass der Junge in einer recht kurzen Zeitspanne und scheinbar ohne Spuren und Zeugen verschwunden ist“, betont der Leitende Polizeidirektor. Was könnte Elias zugestoßen sein?

>>> Fall Elias – Chronik einer erfolglosen Suche in Potsdam <<<

Für die Polizei kommen zunächst sowohl Weglaufen wie auch ein Unfall oder ein Verbrechen in Betracht. Konkrete Anhaltspunkte gibt es bisher für keine der Varianten. Doch immer mehr hat sich ein Szenario herauskristallisiert: das „unfreiwillige Verschwinden“ des Jungen, wie es der Soko-Chef formuliert. Vager geht es kaum. Doch auch die Polizei muss sich an etwas klammern.

Hat sie vielleicht doch Fehler gemacht? Zu spät die Öffentlichkeit informiert? Das geschah am zweiten Tag von Elias‘ Verschwinden. Und hat die Polizei so möglicherweise entscheidende Hinweise nicht bekommen?

„In einem Vermisstenfall sind die ersten Stunden die wichtigsten“, sagt der Vorsitzende der Initiative Vermisste Kinder, Lars Bruhns (siehe Interview). Ziel müsse sein, möglichst schnell und umfassend die Bevölkerung zu informieren. Auch über die Kanäle der sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook.

Für Elias und Inga kommen solche Überlegungen zu spät. Und wenn nicht noch Kommissar Zufall den Ermittlern eine heiße Spur bringt, werden sich die beiden Fälle wohl in jene Vermisstenakten einreihen, die seit Jahren offen sind. Dazu zählen in Berlin:

Manuel Schadwald

Vermisst wird seit dem 24. Juli 1993 der damals zwölfjährige Manuel Schadwald aus Tempelhof. An diesem Tag ist er auf dem Weg in das Freizeit- und Erholungsheim (FEZ) in der Wuhlheide. Angekommen ist er dort nicht. Die Suche nach ihm bringt keine verwertbaren Hinweise. Deshalb vermuten Ermittler schnell, dass Manuel verschleppt wurde. Dann meldet sich ein Privatdetektiv aus Belgien und behauptet, dass der Junge in einem Amsterdamer Kinderbordell aufgetaucht sei. Die holländische Polizei ermittelt in der Rotlichtszene. Ohne Erfolg. Anfang Juli dieses Jahres gibt es dann neue Hinweise. Möglicherweise sei er auf einer Segeljacht in den Niederlanden bei Sexspielen ums Leben gekommen. Es könnte auch eine Verbindung zum Netzwerk des belgischen Kindermörders Marc Dutroux geben. Doch bei der Berliner Polizei heißt es am Freitag auf Anfrage: „Derzeit gibt es keine neuen Ermittlungsansätze zum Aufenthaltsort des Manuel Schadwald.“

Samir Beganovic

Der damals elfjährige Junge, geboren in Bosnien, verschwindet am 12. Februar 1994 am Bahnhof Zoo. Er ist auf dem Weg zu seinem Onkel in Kreuzberg. Warum er dorthin gegen 22 Uhr aufbricht, ist bis heute unklar. Klar ist nur: Er kommt dort nicht an. Weil die Familie 1999 unbekannt verzogen sei, seien keine weiteren Ermittlungen möglich, so die Polizei.

Fernando Manuel Augusto

Der damals neunjährige Fernando Manuel Augusto aus Berlin verschwand am 15. Januar 1995. „Bei uns gilt der Fall als geklärt“, sagt ein Sprecher der Berliner Polizei, „da es zwischenzeitlich ein Lebenszeichen des Jungen aus dem Ausland gegeben hat und Anhaltspunkte für eine Straftat nicht vorliegen.“

Marcel Hermeking

Am 21. September 1997 steigt der Junge in eine U-Bahn in Berlin, will zum Alexanderplatz. Zeugen erinnern sich später an sein aufgewecktes Verhalten in der Bahn. Gerüchte, dass er dann von einem Mann zum Weltkindertag begleitet wurde, bestätigen sich später nicht. Später gerät ein tatverdächtiger Elektriker ins Visier der Ermittler, ein Haftbefehl wird erlassen – doch am Ende kommt er auf freien Fuß, die Beweise reichen nicht aus. Das Schicksal von Marcel ist weiter ungeklärt.

Sandra Wißmann

Sie wird am 28. November 2000 am Kottbusser Damm in Berlin zuletzt von Mitschülern gesehen – bekleidet mit einer blauen Steppjacke. Dabei erwähnt die Zwölfjährige, dass sie ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter kaufen will. Als sie am Abend noch nicht zu Hause ist, alarmiert die Mutter die Polizei. Die Behörde startet eine große Suche. Häuser, Wohnungen und Keller in der Gegend werden durchkämmt, ohne Ergebnis. In einer Sendung von „Aktenzeichen XY“ im November 2001 sucht die Polizei nach einem Mann, der in der Gegend ein anderes Mädchen angesprochen hat. Es melden sich auch Zuschauer, die den Mann erkannt haben wollen.

Zu einer Festnahme kommt es aber nicht. Ein Jahr später wird ein 25-Jähriger festgenommen. Er soll eine Neunjährige auf einem Dachboden eines Hauses am Maybachufer missbraucht haben. Nur wenige Meter von Sandras Wohnung entfernt. Er soll weitere Kinder missbraucht haben. Doch die Kripo kann keinen Zusammenhang mit dem Fall Sandra herstellen. Die Polizei hat weiter Kontakt zu den Angehörigen der Vermissten.

Georgine Krüger

Hunderte Polizisten durchkämmen, im Frühherbst 2006, auf der Suche nach Georgine Krüger Moabit. Sie wird am 25. September 2006 zum letzten Mal gesehen, als sie gegen 13.50 Uhr an der Perleberger/Ecke Rathenower Straße aus dem Bus der Linie M27 aussteigt. Es sind nur 200 Meter bis zur Wohnung. Doch Georgine kommt dort nie an. Abends informiert die Mutter die Polizei. Daraufhin durchsuchen Polizisten 240 Wohnungen, Keller und Dachböden, Hinterhöfe und sogar Mülltonnen. Nachbarn und Geschäftsleute, Lehrer und Mitschüler werden befragt. Auch dem Busfahrer der Linie M27, mit dem Georgine täglich von der Schule bis zur Haltestelle in der Perleberger Straße fährt, stellen die Beamten Fragen. Fest steht: Kurz vor 14 Uhr telefoniert sie noch mit einer Freundin, dann wird ihr Handy abgeschaltet – und nicht mehr aktiviert. Auch die Ermittlungen zum Fall Georgine dauern an.

08.08.2015, 05:40
http://www.morgenpost.de/berlin/article205547301/Spurlos-vermisst-Wenn-Kinder-in-Berlin-verschwinden.html
Tags: Pädophile