Was ein Siebenjähriger leistet – Unvorstellbar . . .

Rührende Geschichte aus ChinaMutter hatte Familie verlassen: Siebenjähriger pflegt gelähmten Vater

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SXC – In einem verarmten Dorf im Südwesten Chinas kümmert sich ein Siebenjähriger um seinen querschnittsgelähmten Vater (Symboldbild)

Die Geschichte eines Schuljungen aus China ist wirklich rührend.
Aufopferungsvoll kümmert er sich um seinen querschnittsgelähmten Vater. Die Mutter des Jungen hatte die Familie verlassen, nachdem der Vater von einem Gebäude stürzte und zum Pflegefall wurde.

Siebenjähriger Sohn - Ou Yanglin - pflegt seinen Vater

Ou Yanglin übernimmt die Aufgaben eines Erwachsenen – dabei ist er erst sieben Jahre alt. Bevor er in die Schule geht, pflegt er seinen Vater – und macht weiter, wenn er aus der Schule zurück kommt. Er kocht, geht einkaufen und sammelt auf den Straßen Schrott, um mit dem Verkauf ein kleines Gehalt zu erwirtschaften. Umgerechnet verdient er etwa 3,50 Euro am Tag. Das berichtet die „Daily Mail“.


Der Vater des Kleinen heißt Ou Tongming. Bei der Arbeit auf einer Baustelle stürzte der 37-Jährige von einem Gebäude und brach sich einen Wirbel. Seither ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. Die Familie investierte ihre gesamten Ersparnisse in die medizinische Behandlung des Mannes, doch Tongmings Frau wurde es offenbar zu viel. Nach Informationen der „Daily Mail“ floh sie mit der gemeinsamen Tochter.

„Mein Vater braucht Medizin, aber ich habe kein Geld“

Yanglin blieb. Er übernahm die Pflege seines bettlägerigen Vaters. Seit über einem Jahr steht Yanglin morgens um 6 Uhr auf, um seinen Vater mit Medikamenten und Nahrung zu versorgen. Zur Mittagszeit eilt er aus der Schule nach Hause, füttert seinen Vater erneut und salbt wund gelegene Stellen an seinem Körper ein, so „Daily Mail“.


Eine Wunde am Becken hatte sich infiziert. „Mein Vater braucht Medizin, aber ich habe kein Geld“, sagte der Siebenjährigen zu lokalen chinesischen Medien. Die Geschichte des kleinen Jungen hat weltweit Betroffenheit ausgelöst.

Was sich Yanglin am allermeisten wünscht?

Dass er schnell erwachsen wird, denn dann könne er Geld verdienen, um die Leiden seines Vaters zu lindern.

 

Mittwoch, 04.11.2015, 05:21

 http://www.focus.de/panorama/welt/mutter-hatte-familie-verlassen-ruehrend-siebenjaehriger-pflegt-querschnittgelaehmten-vater-in-china_id_5060557.html
Picture by http://www.dailymail.co.uk/news/article-3301168/The-boy-7-sole-caretaker-paralysed-father.html?ito=social-facebook

Gerichtsurteil – Wenn das Heim mehr kostet, als es kosten darf

Die Stadt Zürich hat an den Taxen für ihre Altersheime geschraubt.
Für die Bewohner und ihre Angehörigen gilt es, genau hinzuschauen.

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Für die 2000 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadtzürcher Altersheime haben sich per 1. August die Taxen für die Betreuung geändert. Darunter fallen all jene Leistungen, die nicht zur eigentlichen Pflege gehören. Zum Beispiel der 24-Stunden-Pikettdienst, Gespräche, der Tanznachmittag oder der gemeinsame Ausflug. Je nach Gesundheitszustand zahlen betagte Zürcher für ihre Betreuung künftig mehrere Tausend Franken mehr oder weniger pro Jahr.

Dabei hat der kürzlich publik gewordene Fall Winterthur gezeigt, dass es sich in solchen Situationen lohnt, genau hinzuschauen und kritische Fragen zu stellen. In Winterthur wollte der Stadtrat die Betreuungstaxen deutlich er­höhen, was der Stadtkasse einen Mehrertrag in Millionenhöhe beschert hätte – so, wie das jetzt auch in Zürich der Fall ist. Die Betroffenen wehrten sich jedoch heftig dagegen, mit Erfolg.

Wegen überholter Zahlen häuften sich 2014 bei 168 Heimen ungedeckte Pflegekosten von
65 Millionen Franken an.

Ein Gerichtsurteil erklärte die Erhöhung für ungültig. Die finanziell gebeutelte Stadt habe den Heimbewohnern mehr verrechnen wollen, als die verrechneten Leistungen wirklich gekostet hätten. Sie hätte also einen Gewinn erwirtschaftet. Genau das aber ist laut Gesetz verboten: In gemeindeeigenen Heimen dürfen die Betreuungstaxen höchstens kostendeckend sein.

Das ist eine Vorschrift, die in der Branche oft nicht ernst genommen wird, wie der eidgenössische Preisüber­wacher Stefan Meierhans sagt. «In den letzten Jahren haben viele Heime systematisch überrissene Taxen verrechnet.»

Um zu verstehen, warum sie das tun, muss man wissen, dass die Rechnung der Altersheime aus drei Posten besteht: Pflege, Betreuung und Hotellerie. Wo die Pflege zu teuer und daher defizitär ist, weil das Budget nicht ausreicht, werden die Rechnungen für die anderen beiden Posten aufgebläht – so lässt sich die Pflege querfinanzieren.

«Schlimm und ungerecht»

Dieser buchhalterische Trick geht zu­lasten der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner. Denn anders als die Pflegekosten, die mehrheitlich von Krankenkasse und öffentlicher Hand bezahlt werden, müssen die Senioren ­Betreuung und Unterkunft zum grössten Teil aus dem eigenen Sack finanzieren. Deshalb findet es Meierhans «schlimm und ungerecht», wenn Heime ihre un­gedeckten Pflegekosten unter anderem Titel verrechnen.

Claudio Zogg, Geschäftsleiter des Heimverbands Curaviva Zürich, bestreitet diese «unerwünschten Verlagerungen» nicht. Er ist aber der Meinung, dass es aus einer Not heraus dazu komme. Schuld seien nicht die Heime, sondern ein fehlerhaftes System. Zogg meint die sogenannten Normkosten. Vereinfacht gesagt ist das ein Wert, der zeigt, wie viel eine Minute Pflege in einem Zürcher Heim durchschnittlich kostet. Der Kanton Zürich berechnet ihn jedes Jahr.

Was Zogg daran stört: Die Normkosten beruhen auf zwei Jahre alten Daten. Die Gemeinden orientieren sich aber daran, wenn sie das Budget ihrer Heime beschliessen. Man tut also, als würde die Pflege in der Zukunft gleich viel kosten wie in der Vergangenheit. «Tatsächlich steigen die Kosten aber Jahr für Jahr», sagt Zogg, «vor allem wegen des Fachkräftemangels, der es dem Personal erlaubt, höhere Löhne zu verlangen.»

Die Gemeinden haben einen guten Grund, dies auszublenden: die eigenen Finanzen. Zwar bezahlen auch die Krankenkassen und die Heimbewohner einen gewissen Anteil an die Pflege, aber der substanzielle Rest geht zulasten der Gemeindekasse. Mit anderen Worten: Wenn die Pflege teurer wird, müssen die Gemeinden den Aufpreis berappen.

Es sei insofern verständlich, wenn die Gemeinden die Kosten ihrer Heime bei der Budgetierung drückten, sagt Zogg. Der Haken daran sei, dass viele Betriebe in die Verlustzone gerieten, weil ihr Budget auf überholten Zahlen beruhe. Laut einer aktuellen Auswertung haben sich so im Jahr 2014 bei 168 befragten Betrieben ungedeckte Pflegekosten von insgesamt 65 Millionen Franken angehäuft. Das ist laut Zogg «inakzeptabel» – und der Hintergrund, warum Heime überhöhte Rechnungen für Betreuung und Hotellerie stellen.

Sollen alle gleich viel zahlen?

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die bemängeln, dass Heime in der Pflege oft nicht effizient genug seien. Der Leiter eines Wetziker Alterswohnheims mit auffallend tiefen Betreuungstaxen sagte einmal, dass die Normkosten kein Problem seien, wenn man den Betrieb kostengünstig führe.

Die Betreuungskosten bergen aber noch ein zusätzliches Problem – selbst dort, wo sie nicht künstlich aufgebläht sind: die Frage, welcher Heimbewohner wie viel vom Gesamtaufwand bezahlen muss. Die logische Antwort wäre, dass mehr zahlt, wer mehr Leistungen in Anspruch nimmt. Laut Preisüberwacher Meierhans wäre das die beste Lösung. Die Gemeinde Dübendorf, die diesen Weg geht, ist damit aber ziemlich allein. Andernorts scheuen die Heimleiter den Aufwand, jedem Bewohner seine indi­viduelle Betreuungszeit vorzurechnen.

Der Heimverband empfiehlt stattdessen eine Pauschale, wie sie zahlreiche Gemeinden heute schon anwenden. Das heisst, alle Bewohner müssen gleich viel zahlen. Der Preisüberwacher hält dies für die zweitbeste Lösung.

Nicht gut findet er hingegen jenen Ansatz, den unter anderem die beiden grossen Städte Zürich und Winterthur gewählt haben: Sie koppeln die Betreuungstaxe an den Pflegeaufwand. Ein Pflegebedürftiger, der bewegungsunfähig und bettlägerig ist, muss dort mehr für die Betreuung zahlen als ein rüstiger Senior – obwohl Unterhaltungsprogramme und Ausflüge für ihn kein Thema mehr sind. Und obwohl nach einhelliger Meinung kein Zusammenhang zwischen Betreuung und Pflege besteht.

Fragwürdige Kontrollinstanz

Gleichwohl lehnt es die Kantonsregierung ab, eine Kontrollbehörde zu schaffen. Es liege an den Gemeinden, dafür zu sorgen, dass die gesetzlichen Vorschriften eingehalten würden – ausgerechnet an jener Instanz also, die laut Zogg von aufgeblähten Rechnungen profitiert. Da scheint fraglich, ob es viel bringt, wenn der Kanton die Gemein-den aufruft, die Betreuungstaxen ihrer Heime «zu überprüfen und gegebenenfalls zu senken».

Hoffnung für die Betroffenen gibt es trotzdem: In Bundesbern ist eine Initiative von Christine Egerszegi hängig, die unter anderem verlangt, die Betreuungskosten besser und transparenter von den Pflegekosten abzugrenzen. Die vorberatenden Kommissionen haben zugestimmt – ohne Gegenstimme.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.08.2015, 21:00 Uhr)
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/wenn-das-heim-mehr-kostet-als-es-kosten-darf/story/19616337
Tags: Kosten – Altersheim – Pflegeheim – Seniorenheim – Seniorenresidenz – Pflegebedarf – Pflegeaufwand – Schweiz

Pflegekinder wurden oft wie Sklaven gehalten

Pflegemutter
Einsamkeit durch Gewalt und Misshandlung: Die Pflegekinder aus Wien wurden jahrzehntelang alles andere als kindgerecht behandelt (Symbolbild)

Nach den Kinderheimen geraten die Pflegeeltern ins Visier. Viele Kinder wurden ausgebeutet. Einige wollen klagen.

 

Sabine spricht von Zwangsarbeit. Als kleines Kind war sie von der Gemeinde Wien zur Pflege aufs Land geschickt worden. „Wir wurden von den Pflegeeltern ausgebeutet“, sagt sie. Ihre Anwältin bereitet bereits eine Klage vor.
Sabine war kein Einzelfall. Hunderte, wenn nicht Tausende Kinder sind in der Nachkriegszeit nicht nur in Heime, sondern auch zu Pflegefamilien verschickt worden. Da wie dort gab es aus heutiger Sicht menschenunwürdige Zustände. Die Ersatzeltern am Land waren oft in vieler Hinsicht nicht besser als die Erzieher in den Heimen.In seinem von der Stadt Wien beauftragten Historiker-Bericht über Kinderheime streift Univ. Prof. Reinhard Sieder auch die Situation der Pflegekinder der 1940er- bis 70er-Jahre. Pflegefamilien, so berichtet Sieder, gehörten meist der sozialen Unterschicht an. „Die meisten der Wiener Pflegekinder wurden in Familien auf dem Land untergebracht.“ In Jennersdorf und Radkersburg im Burgenland seien regelrechte Pflegeeltern-Kolonien entstanden. Bauernfamilien nahmen bis zu zehn Kinder aus Wien in Pflege. Die Historiker-Kommission vermutet, dass das vom Jugendamt bezahlte Pflegegeld für die „Großpflegefamilien“ eine Rolle gespielt hat. Kinder wurden zudem von der Fürsorge in unmenschlichen Zuständen vorgefunden: Verlaust, verwanzt, verkotet.

Bettnässen

Univ-Prof Dr. Reinhard Sieder ist Vorstand des Instituts für Wirfts- uts- und Sozialgeschichte di Wien und Vorsitzer der Hier Historikerkommission.
Sozialforscher R. Sieder – Foto: Julia Schrenk

Alexandra G. kam 1971 im Alter von zwei Jahren vom Wiener Zentralkinderheim zu Pflegeeltern im Südburgenland, wo sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr untergebracht war. „Die haben eine Art Wirtschaft gehabt.“ Stallarbeit stand an der Tagesordnung. Alexandra wurde bald Bettnässerin. „Wenn es wieder passiert ist, hab ich das Leintuch selber waschen müssen.“ War es nicht sauber, rollte die Pflegemutter den nassen Stoff zusammen und schlug damit auf den Rücken des Mädchens ein.

Später kam Alexandra ins Heim in Biedermannsdorf: Prügelstrafen, Essen von Erbrochenen, kaum Schulbildung. Die heute 43-Jährige hat zwei Selbstmordversuche hinter sich und versucht ihr Trauma als Pflege- und Heimkind mit Psychotherapie zu überwinden.

Nach dem Aufbrechen der Vergangenheit von Heimkindern könnte mit dem Historiker-Bericht eine neue Welle der Entschädigungsforderungen auf die Stadt Wien zukommen. Bisher haben sich 117 ehemalige Pflegekinder bei der Opferschutz-Organisation Weisser Ring gemeldet. Alleine im Jahr 1970 waren allerdings 540 Wiener Kinder bei Pflegeeltern in der Hauptstadt und 1341 am Land untergebracht.

Eine Mitarbeiterin der MA 11 (Wiener Jugendamt) habe den Sozialforscher Sieder „überreden“ wollen, „diese kritischen Passagen über die Pflegekinder (aus dem Historiker-Bericht, Anm.) wieder rauszunehmen“, sagt er im KURIER-Interview. Aber Josef Hiebl, Rechtsexperte der MA 11, und Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) hätten auf der umfassenden Darstellung der Jugendwohlfahrtsgeschichte bestanden. „Es ist dringend notwendig, dass wir uns dieser Geschichte auch annehmen“, sagt Hiebl. Ein weiteres Forschungskonzept zum Thema „Pflegefamilien“ sei in Ausarbeitung.

Dass blanker Horror bei Pflegeeltern nicht allgegenwärtig war, zeigt das Beispiel von Maria A., 41. Sie kam 1972 mit eineinhalb Jahren zu Pflegeeltern nach Baden bei Wien. Im Gegensatz zu später, als der Lebensgefährte ihrer leiblichen Mutter ihr das Leben zur Hölle machte, wurde sie von dem kinderlosen Paar „liebevoll aufgenommen“. „Ich habe sie bis zum Tod der Pflegemutter regelmäßig besucht.“

„Rechtlos“

KurierFranz Josef Stangl,Missbrauchskinder
Harte Arbeit: Autor F. J. Stangl – Foto: Kurier

„Wir waren rechtlose Knechte“, erinnert sich hingegen Franz Josef Stangl, 59. Er wurde im Alter von fünf Jahren von der Grazer Fürsorge zu Pflegeeltern aufs Land geschickt. Mehrmals wechselte der Pflegeplatz, ehe er bei einer Bäuerin landete, die er nur mehr als „die Hexe“ beschreibt.

„Wir mussten arbeiten wie die Großen.“ Stall ausmisten, Heu einholen. Den ganzen Tag. Zuneigung? Fehlanzeige. Stattdessen gab es Prügel mit dem Ochsenziemer, Essensentzug, schlafen im Stall. Stangl hat diese Erlebnisse in einem Buch verarbeitet („Der Bastard“, Bibliothek der Provinz).

Anerkannt: Pflegeeltern werden gut ausgebildet

APA/HERBERT NEUBAUERAPA5587162-2 - 17102011 - WIEN - ÖSTERREICH: ZU APA 317 CI - Josebl von der MA11 anl. der Pressekonferenz denz des Amts für Juged Famd Familie (MA 11) zu den "Mrauchsvorw&orwür Kindem Wiem Wilenberg" am Mon Mg, ag, 17. Oktober 2011 201
„Aufarbeitung“: J. Hiebl, MA 11  Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Die Situation vor 30, 40 Jahren, könne man mit heute nicht mehr vergleichen, heißt es seitens des Wiener Jugendamtes (MA 11). „Wir haben heutzutage ein international anerkanntes Pflegewesen“, sagt Josef Hiebl, Rechtsexperte der MA 11. Gemeinsam mit Fachleuten der EU sei ein Ausbildungsverfahren für Pflegeeltern ins Leben gerufen worden. Etwa die Hälfte der rund 3200 vom Wiener Jugendamt im Obhut genommenen Kinder werden in Pflegefamilien betreut. Die andere Hälfte lebt längst nicht mehr in Heimen, sondern in betreuten Wohngemeinschaften.

„Es ist ja gar nicht so einfach, ein fremdes Kind mit eineinhalb, zwei Jahren aufzunehmen“, sagt eine Sprecherin der MA 11. „Es wurde möglicherweise schlecht betreut oder war von Gewalt betroffen“, zollt sie engagierten Paaren, die Kinder in Pflege nehmen, Respekt.

Derzeit gib es in Wien rund 500 Pflegefamilien. Durch eine Werbekampagne konnten im Vorjahr 77 neue gewonnen werden.

2011 wurden 711 Kinder von der Stadt in Obsorge genommen, 140 kamen zu Pflegeeltern.

 

(KURIER/GEORG HÖNIGSBERGER, JULIA SCHRENK ) ERSTELLT AM 01.07.2012, 17:21
http://kurier.at/politik/pflegekinder-wurden-oft-wie-sklaven-gehalten/792.174

Das Ende, der Anfang – von Saskia Jungnikl, Journalistin

Das Hoffnungsfrohe im Tod

Suizid im Alter ist ein großes Problem. Rund vierzig Prozent aller Suizide werden von Menschen ab sechzig Jahren verübt. Und es gibt einen großen Geschlechterunterschied: Unter 70-jährigen Männern ist der Suizid etwa dreimal so häufig wie bei Frauen gleichen Alters. Das machen Soziologen in diversen Studien daran fest, dass Männer immer noch als das starke Geschlecht gelten. Die Netzwerke sind bei Frauen eher ausgeprägt, das Sozialleben ist stärker.

Und natürlich gibt es unter den Suiziden jene Zahl an Menschen, die sagen, ich stehe am Ende eines erfüllten Lebens und ich möchte selbst bestimmen können, wie und wo ich sterbe. Dafür entschieden sich in jüngster Zeit etwa der Literaturkritiker Fritz Raddatz oder der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter. Das kann man akzeptieren. Nicht akzeptieren sollte man den Tod jener, die sich am Ende ihres Lebens aus Einsamkeit und Verzweiflung töten – oder aus der Angst heraus, jemandem zur Last zu fallen.

Bei der geführten Debatte um Sterbehilfe und begleiteten Suizid gibt es meistens nur absolute Für und Wider. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Der Tod ist so individuell wie die Leben, die geführt werden und die Menschen, die sie führen. Eine allgemein gültige Antwort gibt es nicht.

Stattdessen bräuchte es eine Debatte darüber, was unsere Gesellschaft tun kann, um alten Menschen das Gefühl zu geben, keine ungeliebten und nutzlosen Außenseiter zu sein. Wir brauchen Hilfe, Verständnis und Unterstützung für Familien, die mit der Pflege überfordert sind oder sich alleine gelassen fühlen. Wir brauchen gesamt ein besseres Gefühl dafür, dass unsere Gesellschaft nicht nur jene verteidigt und unterstützt, die eine vorzeigbare oder messbare Leistung erbringen. Menschen werden alt. Sie werden gebrechlicher, langsamer und ja, manchmal auch anstrengender. Sie sind dadurch nicht weniger wertvoll. Und wir sollten ihnen auch nicht das Gefühl geben, als wäre es so.

Das Älterwerden und der Gedanke an den Tod kann uns auch zeigen, was wirklich wertvoll ist. Er kann uns zeigen, wie glücklich man über kleine Dinge sein kann, und dass es manchmal vielleicht besser ist, sich auf eine Bank zu setzen um kurz durchzuatmen, als weiter zu hetzen. Er kann uns zeigen, dass wir den Menschen, die wir lieben, besser noch eine halbe Stunde schenken, weil wir irgendwann einmal keine halbe Stunde mehr mit ihnen haben werden. Er kann uns zeigen, dass wir Glück als Glück genießen können, ohne uns Sorgen darüber zu machen, was danach kommt und ob das danach weniger gut ist. Der Tod, er kann uns zeigen, wie wichtig es ist zu leben.

20. März 2015, von Saskia Jungnikl, Journalistin
http://oe1.orf.at/programm/399854

Tags: Familienrecht Familie Suizid – Freitod