Trennung – Narzisstische Persönlichkeitsstörung – Amokfahrt

Amokfahrt vor Gericht: Exfreundin schildert ihr Leben mit dem Angeklagten

Mehr Fragen als Antworten wirft der Fortgang des Prozesses gegen den Angeklagten auf, dem versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen wird.

Was ging in dem 35-jährigen Angeklagten vor, als er am 18. Oktober 2016 kurz nach 14 Uhr mit seinem Auto im Mundiweg in Rheinfelden im ersten Gang durchstartete und auf seine Ex-Freundin und deren neuen Partner zufuhr? Wollte er sie töten? War er auf dieser Fahrt Herr seiner Sinne oder einem heftigen Affekt und nicht von ihm beherrschbaren Impulsdurchbruch ausgeliefert?

Mehr Fragen als Antworten wirft der Fortgang des Prozesses gegen den Angeklagten auf, dem versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen wird. Der Angeklagte spricht relativ gut Deutsch. Ihm fehlen jedoch die Worte, wenn er beschreiben soll, was er in jenen Sekunden fühlte, als er im ersten Gang auf maximal 50 Stundenkilometer beschleunigte und den Wagen in einem Bogen nach links von der Straße weg auf den Zugang zu dem Personaleingang eines Pflegeheims steuerte. Der Wagen erfasste zuerst den neuen Freund seiner Exfreundin und prallte dann gegen die Hausmauer und drückte sie ein. Dank des auslösenden Airbags blieb der Angeklagte unverletzt. Der Freund wurde lebensgefährlich verletzt. Er überlebte nur dank Rettungshubschraubers und Ärzte im Spital in Basel.

Der psychiatrische Gutachter sprach in der Mittagspause noch einmal mit dem Angeklagten. Er berichtet anschließend, dass es dem Angeklagten unter vier Augen leichter falle, über seine Gefühle zu sprechen als vor Richtern und Zuhörern. Dem Gutachter vertraute der Angeklagte in dem Gespräch an, dass er am 18. Oktober 2016 verzweifelt gewesen sei, dass er geglaubt habe, dass nach der Trennung sein Leben vorbei sei. Er habe an jenem Tag mit ihr sprechen wollen, habe auf eine Fortsetzung der Beziehung gehofft. Er sei nicht davon ausgegangen, dass ein neuer Freund an ihrer Seite sein könnte. Als er dann den Mann mit ihr am Eingang gesehen habe, habe er sich wie geschüttelt gefühlt, gedacht, dass das alles nicht wahr sein könne. Er fühlte sich wie Abfall, nicht mehr wie ein Mensch. Da sei er einfach losgefahren, ohne einen Plan.

Therapie gegen Aggressionen

Der Angeklagte sagte dem Sachverständigen auch, dass er um seine Aggressionen wisse, darum dass er sich nicht immer unter Kontrolle habe. Dieses Problem wolle er mit einer Therapie angehen. Am Freitag wurde die 31-jährige ehemalige Freundin mehrere Stunden lang vernommen. Auch sie kommt aus Rumänien, eine Dolmetscherin übersetzt. Der Angeklagte schaut sie aufmerksam an. Das Wiedertreffen scheint ihn aufzuwühlen. Er schluckt mehrfach, die Knöchel seiner Hände verfärben sich weiß, so fest drückt er sie gegeneinander. Er achtet auf jedes ihrer Worte, drei Mal wirft er ein, dass die Dolmetscherin nicht genau genug übersetzt habe. Es sind keine wesentlichen Abweichungen. Manchmal schüttelt er energisch verneinend den Kopf.

Die 31-Jährige beschreibt das Kennenlernen, das Zusammenziehen in Zürich, wo er arbeitete. Sie erinnert sich an glückliche Zeiten, aber auch daran, wie er sie zu kontrollieren begann. Er sei derjenige gewesen, der alles konnte und wusste und sie sei sich immer kleiner und kleiner vorgekommen. Das sei der Grund dafür gewesen, dass sie sich seit Januar 2016 von ihm trennen wollte. Immer wenn sie das Thema ansprach, wurde er aggressiv. Deshalb ließ sie weitere Treffen zu. Im Juni machte sie die Trennung endgültig. Da wohnte sie seit zwei Monaten in Rheinfelden. Er aber habe nicht locker gelassen. Telefonierte täglich, kam angefahren. Die Zeugin berichtet von Schlägen. An Silvester 2015 schlug er sie zum ersten Mal, schloss sie in der Züricher Wohnung ein. Dann kam er mit Blumen und Entschuldigungen zurück. Fortan reagierte er aggressiv, wenn sie ihm sagte, dass sich von ihm trennen wolle. Er drohte mit Selbstmord und drohte, sie und ihre Familie zu töten: Dann sei alles erledigt.

„Es war ständiger Druck“ schildert die Zeugin ihr damaliges Leben. In Rheinfelden habe er mehrfach im Hausflur auf sie gewartet, sie in die Wohnung gedrückt, als sie nach Hause kam. Am 9. September 2016 rastet er in der Wohnung aus, schlägt sie so heftig, dass drei Rippen brechen. Am Tag darauf gibt er ihr die Wohnungsschlüssel zurück, fährt nach Zürich. Sie geht ins Internet, lernt einen Mann kennen, trifft sich mit ihm und erzählt ihre Geschichte. Er bietet ihr an, sie zur Polizei zu begleiten. Er hält Wort. Sie erstattet Anzeige. Wenige Tage später, am 13. September, begleitet sie ihre Chefin zum Familiengericht in Lörrach.

Gegen den 35-Jährigen wird ein Annäherungsverbot verhängt. Die Frau fotografiert das Dokument und schickt es ihm aufs Handy. Er reagiert nicht. Wenige Tage vor dem 18. Oktober schickt er eine SMS. Bittet um eine Unterredung. Sie antwortet nicht. Sie fürchtet sich vor ihm. Wohnt deshalb bei ihrem neuen Freund. Der rettet ihr womöglich das Leben, als er sie an jenem 18. Oktober vor dem heranrasenden Auto zur Seite stößt. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt.

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Amokfahrt vor Gericht: Angeklagter hat ein Problem mit Trennungen

Die Staatsanwaltschaft geht nicht mehr von versuchtem Mord bei der Amokfahrt im Mundiweg aus. Die Ankläger fordern sieben Jahre Haft für den 35-Jährigen.

„Die Anklage ist von einer geplanten Tat ausgegangen, von versuchtem Mord. Das haben wir so nicht feststellen können.“ Dieses Fazit zog Oberstaatsanwalt Rainer Hornung aus Lörrach, am Dienstag, dem dritten Verhandlungstag im Prozess gegen den 35-jährigen Angeklagten, der seine Exfreundin und deren neuen Freund angefahren hatte.

Das Fazit von Hornung: Der Angeklagte habe sich des versuchten Totschlags in zwei Fällen schuldig gemacht, wobei er in seiner Schuldfähigkeit erheblich vermindert gewesen sei. Die schuldangemessene Strafe liege bei sieben Jahren. Darüber hinaus sei er zur Therapie in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Am 18. Oktober 2016 hatte der 35-Jährige im Rheinfelder Mundiweg urplötzlich Gas gegeben und mit seinem Auto auf seine ehemalige Partnerin und ihren neuen Freund zugehalten. Der Mann wurde schwerstverletzt, die Frau blieb physisch unverletzt. Nach zwei Tagen stellte sich der 35-Jährige der Polizei. Da er die Frau zuvor schon gestalkt, bedroht und geschlagen hatte, gingen Polizei und Staatsanwaltschaft Lörrach nicht von einem tragischen Verkehrsunfall, sondern von einer geplanten Tat aus.

Nun ist die Staatsanwaltschaft aber per Gesetz dazu gezwungen, alle be- und entlastendenden Umstände einer Tat zu ermitteln. Ein Mann, der nicht akzeptieren kann, dass seine Freundin sich von ihm trennt, der nach dem Gewaltschutzgesetz ein Annäherungsverbot erhalten hat und dann mit dem Auto auf die Ex und deren Neuen zufährt, kann auf den ersten Blick nur einen Mordversuch aus niedrigen Beweggründen begangen haben. Doch die Wirklichkeit im Fall des 35-Jährigen ist wohl eine andere. Es ist der psychiatrische Gutachter, der am Dienstag dem Gericht noch einmal Rede und Antwort stand. Dieser legte sich, anders als am vergangenen Freitag zu später Stunde nach nochmaliger Würdigung aller Umstände fest. Einen entschuldigenden Affekt zur Tatzeit kann er nach wie vor nicht bejahen. Zu sehr habe der Angeklagte zuvor gegenüber der Frau Gewalt ausgeübt, ihr gedroht sie umzubringen: „Das spricht gegen eine Affekttat.“

Persönlichkeitsstörung als Diagnose

Aber da ist noch das von der ehemaligen Freundin geschilderte Benehmen des Angeklagten in den Monaten vor der Tat. Sein dominantes, sie klein haltendes Verhalten. Sein Verkennen der Realität, dass sie nicht mehr mit ihm leben wollte. Mehrfach hatte sie ihm das gesagt und ihn dabei stets wütend gemacht. Aus Angst hatte sie ihn, nachdem sie nach Rheinfelden gezogen war, immer wieder in ihre Wohnung gelassen. Er hat das als Festhalten an ihm, als Fortsetzung der mehrfach aufgekündigten Beziehung interpretiert. Laut Gutachter konnte er nicht anders. Der Experte hat bei dem 35-jährigen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Sie besteht aus narzisstischen, emotional instabilen und vor allen Dingen aus dependenten Anteilen. Wobei die Dependenz, die Abhängigkeit, von der Beziehung zu der Freundin so stark sei, dass sie aus psychiatrischer Sicht eine schwere Persönlichkeitsstörung darstelle.

Sollte der Angeklagte am Mittag des 18. Oktobers 2016 zum ersten Mal seine Exfreundin mit dem neuen Mann gesehen haben, sollte er in diesem Moment realisiert haben, dass die Wiederaufnahme der Beziehung nunmehr endgültig ausgeschlossen war, dann könnte er darüber so sehr in Wut geraten sein, dass in diesem Moment seine Steuerungsfähigkeit aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung erheblich eingeschränkt gewesen war, so der Gutachter. Sollte seine Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen sein, bestehe wegen der Persönlichkeitsstörung Wiederholungsgefahr.

Bei der nächsten Trennung könnte der 35-Jährige erneut gewalttätig werden. Daher seien auch die medizinischen Voraussetzungen für eine Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus gegeben. Eine Therapie sei notwendig und könne erfolgreich sein. Zumal der Angeklagte im Lauf des Prozesses eingesehen habe, dass er ein Problem mit Trennungen und Aggressionen habe. So sagte er am Dienstag: „Das stimmt mit der Dependenz. Für mich ist es sehr schwierig zu akzeptieren, dass Schluss ist. Deshalb habe ich vor ihrer Wohnung im Auto geschlafen, habe sie angerufen, gehofft, dass es weiter geht. Die Frau war die Liebe meines Lebens. Ich hoffe, dass ich nach der Therapie in der Psychiatrie normale Beziehungen haben werde.“

Sein Verteidiger argumentierte für eine Strafe deutlich unter sieben Jahren. Er hielt auch einen schuldmindernden Affekt für nachgewiesen. Das Urteil wird heute verkündet.

12.04.2017 10:04
http://www.suedkurier.de/region/hochrhein/rheinfelden/Amokfahrt-vor-Gericht-Angeklagter-hat-ein-Problem-mit-Trennungen;art372615,9214118

Fortsetzung:
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Amokfahrer muss in die Psychiatrie statt ins Gefängnis

Die Schwurgerichtskammer in Freiburg hat ein Urteil im Fall der Amokfahrt im Mundiweg in Rheinfelden gefällt. Fünf Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe erhält der Angeklagte für versuchten Totschlag.

„Sie werden so lange in der Psychiatrie behandelt werden, bis Sie nicht mehr gefährlich sein werden.“ Mit diesen, direkt an den 35-jährigen Angeklagten gewendeten Worten endete am Mittwoch die Urteilsbegründung der Vorsitzenden Richterin der Schwurgerichtskammer in Freiburg, Eva Kleine-Cosack. Zuvor hatte der 35-Jährige erfahren, dass er wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen, gefährlicher Körperverletzung und eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt worden ist.

Diese Strafe muss der Verurteilte wohl nicht im Gefängnis verbüßen. Das Gericht hat, in diesem Punkt den übereinstimmenden Anträgen von Staatsanwalt und Verteidiger folgend, die Unterbringung des 35-Jährigen in ein psychiatrisches Krankenhaus angeordnet. Ausweislich des psychiatrischen Gutachters, an dessen Ergebnis sich die Richter orientiert haben, ist der Angeklagte an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung erkrankt und während der Tat in seiner Schuldfähigkeit erheblich vermindert gewesen. Narzistische, emotional instabile und insbesondere abhängige Anteile in seiner Persönlichkeit haben seine Tat vom 18. Oktober 2016 in Rheinfelden nicht nur begünstigt, sondern es überhaupt so weit kommen lassen.

Damals war er mit seinem Auto direkt auf seine ehemalige Freundin und ihren neuen Freund zugefahren. Eine Mischung aus Verzweiflung und Wut, nicht ausschließbar begünstigt durch eine Alkoholisierung von maximal 1,78 Promille, führten dazu, dass er auf wenigen Metern im Mundiweg auf bis zu 50 Stundenkilometer beschleunigte und seinen Wagen von der Fahrbahn auf das Grundstück der Arbeitgeberin seiner ehemaligen Freundin einlenkte. Dabei fuhr er den Lebensgefährten der Exfreundin um, verletzte ihn lebensgefährlich. Dieser hatte seine Partnerin noch zur Seite stoßen können, sodass sie körperlich unverletzt geblieben ist.

Der Angeklagte hatte anfänglich behauptet, dass er seine ehemalige Partnerin nur sprechen wollte. Wut und Verzweiflung stritt er ab. „Wer so fährt, muss wütend gewesen sein“, intervenierte damals die Vorsitzende Richterin. Erst nach und nach konnte der Angeklagte zugeben, dass er wütend geworden sei, nachdem er erkannt hatte, dass der Mann, der sie abholte, ihr neuer Partner war. Einen zweifachen Mordversuch, wie ursprünglich angeklagt, sahen die Richter wegen der krankhaften Persönlichkeitsstörung des Angeklagten für nicht erwiesen. Im Moment des Zufahrens auf das Paar habe er billigend deren Tod in Kauf genommen. Er habe sich aufgrund seiner psychischen Verfassung jedoch keine Gedanken darüber gemacht, dass das Paar arg- und wehrlos war. Auch handelte er aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung nicht aus niedrigen Beweggründen. Das hatten in ihren Plädoyers der Staatsanwalt, der Anwalt des Angefahrenen und der Verteidiger nach der dreitägigen Beweisaufnahme, so gesehen.

Eine Woche beträgt die Frist für das Einlegen der Revision gegen das Urteil. Nach einer kurzen Absprache zwischen Staatsanwalt, Nebenklägeranwalt und Verteidiger teilten alle mit, dass sie das Urteil akzeptieren werden. Das hat für den Angeklagten den Vorteil, dass er mit Rechtskraft des Urteils aus der Untersuchungshaft in die forensische Abteilung des Zentrums für Psychiatrie verlegt werden wird. Dort hat er die Chance, mit Therapien seine Störungen in den Griff zu bekommen, um sich nicht mehr so leicht kränken zu lassen. Vor allen Dingen wird er lernen, mit seinen Aggressionen und Impulsdurchbrüchen umzugehen. Er wird akzeptieren müssen, dass Frauen kein Besitz sind, über die er verfügen darf.

12.04.2017 23:59
http://www.suedkurier.de/region/hochrhein/rheinfelden/Amokfahrer-muss-in-die-Psychiatrie-statt-ins-Gefaengnis;art372615,9215704

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Viel Geld für viel Leid: Wie Gerichtsgutachter Familien zerstören

Nico S. und seine Mutter Eileen wurden Opfer eines gerichtlichen Familiengutachtens. Nico kam in ein Heim und sollte nach dem Willen der Gutachterin nie wieder zur Mutter zurück.

„Das war ja eigentlich eine Entführung“, erinnert sich Nico. „Meine Mutter wusste ja gar nichts. Sie haben mich um acht aus der Schule rausgeholt und es ihr erst um zwölf gesagt.“ Eileen S., seine Mutter, ist noch immer fassungslos, wenn sie sich daran erinnert. „Das war für mich unbegreiflich, dass sie diese Macht ausüben können und dass das auch noch vor Gericht anerkannt wird.“

„Es ist Narrenfreiheit“

Gerichtsgutachten richten immer wieder großen Schaden an. Auch finanziell kommen sie den Betroffenen teuer zu stehen. Bis zu 15.000 Euro können sie kosten. Dabei sind sie oft das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Das bestätigt auch die Psychotherapeutin  und Rechtspsychologin Andrea Jacob: “ Ich habe noch nicht ein einziges Gutachten vorliegen gehabt, das wirklich allen fachlichen Anforderungen entsprochen hätte.“ Dem kann der Rechtsanwalt Thomas Saschenbrecker nur zustimmen: „Es ist Narrenfreiheit. Sie können heutzutage als Sachverständiger völlig enthemmt Geld verdienen, wenn sie gut mit dem Richter auskommen oder mit dem Jugendamt. Es ist kein Hindernis, Tausende und Abertausende Euro jedes Jahr und auch jeden Monat zu verdienen.“

Aus der Schule ins Heim

Das Unheil von Nico begann mit der Trennung der Eltern. Der damals Achtjährige litt extrem darunter, verhielt sich anders als zuvor. Die junge Mutter holte sich psychologischen Rat. Während der Behandlung von Nico entstand der Verdacht, es hätte sexuelle Übergriffe der Mutter gegeben. Ohne ihr Wissen wurde Nico von der Schule weg in ein Heim gebracht. Für die ersten Wochen gab es eine  totale Kontaktsperre. Nico wurde erzählt, die Mutter sei schwer krank. Das machte die Situation für den Jungen besonders furchtbar: “ Da hat man ja auch Sorgen, dass irgendwas bei Mama passiert, dass sie vielleicht, wenn sie so krank ist, auch sterben könnte.“

Nicht nachvollziehbar

Eine vom Gericht bestellte Gutachterin sollte entscheiden, wo Nico leben soll. Nach einem anderthalbstündigen Gespräch mit der Mutter ließ sie in ihrem Gutachten zwar den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs fallen. Dafür unterstellte sie der Mutter eine psychische Erkrankung. Ihre Fähigkeit, für Nico zu sorgen, schätzt sie deshalb als maßgeblich eingeschränkt ein. Sie empfiehlt, Nico dauerhaft fremdunterzubringen. Der Achtjährige sollte also nicht zur Mutter zurück, sondern im Heim bleiben. Für Eileen S. ist das nicht nachvollziehbar. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden, dass es so was überhaupt gibt. Solche Sachen zu äußern, da muss man doch jahrelang in Behandlung sein, damit so was überhaupt diagnostiziert werden kann.“

„Irgendwas zusammengeschrieben“

Weil sie ihren Sohn so schnell wie möglich zurückhaben wollte, ließ sie sich von der Rechtspsychologin und Therapeutin Andrea Jacob noch einmal begutachten. Die neue Gutachterin analysierte auch das Gerichtsgutachten, das für Mutter und Sohn so verheerende Folgen hatte – und kam zu einem vernichtenden Schluss: „Das Gerichtsgutachten von Eileen S. ist völlig unverwertbar. Sämtliche Richtlinien für Gutachten werden hier mit Füßen getreten, werden gar nicht angewandt. Es ist einfach irgendwas zusammengeschrieben worden, was Dritte erzählt haben, ohne eigene wirklich haltbare Untersuchungen vorzunehmen.“

Fast überall folgenschwere Mängel

An die Rechtspsychologin wenden sich betroffene Familien aus ganz Deutschland. Insgesamt hat sie fast 1.000 Expertisen zu Familienrechtsgutachten verfasst. Das erschreckende Ergebnis: Nahezu bei allen hat sie Mängel festgestellt, die zu massiven Eingriffen in das Leben der Familien geführt haben.

Da konstatierte etwa ein Gutachter einem Vater nach lediglich telefonischem Kontakt eine mit hoher Sicherheit vorhandene psychische Erkrankung. Die  Folge: Der Vater darf seine Kinder nur im begleiteten Umgang sehen.

Ein anderes Gutachten, das von einer Sozialpädagogin erstellt wurde, führte dazu, dass Eltern trotz ihrer bedeutsamen Bindungsbeziehung ihre vier Kinder entzogen wurden.

Der Richter entscheidet über den Gutachter, nicht die Qualifikation

Wie aber können solche Gutachten zustande kommen? Rechtspsychologin Andrea Jacob erklärt die Rahmenbedingungen: „Nach der derzeitigen Rechtslage darf jeder ein Gutachten schreiben, den der Richter bestellt. Ob er es kann, ist eine andere Frage. Wenn der Richter sagt: ‚Der kann das gut, den ich halte für kompetent‘, dann darf er Gutachten erstellen. Das ist haarsträubend, insbesondere wenn es um Kinder geht.“

Ungeeignete Tests

Im Prinzip darf also jeder ein Familienrechtsgutachten schreiben. Doch selbst ausgebildete Psychologen arbeiten oft unwissenschaftlich. Malt ein Kind in einem Test die Eltern zum Beispiel als Tiere, zieht mancher Gutachter daraus Schlüsse, wie gut oder schlecht die Bindung ist. Bei einem anderen Test, dem Rorschach-Test soll der Proband sagen, was er in den Klecksen erkennt. Solche Tests sind nach Ansicht der Rechtspsychologin als Beweis vor Gericht aber ungeeignet: „Da kann man deuten und reininterpretieren wie man will, da ist man einfach frei. Da kommt es auf die Psyche des Gutachters an, was er darin sieht, aber nicht so sehr auf das, was das Kind sieht.“

Alarmierende Ergebnisse

Das Problem ist nicht neu. Es besteht es schon seit Jahrzehnten, wie zum Beispiel eine wissenschaftliche Studie aus den 1980er-Jahren zeigt, die gravierende Mängel in Familienrechtsgutachten anmahnt.

Einer aktuellen Untersuchung zufolge hätte die Hälfte der untersuchten Gutachten nicht vor Gericht verwertet werden dürfen. Der Sozialpsychologe Prof. Dr. Stefan Stürmer von der Fernuniversität Hagen, der die Untersuchung mit leitete, warnt: „Gerade vor dem Hintergrund der Tragweite, dass hier Eingriffe durch die richterliche Entscheidung in die Lebenswege von Kindern und natürlich den Eltern getroffen werden, ist diese mangelnde Qualität in einem erheblichen Teil der Gutachten alarmierend.“

Schwer, sich zu wehren

Selbst wenn man sich wie die Mutter von Nico gegen ein Gutachten zur Wehr setzt, hat dies kaum Konsequenzen. Ihr Gegengutachten, in dem ihr bescheinigt wird, vollumfänglich erziehungs- und geschäftsfähig zu sein, wollte vor Gericht niemand sehen.

Auch ein Vater von zwei Söhnen wehrte sich. Dem Professor wurde in einem Familienrechtsgutachten kurzerhand eine „paranoid-querulatorische Tendenz in Form einer Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert. Er verklagte die Gutachterin – mit Erfolg. Sie nahm die Diagnose wieder zurück. Die rund 10.000 Euro für das Gutachten musste er trotzdem zahlen. Hinzu kamen die Kosten für die beauftragten Gegengutachten und den gesamten Prozess.Es ist die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, das schlimmste Gefühl, was man dabei hat„, beschreibt er seine Empfindungen.

Lukratives Geschäft

Obwohl die Gutachten häufig gravierende Mängel aufweisen, müssen die betroffenen Familien oder der Steuerzahler teuer dafür zahlen. Wie lukrativ das Geschäft für die Gutachter ist, erklärt Anwalt Thomas Saschenbrecker: „Die  Gutachter sind die, die am familiengerichtlichen Prozess am meisten verdienen. Das sind im Regelfall 5.000 bis 15.000 Euro. Die Gutachter verdienen an so einem Fall, aber sie haften für nichts. Das Geld wird ausgeben, ohne dass jemand zur Verantwortung gezogen wird, wenn tatsächlich etwas schiefläuft.“

Wer trägt die Verantwortung?

Bundesjustizminister Heiko Maas verspricht jetzt Besserung. Nach seinem Gesetzentwurf sollen im Familienrecht die Gerichte künftig qualifizierte Sachverständige ernennen. Wie das sichergestellt werden soll, bleibt allerdings unklar.

Was vor allem fehlt, sind klare Vorgaben für die Qualität des Gutachtens und eine Regelung, wer bei Fehlleistungen verantwortlich ist. Der ehemalige Familienrichter Jürgen Rudolph bringt das Problem auf dem Punkt: „Es gibt überhaupt keine Verantwortlichkeit. Der  Richter verschanzt sich, das kann man ruhig so sagen, hinter dem Gutachten und die Sachverständigen sagen zu Recht: ‚Ich habe ja nicht entschieden.‘ Das ist eigentlich nach wie vor die unerträgliche Situation.“

Offene Fragen

Über dieses Problem hätte „Plusminus“ gern mit dem Bundesjustizminister gesprochen, aber er hatte keine Zeit für uns. Die nach wie vor aktive Gerichtsgutachterin, die für Nico und seine Mutter so folgenschwere Schlüsse gezogen hatte, reagierte gar nicht erst auf die „Plusminus“-Anfrage.

Nicos Weg zurück

Dass Nico heute wieder bei seiner Mutter lebt, hat er seinem eigenen Kampf gegen die Willkür zu verdanken. Er verweigerte sich allem, verletzte sich selbst. Aus Angst um sein Leben, ordneten Ärzte eine Mutter-Kind-Kur an. Danach ließ man sie wieder zusammen leben. Doch die erzwungene Heimunterbringung hatte Spuren hinterlassen: „Ich kam ja zurück, da hatte ich sehr viel Angst, dass da einfach wieder zwei Menschen, zwei Männer stehen, die mich dann einfach wieder mitnehmen.“ Die Mutter erinnert sich: „Ich habe ihn dann sechs Monate in die Schule begleitet, ich habe neben ihm gesessen und ja ich habe alles getan, was man sich vorstellen kann, ja das Kind zu begleiten und ihm die Angst zu nehmen.“

 Mittlerweile ist wieder Normalität in ihr Leben eingekehrt. Und Nico freut sich über ein Schwesterchen, das schon bald geboren wird.

Autoren: Christiane Cichy, Jürgen Magister

 Stand: 05.11.2015 12:15 Uhr

http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/familiengericht-gutachten-100.html
Tags: Gutachten sind für Richter – Plusminus – Kinderhandel – Kinderrechte – Kindesabnahme – In Obhutnahme – Menschenrechtsverletzung – Eileen Seidler – Nico Seidler –