Berlin – Gibt es Verbindungen zum Pädo-Netzwerk des belgischen Kindermörders Marc Dutroux

Spurlos vermisst – Wenn Kinder in Berlin verschwinden

Nach Elias aus Potsdam wird seit einem Monat gesucht. Mehr als 5000 Kinder werden in Berlin pro Jahr kurzzeitg vermisst.

Berlin/Potsdam. Es ist das Schreckensszenario für jede Mutter, jeden Vater: Das Kind ist nicht nach Hause gekommen. Hektische Anrufe in der Schule, schnelle SMS an Freunde und Verwandte. Wo steckt das Kind? Mehr als 100.000 Mal spielen sich jedes Jahr in Deutschland solche oder ähnliche Szenen ab. Denn so viele Kinder und Jugendliche werden Jahr für Jahr als vermisst gemeldet. In Berlin waren es im vergangenen Jahr 5248. Im Schnitt vierzehn pro Tag. Aber in 99 Prozent der Fälle tauchen sie nach kurzer Zeit wieder auf. Der Adrenalinspiegel der Eltern kann wieder sinken. Meist sind es Ausreißer, die schnell reuig werden und nach Hause zurückkehren.

Doch zum Horror für Eltern wird es, wenn es auch nach Stunden kein Lebenszeichen des Kindes gibt. Wenn die alarmierte Polizei trotz groß angelegter Suche keinen schnellen Erfolg vermelden kann. Wenn die Ungewissheit mit jedem Tag steigt. Wenn die Fragen zermürbend werden, die Nächte zur Qual. Lebt mein Kind noch? Ist es in die Fänge eines Triebtäters geraten? Oder ist es beim Spielen in einen unzugänglichen Schacht gestürzt? Liegt dort, möglicherweise verletzt? Wartet auf Rettung? Schreit sich die Lunge aus dem Leib?

Seit vier langen Wochen muss sich die Mutter von Elias mit ähnlichen oder noch schlimmeren Gedanken herumplagen. Genau vor einem Monat, am 8. Juli 2015, verschwindet der Sechsjährige. Spurlos. Zuletzt wird der Erstklässler gegen 18 Uhr auf einem Spielplatz vor der Wohnung der Mutter im Potsdamer Wohngebiet Am Schlaatz gesehen.

Versäumnisse der Polizei?

Seither haben 1900 Polizisten nach dem Jungen gesucht. Taucher, Bagger, Spürhunde werden eingesetzt. Selbst der Wasserstand des nahen Flüsschens Nuthe wird abgesenkt. Damit der Grund besser abgesucht werden kann. Hunderte Freiwillige durchkämmen das Wohngebiet. Die eigens eingerichtete Soko „Schlaatz“ wertet 300 Stunden Videomaterial und 1000 Bilder aus, befragt mehr als 1000 Anwohner, geht 900 Hinweisen nach. Elias bleibt verschwunden. Genauso wie die fünfjährige Inga aus Sachsen-Anhalt. Sie wird seit mehr als drei Monaten vermisst. Einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen sehen die Ermittler aber nicht.

„Ein solcher Vermisstenfall ist mir in meiner polizeilichen Laufbahn bisher noch nicht begegnet“, sagt der Leiter der Soko „Schlaatz“, Michael Scharf. Ungewöhnlich an diesem Fall sei die Tatsache, „dass der Junge in einer recht kurzen Zeitspanne und scheinbar ohne Spuren und Zeugen verschwunden ist“, betont der Leitende Polizeidirektor. Was könnte Elias zugestoßen sein?

>>> Fall Elias – Chronik einer erfolglosen Suche in Potsdam <<<

Für die Polizei kommen zunächst sowohl Weglaufen wie auch ein Unfall oder ein Verbrechen in Betracht. Konkrete Anhaltspunkte gibt es bisher für keine der Varianten. Doch immer mehr hat sich ein Szenario herauskristallisiert: das „unfreiwillige Verschwinden“ des Jungen, wie es der Soko-Chef formuliert. Vager geht es kaum. Doch auch die Polizei muss sich an etwas klammern.

Hat sie vielleicht doch Fehler gemacht? Zu spät die Öffentlichkeit informiert? Das geschah am zweiten Tag von Elias‘ Verschwinden. Und hat die Polizei so möglicherweise entscheidende Hinweise nicht bekommen?

„In einem Vermisstenfall sind die ersten Stunden die wichtigsten“, sagt der Vorsitzende der Initiative Vermisste Kinder, Lars Bruhns (siehe Interview). Ziel müsse sein, möglichst schnell und umfassend die Bevölkerung zu informieren. Auch über die Kanäle der sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook.

Für Elias und Inga kommen solche Überlegungen zu spät. Und wenn nicht noch Kommissar Zufall den Ermittlern eine heiße Spur bringt, werden sich die beiden Fälle wohl in jene Vermisstenakten einreihen, die seit Jahren offen sind. Dazu zählen in Berlin:

Manuel Schadwald

Vermisst wird seit dem 24. Juli 1993 der damals zwölfjährige Manuel Schadwald aus Tempelhof. An diesem Tag ist er auf dem Weg in das Freizeit- und Erholungsheim (FEZ) in der Wuhlheide. Angekommen ist er dort nicht. Die Suche nach ihm bringt keine verwertbaren Hinweise. Deshalb vermuten Ermittler schnell, dass Manuel verschleppt wurde. Dann meldet sich ein Privatdetektiv aus Belgien und behauptet, dass der Junge in einem Amsterdamer Kinderbordell aufgetaucht sei. Die holländische Polizei ermittelt in der Rotlichtszene. Ohne Erfolg. Anfang Juli dieses Jahres gibt es dann neue Hinweise. Möglicherweise sei er auf einer Segeljacht in den Niederlanden bei Sexspielen ums Leben gekommen. Es könnte auch eine Verbindung zum Netzwerk des belgischen Kindermörders Marc Dutroux geben. Doch bei der Berliner Polizei heißt es am Freitag auf Anfrage: „Derzeit gibt es keine neuen Ermittlungsansätze zum Aufenthaltsort des Manuel Schadwald.“

Samir Beganovic

Der damals elfjährige Junge, geboren in Bosnien, verschwindet am 12. Februar 1994 am Bahnhof Zoo. Er ist auf dem Weg zu seinem Onkel in Kreuzberg. Warum er dorthin gegen 22 Uhr aufbricht, ist bis heute unklar. Klar ist nur: Er kommt dort nicht an. Weil die Familie 1999 unbekannt verzogen sei, seien keine weiteren Ermittlungen möglich, so die Polizei.

Fernando Manuel Augusto

Der damals neunjährige Fernando Manuel Augusto aus Berlin verschwand am 15. Januar 1995. „Bei uns gilt der Fall als geklärt“, sagt ein Sprecher der Berliner Polizei, „da es zwischenzeitlich ein Lebenszeichen des Jungen aus dem Ausland gegeben hat und Anhaltspunkte für eine Straftat nicht vorliegen.“

Marcel Hermeking

Am 21. September 1997 steigt der Junge in eine U-Bahn in Berlin, will zum Alexanderplatz. Zeugen erinnern sich später an sein aufgewecktes Verhalten in der Bahn. Gerüchte, dass er dann von einem Mann zum Weltkindertag begleitet wurde, bestätigen sich später nicht. Später gerät ein tatverdächtiger Elektriker ins Visier der Ermittler, ein Haftbefehl wird erlassen – doch am Ende kommt er auf freien Fuß, die Beweise reichen nicht aus. Das Schicksal von Marcel ist weiter ungeklärt.

Sandra Wißmann

Sie wird am 28. November 2000 am Kottbusser Damm in Berlin zuletzt von Mitschülern gesehen – bekleidet mit einer blauen Steppjacke. Dabei erwähnt die Zwölfjährige, dass sie ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter kaufen will. Als sie am Abend noch nicht zu Hause ist, alarmiert die Mutter die Polizei. Die Behörde startet eine große Suche. Häuser, Wohnungen und Keller in der Gegend werden durchkämmt, ohne Ergebnis. In einer Sendung von „Aktenzeichen XY“ im November 2001 sucht die Polizei nach einem Mann, der in der Gegend ein anderes Mädchen angesprochen hat. Es melden sich auch Zuschauer, die den Mann erkannt haben wollen.

Zu einer Festnahme kommt es aber nicht. Ein Jahr später wird ein 25-Jähriger festgenommen. Er soll eine Neunjährige auf einem Dachboden eines Hauses am Maybachufer missbraucht haben. Nur wenige Meter von Sandras Wohnung entfernt. Er soll weitere Kinder missbraucht haben. Doch die Kripo kann keinen Zusammenhang mit dem Fall Sandra herstellen. Die Polizei hat weiter Kontakt zu den Angehörigen der Vermissten.

Georgine Krüger

Hunderte Polizisten durchkämmen, im Frühherbst 2006, auf der Suche nach Georgine Krüger Moabit. Sie wird am 25. September 2006 zum letzten Mal gesehen, als sie gegen 13.50 Uhr an der Perleberger/Ecke Rathenower Straße aus dem Bus der Linie M27 aussteigt. Es sind nur 200 Meter bis zur Wohnung. Doch Georgine kommt dort nie an. Abends informiert die Mutter die Polizei. Daraufhin durchsuchen Polizisten 240 Wohnungen, Keller und Dachböden, Hinterhöfe und sogar Mülltonnen. Nachbarn und Geschäftsleute, Lehrer und Mitschüler werden befragt. Auch dem Busfahrer der Linie M27, mit dem Georgine täglich von der Schule bis zur Haltestelle in der Perleberger Straße fährt, stellen die Beamten Fragen. Fest steht: Kurz vor 14 Uhr telefoniert sie noch mit einer Freundin, dann wird ihr Handy abgeschaltet – und nicht mehr aktiviert. Auch die Ermittlungen zum Fall Georgine dauern an.

08.08.2015, 05:40
http://www.morgenpost.de/berlin/article205547301/Spurlos-vermisst-Wenn-Kinder-in-Berlin-verschwinden.html
Tags: Pädophile

Ein Berliner Junge verschwindet, ein belgisches Mädchen stirbt – die Fälle wirken bis heute nach

Artikel vom  / Ausgabe 28 / Seite 18

 

1993

24. Juli 1993: Manuel Schadwald, damals 12 Jahre, verschwindet an einem Samstagvormittag. Er sagte seiner Mutter, er wolle in einen Berliner Freizeitpark. Dort kam er allerdings nie an

1994

16. Juni 1994: Ein Mann ruft bei einer Berliner Beratungsstelle an und sagt, Manuel sei in Amsterdam gestorben. Die Berliner Polizei bittet die Kollegen dort um Hilfe

1995

Die Polizei ermittelt einige Monate in der Rotterdamer Kinderprostitutionsszene – zunächst erfolglos. Im Juni 1995 gibt es einen neuen Hinweis. Demnach wurde Schadwald nach Holland verschleppt

1996

13. August 1996: Die belgische Polizei nimmt in einem Dorf bei Charleroi zwei Männer fest, sie sollen ein 14-jähriges Mädchen entführt haben. Ihre Namen: Marc Dutroux (Foto) und Michel Lelièvre

September 1996: Auf einem Grundstück von Dutroux gräbt die Polizei die Leichen zweier Mädchen aus: Eine der beiden ist Eefje Lambrecks (19, Bild rechts)

1997

November 1997: Im niederländischen Fernsehen läuft eine Dokumentation zum Fall Manuel Schadwald. Erstmals wird darüber berichtet, dass der Junge im Kinderpornomilieu verschwunden sein soll

1998

April 1998: Medien in Deutschland und Holland berichten übereinstimmend, dass niederländische Polizisten Schadwald schon 1994 an der Seite eines Rotterdamer Kinderbordellbesitzers gesehen hätten. So steht es in einem Polizeivermerk. Foto: das Fahndungsplakat der Rotterdamer Polizei

Juni 1998: Der Belgier Robby van der P. behauptet gegenüber Medien, er habe Schadwald von Berlin aus in die niederländische Kindersex-Szene gebracht – zunächst in ein Bordell in Rotterdam. Von dort sei der Junge nach Amsterdam gebracht worden

Juli 1998: Der mutmaßliche Entführer des vermissten Berliner Jungen Manuel Schadwald erschießt seinen Liebhaber Gerrit Ulrich (Foto). In dessen Wohnung in Holland finden Ermittler kurz darauf Zigtausende kinderpornografische Fotos und Filme

November 1998: Eine belgische Sozialarbeiterin rast mit ihrem Auto ungebremst gegen einen Brückenpfeiler. Sie hatte Medien gegenüber gesagt, sie besitze einen Film, der den Mord an einem Kind zeige – angeblich handelt es sich um Schadwald

1999

Sommer 1999: Ein hochrangiger, mit den Ermittlungen betrauter Amsterdamer Polizist sagt im vertraulichen Gespräch mit den Reportern dieser Zeitung, der Fall Schadwald sei eine heikle Sache. Selbst der niederländische Geheimdienst habe seine Finger im Spiel

2004

1. März 2004: In Belgien beginnt der Prozess gegen Marc Dutroux und drei Mitangeklagte. Sie müssen sich wegen der Entführung und des Todes von vier Mädchen verantworten

22. Juni 2004: Der Gerichtsprozess gegen Dutroux und seine drei Mittäter endet. Das Urteil: lebenslänglich für Dutroux, 30 Jahre für seine Ex-Frau, 25 Jahre für Lelièvre und fünf Jahre für einen weiteren Komplizen, Michel Nihoul. Dieser allerdings wurde wegen Handels mit Drogen und Menschen schuldig gesprochen, er saß nur zwei Jahre im Gefängnis

2011

April 2011: Recherchen der „Welt am Sonntag“ ergeben: Ein Kinderbordell-Besitzer aus Amsterdam ist in den Fall Schadwald verwickelt. Angeblich ist der Junge auf einer Segelyacht im Ijsselmeer bei gewaltsamen Sexspielen gestorben. Da es sich nur um eine Quelle handelt, veröffentlichen wir diese Information nicht

2015

Anfang 2015: Der Vater des Dutroux-Opfers Eefje Lambrecks und seine Lebensgefährtin wenden sich an die „Welt am Sonntag. Sie haben jahrelang selber Informationen gesammelt. Nun erzählen sie von einem Verdacht: Dutroux sei Teil eines großen europäischen Netzwerks von Kinderschändern – dem auch Schadwald zum Opfer gefallen sei

Februar 2015: Ein ehemaliger Ermittler der niederländischen Polizei erzählt der „Welt am Sonntag“ von einem Bericht des niederländischen Geheimdienstes AIVD (Logo siehe Abbildung unten). Demnach war „ein deutscher Junge“ – mutmaßlich Schadwald – in die Fänge eines Kinderporno-Rings geraten

März 2015: Ein Enthüllungsjournalist der niederländischen Tageszeitung „AD“ („Algemeen Dagblad“), der zum Fall Schadwald recherchiert, findet neue Hinweise, die den Kinderporno-Verdacht erhärten

Juli 2015: Nach Jahren des Schweigens berichtet ein Mann des niederländischen Geheimdienstes der „Welt am Sonntag“ und dem Enthüllungsjournalisten des „AD“: Schadwald sei tatsächlich auf einer Yacht (siehe Foto) im Ijsselmeer umgekommen

Artikel vom  / Ausgabe 28 / Seite 18
http://www.welt.de/print/wams/article143858453/Eine-Chronik.html

Dutroux war vermutlich kein Einzeltäter – sondern Teil eines europaweiten Netzwerks

Die verlorenen Kinder

Manuel Schadwald

1993 verschwand in Berlin ein 12-jähriger Junge: Manuel Schadwald. 1996 schockierte der Fall des mehrfachen Kindermörders Marc Dutroux die Welt. Dutroux war vermutlich kein Einzeltäter – sondern Teil eines europaweiten Netzwerks. Ist dem auch Schadwald zum Opfer gefallen? Gemeinsame Recherchen mit der holländischen Zeitung „Algemeen Dagblad“ zufolge kam er auf einer Yacht in Holland ums Leben. Unsere Autoren Dirk Banse und Michael Behrendt verfolgen den Fall seit 18 Jahren

Wenn Jean Lambrecks über die Kindheit seiner Tochter spricht, verschwindet die Traurigkeit aus seinem Gesicht. Dann vergisst er für wenige Momente, was Belgiens bekanntester Verbrecher Marc Dutroux seiner Eefje angetan hat. Erinnert sich, wie liebevoll sie war, als Kind schon, wie spontan, interessiert. Vor allem an Technik und Musik. Ihre Noten waren gut, das Abitur hatte sie ja gerade erst erfolgreich bestanden. Journalistin wollte sie werden, sagt Jean Lambrecks, „sie wollte über andere Menschen berichten“.

Stattdessen wurde über sie berichtet, weltweit. Über das 19-jährige Mädchen, das vergewaltigt, gefesselt und betäubt worden war. Das in eine Plastikfolie eingewickelt und lebendig begraben wurde auf einem Grundstück nahe der trostlosen Stadt Charleroi in der Wallonie, Belgien. Wo man sie schließlich verscharrt unter einem Schuppen fand. Die Traurigkeit ist in das Gesicht des 67-Jährigen längst zurückgekehrt. Er erinnert sich noch genau.

Eefje hatte mit ihrer Freundin An Marchal Urlaub an der belgischen Küste in Westende gemacht. Von einem Ausflug kamen sie nicht zurück. Blieben verschwunden, trotz umfangreicher Suchaktionen. Monate, ein Jahr.

376 Tage später, am 3. September 1996, wurden ihre Leichen ausgegraben. Drei Wochen, nachdem Marc Dutroux in Belgien verhaftet worden war, das Ausmaß seiner Verbrechen langsam offenbar wurde. Zwei weitere Mädchen hatte er vergraben, zwei konnte die Polizei aus einem geheimen Verlies im Keller seines Hauses befreien. Alle Mädchen waren gefoltert und vergewaltigt worden.

Der Skandal um Marc Dutroux erschütterte Belgien in den Neunzigerjahren nachhaltig und sorgte weltweit für Entsetzen. Wie konnte es sein, dass ein polizeibekannter Sexualstraftäter, der wegen Entführung und Missbrauch bereits mehrere Jahre in Haft gesessen hatte, nicht früher gefasst worden war? Wie war ein Mensch zu so grausamen Verbrechen an Kindern in der Lage? 2004 fand schließlich der Prozess statt, Marc Dutroux wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber Zweifel begleiteten den Fall weiter. Vor wenigen Wochen erst veröffentlichte die belgische Zeitschrift „Le Soir Magazine“ eine Umfrage zum Fall Dutroux. Das Ergebnis: 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Wahrheit nicht bekannt sei – fast 20 Jahre nach der Verhaftung des Kindermörders. Wurde wirklich alles getan, um den Fall aufzuklären? Gibt es noch weitere Opfer? Und weitere Täter? Fragen, die lauter werden.

Der Mann mit den blassblauen Augen nippt am Rotwein, während er am Kamin eines belgischen Landgasthofs in der Nähe von Hasselt von seiner langen Suche nach der Wahrheit erzählt. Das Essen rührt Jean Lambrecks kaum an. Es fällt ihm an diesem Mai-Abend sichtlich schwer, über all das zu reden. Seine Hand liegt auf der seiner neuen Lebensgefährtin Els Schreurs. Sie beschäftigt sich inzwischen fast genauso intensiv mit dem Fall wie Lambrecks. Als sie sich 2009 kennengelernt haben, war Els Schreurs sofort klar, wie viel Raum der Fall im Leben dieses Mannes einnahm, und vor allem die Hoffnung auf Aufklärung. Ihr ging es bald ähnlich. Der Mörder von Eefje verbüßt eine lebenslange Haftstrafe im Gefängnis, aber Ruhe fanden sie nicht. „Man will uns und die Weltöffentlichkeit glauben lassen, dass Dutroux ein Einzeltäter war. Aber das stimmt nicht. Wir haben sehr viele Hinweise darauf, dass er Teil eines Netzwerkes war, das nicht nur in Belgien existierte.“

Jean Lambrecks und seine Lebensgefährtin tragen fast jeden Tag Informationen zu dem Dutroux-Komplex zusammen, wollen jetzt darüber sprechen. Es gebe zahlreiche Spuren, sagen sie, unter anderem nach Deutschland und in die Niederlande. „Sie werden bis heute von den Behörden vertuscht. Vermutlich deshalb, weil Geheimdienste eine Rolle spielen. Schließlich geht es um Erpressung von einflussreichen Persönlichkeiten mit Kindersex“, sagt Els Schreurs.

Tatsächlich spricht auch Marc Dutroux selbst von kriminellen Strukturen mit Kontakten in hohe Gesellschaftskreise. „Ja, es gibt ein Netzwerk, das sind Schwerverbrecher. Ich stand in Verbindung mit bestimmten Leuten aus dem Netzwerk“, sagte er schon beim Prozess im Jahr 2004. 2012 schrieb der Mörder einen handschriftlichen Brief an den Vater eines des anderen getöteten Mädchen, Julie Lejeune. Auch darin behauptet Dutroux, dass er „auf dem Altar der Interessen der kriminell Unantastbaren“ geopfert werde, die tadellos organisiert seien und über Mittel verfügten, „die königlichen Institutionen“ zu beeinflussen. Zum Fall Eefje schreibt Dutroux dort, dass vonseiten der Justiz alles unternommen worden sei, „damit die Wahrheit nur bei einem Einzeltäter gesucht wurde“.

Wer diese „kriminell Unantastbaren“ waren, das sagt Dutroux bis heute nicht.

Jean Lambrecks und seine Lebensgefährtin glauben dem Mörder seiner Tochter in diesem einen Punkt. „Er war eine Art Händler“, sagt Els Schreurs. Dutroux habe Kontakte ins europäische Ausland. Er sei unter anderem mit einem Pädophilenring in den Niederlanden vernetzt gewesen, der für die Verschleppung von Jungen aus Polen und Deutschland in Kinderbordelle nach Rotterdam und Amsterdam verantwortlich war.

Tatsächlich war Marc Dutroux in den Niederlanden unterwegs, er ist dort mehrfach im Milieu gesehen worden, das bestätigen Augenzeugen. In Amsterdam stand er in Kontakt mit Menschen aus der Szene, verkehrte in den einschlägigen Lokalen. Und in Amsterdam verlieren sich in diesen Jahren auch die Spuren anderer Kinder. Etwa die des seit 1993 vermissten Berliners Manuel Schadwald, einer der bekanntesten Vermisstenfälle der Bundesrepublik.

Es gibt keine Leiche in diesem Fall, es gibt keinen Mörder. Der damals 12-Jährige ist einfach verschwunden. Aber es häufen sich die Hinweise, dass es Zusammenhänge gibt zwischen dem Verschwinden Manuel Schadwalds und dem Tod des belgischen Mädchens Eefje Lambrecks.

„Es gibt Parallelen zwischen dem Tod meiner Tochter und dem Verschwinden des Berliner Jungen. In beiden Fällen ist die ganze Wahrheit bislang nicht bekannt. Irgendjemand hat ein großes Interesse daran, das Ausmaß der Verbrechen zu verschleiern“, sagt Jean Lambrecks in dem Landgasthof an diesem Tag. Immer wieder wird er still. Und schaut lange in das Feuer des Kamins. Er und seine Lebensgefährtin haben sich in den vergangenen Jahren auch intensiv mit dem Fall Schadwald beschäftigt. Zeitungsartikel studiert, Zeugen getroffen, Unterlagen ausgewertet. Jean Lambrecks sagt: „Es gibt mittlerweile genügend Hinweise darauf, dass der Junge in die niederländische Kinderprostitutions-Szene verschleppt wurde.“

Manuel Schadwald verschwand an einem Sonnabend, es war der 24. Juli 1993. Er wollte in ein Freizeitzentrum im Berliner Stadtteil Köpenick, sagte seine Mutter später. Doch dort kam er nie an. Manuel war ein hübscher Junge mit dunklen Haaren und zarten Gesichtszügen. Freunde beschrieben ihn als schüchtern, sensibel und introvertiert. Die Eltern hatten sich früh getrennt, Mitschüler sollen der Polizei später berichtet haben, dass sich die Mutter nicht ausreichend um ihren Sohn gekümmert und ihn manchmal über Nacht allein gelassen habe. Trotzdem war er ein guter Schüler. Er sollte nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln. Aber dann verschwand er.

Vier Jahre später, im November 1997, tauchte der Name des Berliner Jungen plötzlich wieder auf. Ein niederländischer Fernsehsender berichtete von dem Verdacht, dass Manuel Schadwald auf einem Kinderporno-Film zu sehen sei. Die deutschen Medien reagierten sofort, die Öffentlichkeit war schockiert.

Die Berliner Polizei dementierte schnell, dass der Junge auf dem Video Manuel Schadwald gewesen sei. Sie machte allerdings nicht öffentlich, dass es in den Jahren zuvor tatsächlich zahlreiche Hinweise an die Ermittler zu dem Verschwinden des Jungen gegeben hatte. Und dass diese Hinweise auch in die Richtung der Kinderprostitutions-Szene in den Niederlanden deuteten.

So erhielt die Berliner Polizei bereits im Juni 1994 – also nicht einmal ein Jahr nach Manuel Schadwalds Verschwinden – eine wichtige Information. Damals hatte ein Mann bei der Beratungsstelle für schwule und bisexuelle Männer „Mann-O-Meter“ im Berliner Stadtteil Schöneberg angerufen und folgende Nachricht hinterlassen: „Ja, ich möchte meinen Namen nicht nennen. Ich wollte nur sagen, ich hab Beweise, dass der kleine Manuel in Amsterdam, ja in Amsterdam, in Holland, dass der tot ist. Ich hab wirklich Beweise dafür.“ Anschließend erfolgte die Beschreibung eines Mannes. „Wenn ihr ihn habt, habt ihr auch die Leiche von Manuel in Amsterdam.“

Das Originalband übergaben die Aktivisten am selben Tag der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes Berlin. Die Berliner Polizei reagierte auch prompt. Sie stellte ein Ermittlungsersuchen nach Amsterdam und fragte einen Tag später auch bei Interpol an – ergebnislos. Die Berliner Beamten begannen auch gemeinsam mit der Rotterdamer Polizei zu ermitteln. Im Februar 1995 wurden diese Ermittlungen jedoch eingestellt. Im Abschlussvermerk der niederländischen Fahnder stand, dass sich Manuel nicht in Rotterdam aufhalte oder aufgehalten habe. Bei der Berliner Polizei klappte man zunächst die Akte mit den holländischen Verbindungen zu.

Nachdem nun im November 1997 die Hinweise zu Manuel Schadwalds Rolle in einem Kinderporno aufkamen, schien die Berliner Polizei sich tatsächlich besondere Mühe zu geben, ihre Erkenntnisse zu den Ermittlungen für sich zu behalten. Noch im Herbst 1998 erklärte sie, es gebe bis heute keinen konkreten Nachweis, ja nicht einmal den kleinsten Hinweis, dass Manuel Schadwald überhaupt dieser Szene angehört habe. Aber die Hinweise gab es schon längst. Und genau das konnten Journalisten der Polizei auch wenig später nachweisen.

Heute formuliert die Berliner Behörde ihre Erkenntnisse anders. So steht etwa auf ihrer Internetseite zu dem Fall Schadwald: „In den vergangenen Jahren gingen auch Hinweise ein, die auf Verbindungen zur Homosexuellen- bzw. zur Kinderporno-Szene in den Niederlanden bzw. Belgien schließen ließen. Diese Hinweise konnten jedoch nicht verifiziert werden.“ Auf Nachfrage antwortete die Polizei in dieser Woche erneut, dass es keinerlei neue Erkenntnisse zu Manuel Schadwalds Verbleib gebe.

Recherchen des „Algemeen Dagblad“ und der „Welt am Sonntag“ in diesen Ländern kommen allerdings zu einem anderen Ergebnis. Mehrere hochrangige Polizisten, Mitglieder von Geheimdiensten und Leute aus der Kinderporno-Szene haben bestätigt, dass sich Manuel Schadwald in den Kinderbordellen in Rotterdam und Amsterdam habe prostituieren müssen. Ermittler sagten, dass sie sich offiziell nicht äußern dürften und dazu sogar schriftlich verpflichtet worden seien. Einer der wichtigsten niederländischen Fahnder bringt es mit zwei Sätzen auf den Punkt: „Natürlich war der Junge hier. Aber die Sonne wird nicht auf diesen Fall scheinen.“ Er rechnet nicht mit einer Aufklärung des Falles, solange einflussreiche Kräfte sie verhindern.

Es gibt weitere Fälle vermisster und ermordeter Kinder, die bis heute unaufgeklärt sind. Und bei denen Spuren in die Kinderprostitutions-Szene führen. Warum führten die Ermittlungen kaum zu greifbaren Ergebnissen? Wer behindert die Aufklärung? Und warum? Sind Antworten auf diese Fragen in Belgien und vor allem den Niederlanden zu finden?

Ein Zeuge aus der Szene schrieb in einer eidesstattlichen Versicherung: „Ich weiß, dass Berliner Kinder Anfang der 90er-Jahre in Bordelle nach Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen verkauft wurden. Die Berliner Staatsanwaltschaft ist darüber seit 1993 informiert. (…) Mein Name und meine frühere Tätigkeit als Kinderhändler sind der Berliner Staatsanwaltschaft ebenso seit 1993 bekannt.“ Dieser Mann lebte nach eigenen Angaben in einem Haus im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, in dem in den 90er-Jahren ein zehnjähriger Junge spurlos verschwand.

Ein anderer Zeuge, ein Engländer namens Edward, sagte bereits 1997 in der Fernseh-Dokumentation „The Boy business“, dass im Amsterdamer Milieu alles außer Kontrolle geraten sei. Er habe mit eigenen Augen fünf Videos gesehen, auf denen kleine Jungen bei Sexspielen gefoltert und umgebracht worden seien. Er könne verstehen, dass man so etwas nicht glauben wolle. Und dann beschrieb er eine Szene noch ganz genau. „Ein Mann vergeht sich auf einem Boot an einem Jungen. Das Kind erstickt dabei. An Bord bricht Panik aus. Die Kamera fällt um.“

Zwei Undercover-Polizisten sagten, so zitiert es die Fernseh-Dokumentation, dass der britische Kinderschänder Warwick S. ihnen gegenüber in den 90er-Jahren damit geprahlt hatte, Filme besorgen zu können – sogenannte Snuff-Movies – auf denen detailliert gezeigt wird, wie Kinder vor laufender Kamera gequält und umgebracht werden. Er, Warwick S., sprach auch von dem Tod eines Jungen in Amsterdam, der zu dem Zeitpunkt 13 bis 15 Jahre alt gewesen wäre. Warwick S. hatte laut eigenen Angaben enge Kontakte zur Berliner Kinderpornografie-Szene. Und er hatte Kontakt zu einem mutmaßlichen Drahtzieher dieser Szene, Ludwig A., der tatsächlich auch der Berliner Polizei bekannt war.

18 Jahre später, im Mai 2015, Spurensuche an der holländischen Nordsee-Küste, ein bekannter Badeort. In den Lounges am Strand werden fruchtige Cocktails gereicht, Köche grillen Lobster und frischen Seefisch. Aus den Lautsprechern schallt zart Chill-out-Musik. Die Menschen sind entspannt und genießen die ersten freien Tage am Meer. Was hier keiner ahnt, nur wenige Meilen entfernt zieht eine Segelyacht ihre Kreise in der Abendsonne, auf der einst Sexspiele für gutbetuchte Päderasten stattfanden. Heute kann man auf ihr Charterfahrten buchen. Früher, in den 90er-Jahren, trug dieser Zweimaster am Heck noch den Schriftzug „Apollo“. Inzwischen heißt die Yacht anders.

Wenn es stimmen sollte, was mehrere Informanten dem „Algemeen Dagblad“ und der „Welt am Sonntag“ beschreiben, dann geschah auf diesem Boot Schreckliches. Dann war es der Ort, an dem ein Junge, an dem Manuel Schadwald, sein Leben verlor. Dann hatten sich dort einige wenige reiche Kunden aus Politik und Gesellschaft eingefunden, um vor laufender Kamera eine Sexorgie mit mehreren Kindern zu veranstalten. Dann wurde das Schiff nach dem Verbrechen in einen Militärhafen der niederländischen Marine geschleppt und gesäubert. Was aus den Filmaufnahmen wurde, ist unklar.

Tatsächlich bestätigt den Verdacht auch ein niederländischer Geheimdienstmann, der erst vor wenigen Tagen dazu bereit war, über den Fall zu reden. „Manuel Schadwald ist auf diesem Boot bei Sexspielen ums Leben gekommen“, sagt er. Das sei auch in den Akten des niederländischen Geheimdienstes so dokumentiert. Anschließend sei die Leiche im Meer versenkt worden. Und er sagt auch, dass der Fall vertuscht wurde, weil ranghohe Leute daran beteiligt waren. Warum er sein Schweigen jetzt erst bricht, das sagt er nicht.

War es dieses Boot? Es gibt Papiere zu der Segelyacht. Daraus geht hervor, dass sie einem inzwischen verstorbenen erfolgreichen niederländischen Wirtschaftsprüfer gehörte, dessen Lebensgefährte, Gerrit Ulrich, Auslöser des größten Kinderporno-Skandals der 90er-Jahre war.

In der Wohnung von Ulrich im niederländischen Badeort Zandvoort waren im Sommer 1998 zigtausende Fotos und Videos mit missbrauchten und gefolterten Kindern gefunden worden. Sogar Babys waren darunter. Wenige Tage zuvor waren der 49-jährige Ulrich und sein Geschäftspartner und Liebhaber noch zu einem Treffen mit uns erschienen. Dieser, ein tief in die Kinderporno-Szene verstrickter Belgier, hatte angegeben, Manuel Schadwald von Berlin aus in die Niederlande gebracht zu haben. Das steht auch in einem Rechtshilfeersuchen von Belgien an Holland. Kurz nach dem Gespräch erschoss der Belgier seinen Liebhaber Gerrit Ulrich. Er sollte angekündigt haben, die Szene verlassen zu wollen und auszupacken – komplett. Auch über Manuels Schicksal. Angeblich gab es in seiner Wohnung ein Versteck, in dem sich brisantes Material befand. Nach seiner Ermordung stürmte die Polizei seine Wohnung. Die Schwester von Ulrich berichtete später, dass bereits zuvor „dubiose Männer in der Wohnung waren und vor dem Eintreffen der Beamten in einem Auto davonrasten“. Sie sollen einen Film gesucht und gefunden haben, der in einem geheimen Fach gelegen habe. War es ein Video von der „Apollo“?

Auch eine Sozialarbeiterin aus dem wallonischen Teil Belgiens könnte im Besitz einer Kopie dieses Videos gewesen sein. Gina Pardaens-Bernaer arbeitete in den 90er-Jahren intensiv an den Fällen Schadwald und Dutroux und wollte schon damals einen Zusammenhang zwischen den Morden beweisen. Sie suchte den Kontakt mit privaten Ermittlern und Journalisten. Sprach auch uns gegenüber davon, das Video mit Manuel Schadwald zu haben. „Wisst ihr, die Sache wird immer gefährlicher. Ich bekomme Morddrohungen. Außerdem haben mich amerikanische Geheimdienstler angesprochen. Sie wollen den Film und mich dafür ins Zeugenschutzprogramm nehmen“, sagte Gina Pardaens-Bernaer in ihrem Haus in Herne im Oktober 1998. Ihr Mann stand neben ihr und sagte besorgt: „Ich habe Angst um sie.“ Wenige Wochen später fuhr die Frau mit ihrem Auto ungebremst gegen einen Brückenpfeiler. Einen Tag vor ihrem Tod, am 13. November 1998, war in ihr Haus eingebrochen worden. Ging es um den Film? Einen Tag nach ihrem Tod sollte sie zu einer Vernehmung bei der belgischen Polizei erscheinen.

Der verurteilte Kindermörder Marc Dutroux schreibt in seinem Brief an den Vater der getöteten Julie Lejeune auch von solchen Filmen. Julie und ihre Freundin Melissa seien von einer Bande entführt worden, die die Mädchen für eine Orgie und für diese sogenannten „Snuff-Aufnahmen“ brauchten. Die Kinder seien von Dutroux festgehalten worden, bis alle „Gäste“ sich auf einen Termin einigen konnten. Es habe bereits eine Grube für die Leichen der Kinder gegeben. Auftraggeber sei ein Brüsseler Geschäftsmann gewesen, der laut Dutroux „einen Arm länger als die Donau hat“. Und schließlich schreibt Dutroux: „Man muss die Existenz dieser Art von Kriminalität innerhalb unserer Institutionen anerkennen, will man die Gründe begreifen für das wiederholte Scheitern der Ermittlungen. Und auch, wenn man begreifen will, was mit Julie und Melissa wirklich passiert ist.“ An anderer Stelle heißt es: „Die Wahrheit verpflichtet mich, damit anzufangen, um zu beweisen, dass Julie und Melissa nicht von einem Einzeltäter entführt wurden, um seine eigenen Geschlechtstriebe zu lindern oder seine Familie zu vergrößern.“ Auch im Fall von Eefje spricht er davon, dass nicht richtig ermittelt worden sei.

Die Sozialarbeiterin Gina Pardaens-Bernaer ist nur eine von zahlreichen Menschen, die unter mysteriösen Umständen starben – während sie mit dem Fall des Kindermörders zu tun hatten. Ein Staatsanwalt und ein Polizist nahmen sich das Leben, beide recherchierten engagiert an der Theorie des Pädophilen-Netzwerkes. Manche Beobachter des Falles Dutroux sprechen von inzwischen 27 Todesfällen.

Jean Lambrecks, der Vater der ermordeten Eefje, sagt, alle, die die Wahrheit in diesem Fall suchen würden, müssten um ihr Leben fürchten. Oder hätten es bereits verloren. Und er sagt: „Deutschland und Belgien müssen im Fall Dutroux enger zusammenarbeiten, um die ungeklärten Fragen zu beantworten.“ Für ihn ist klar, dass Geheimdienste in dem ganzen Komplex eine Rolle spielen müssen. „Das wäre der Grund dafür, dass systematisch Ermittlungen behindert wurden. Es ist eben die Pflicht von Justiz, Polizei und Geheimdiensten, uns mitzuteilen, was wirklich mit unseren Kindern geschehen ist und wer dafür die Verantwortung trägt. Das gilt auch für den Fall Manuel Schadwald.“

Er empfindet heute nur Wut und Hass für Dutroux. Er sagt, er würde es niemals schaffen, dem Mörder seiner Tochter gegenüberzutreten. Dabei hätten Lambrecks und seine Lebensgefährtin Els Schreurs so viele Fragen an den Mann. Könnte Jean Lambrecks einer Amnestie zustimmen, wenn Dutroux alle Hintergründe des Netzwerkes offenlegen würde? Der Mann schaut bei dem Gespräch in dem belgischen Landgasthof wieder gedankenverloren ins Feuer: „Ich wäre bereit, es mir zu überlegen.“

Artikel vom  / Ausgabe 28 / Seite 17
http://www.welt.de/print/wams/article143858361/Die-verlorenen-Kinder.html