Wenn Männer schwanger sind

Wenn Männer schwanger sind

Väter spielen längst keine passive Rolle mehr in der Familie – Die Seite papa.de will Ratgeber für Männer sein.

Windeln wechseln, Kinder hüten – Männer wollen nicht mehr nur zuschauen, sondern mitmachen.
Windeln wechseln, Kinder hüten – Männer wollen nicht mehr nur zuschauen, sondern mitmachen.
© plainpicture/Ableimages/Jutta Klee

Frauen verändern sich in der Schwangerschaft – nicht nur körperlich. Männer aber auch. Doch sie stehen meist ratlos vor einem Phänomen, das sie sich nicht erklären können, denn für sie gibt es keine Ratgeber. Das neue Portal papa.de will das jetzt übernehmen. Michael Schöttler – selbst Vater mit vielen Fragen – hat es gegründet. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Schöttler, wie kam es zu diesem neuen Väter-Portal?

Bei meinem zweiten Kind, es ist jetzt vier Monate alt, habe ich viele Apps ausprobiert. Ich wollte wissen, was in der Zeit der Schwangerschaft mit der Frau passiert, wie sich mein Kind von Woche zu Woche entwickelt und wie ich beide unterstützen kann. Doch da gab es nur Tipps für Frauen mit viel Gefühlsduselei, aber wenig Praktischem. In meinem Unternehmen gab es auch viele junge Väter, die die gleichen Informationslücken beklagten. Da hat man plötzlich so ein kleines Wesen im Arm und ist gerührt und begeistert, aber völlig unsicher. So war der Entschluss geboren, eine Plattform aufzubauen, die vom Papa bis zum Großvater alle anspricht, eine Bedienungsanleitung für Männer sozusagen. Mittlerweile haben wir mehr als 100 000 Fans auf Facebook. Wöchentlich werden wir bis zu 80 000 Mal geklickt. Wir scheinen also einen Nerv getroffen zu haben.

Wie erklären Sie sich den Hype?

Väter wollen heute nicht mehr in eine passive Rolle gedrängt und zum Zuschauer degradiert werden. Wir kämpfen um unsere Gleichberechtigung. Für die meisten ist es selbstverständlich, Elternzeit zu nehmen und ihre Kinder mit zu erziehen. Sogar zur Geburtsvorbereitung gehen viele Väter mit. Das wurde früher belächelt, jetzt nicht mehr. Männer sind eben auch mit schwanger. Nicht ohne Folgen: Ich habe nach meiner Schwangerschaft zehn Kilogramm mehr auf den Rippen.

Die Gewichtszunahme schieben Sie auf „Ihre“ Schwangerschaft?

Schon zum Teil. Das Phänomen beobachte nicht nur ich, das geht vielen Vätern so, und sie wollen von uns Tipps, wie sie von ihren Schwangerschaftspfunden wieder runterkommen. Aus eigenem Erleben weiß ich, dass Männer in dieser Zeit aufgeregter sind, den Sport vernachlässigen und einfach bei der Frau sein wollen. Dann isst man eben auch mehr und nimmt zu.

Welche Experten beantworten die Fragen der Männer?

Wir schreiben hier über unsere eigenen Erfahrungen. Unser Team ist sehr vielfältig zusammengesetzt. Ich habe nach meiner Trennung Erfahrungen mit dem Wechselmodell. Wir betreuen unser Kind also zu gleichen Teilen. Erfahrungen habe ich auch mit Patchworkfamilien und einem Kleinkind. Andere Väter haben Pubertierende oder ein Kind mit Behinderung. Mancher musste auch eine Fehlgeburt verkraften. Zu rechtlichen Fragen wie Sorgerecht und Unterhalt machen wir uns bei Juristen oder in einschlägigen Portalen kundig und stellen Ratgeber zusammen, die auch von Frauen gelesen werden.

Es hagelt also keine Kritik von den Frauen?

Nein. Viele Frauen weisen ihre Männer sogar erst auf unsere Seite hin. Frauen gehören auch zu unserem Team und arbeiten am Portal mit. Wir sind also nicht frauenfeindlich.

Und was soll der Brustgrößenrechner auf Ihrer Internetseite?

Ach je, ich habe es geahnt. Das ist nichts Sexistisches. Meine Freundin brauchte einen Still-BH. Sie wusste nicht, welche Größe sie kaufen soll. Also haben wir uns kundig gemacht und erfahren, dass die Brust in der Stillzeit um eine bis anderthalb Körbchengrößen wächst, das ist abhängig von der Ausgangsgröße. Also haben wir einen Brustgrößenrechner installiert.

Wie gelangen die Themen auf Ihre Seite?

Durch die Nutzer, die Fragen an uns stellen. Wir knien uns dann richtig rein, um ihnen helfen zu können. Ein Vater war zum Beispiel verzweifelt, weil sein Kind die ganze Zeit schrie. Da tauschen sich die Nutzer in Foren darüber aus. Oft hilft es auch schon, wenn man weiß, dass andere die gleichen Probleme haben und was ihnen geholfen hat. Kontrovers diskutiert wurde zum Beispiel die Frage, ob man Kinderfotos ins Netz stellen soll. Oft gibt es dann einen regelrechten Disput zwischen den einzelnen Parteien. Erziehung ist ja immer etwas sehr Persönliches und hochemotional. Da gehen schon mal die Pferde mit einem durch. Wir moderieren das dann und achten darauf, dass die Angriffe nicht persönlich werden.

Wie finanzieren Sie sich?

Zum Großteil über Werbeeinnahmen. Die Väter werden ja für die Werbung immer interessanter. Ein namhafter Windelhersteller hat einen Spot gedreht, bei dem ein Vater sein Kind wickelt. Ich denke, da wird sich noch einiges tun in Zukunft. Wir Männer sind halt in solchen Dingen unbeholfener, oft risikoreicher, aber auch pragmatischer als Frauen.

Sie scheuen sich aber auch nicht vor schweren Themen, wie man Ihrem Angebot entnehmen kann. Ein Kapitel widmen Sie Sternenkindern.

Ja, das stimmt. Ein Kind zu verlieren, es vielleicht sterben sehen zu müssen, ist etwas ganz Furchtbares. Männern wird mitunter Gefühlskälte unterstellt, aber das ist nicht so. Wir trauern so sehr wie die Mütter, aber eben auf andere Weise. In Selbsthilfegruppen für verwaiste Eltern sitzen oft nur Frauen. Wir wollen aber für betroffene Männer ein Ansprechpartner sein, vermitteln auch direkte Beratungsangebote, wenn jemand diese Hilfe benötigt.

Das Interview führte Stephanie Wesely.

13.02.2017

https://www.sz-online.de/ratgeber/wenn-maenner-schwanger-sind-3610477.html

Wieso alte Väter gut für das Kind sein können

Papa oder Opa?
Wieso alte Väter gut für das Kind sein können

Spätes Kinderglück: Alte Väter sind im Umgang mit ihren Kindern oft gelassener.  Foto: dpa

Sie haben mehr Lebenserfahrung, sind gelassener und haben finanziell ausgesorgt: Späte Väter können sich ihren Kindern mit ganzer Aufmerksamkeit widmen, wenn auch für eine kürzere Zeit. Ein Experte erklärt, warum späte Vaterschaft trotzdem mehr Vor- als Nachteile hat.

 

Franz Beckenbauer mit 55, Bruce Willis mit 59, Robert de Niro mit 68, Ulrich Wickert mit 69 und Jean Pütz mit 74 Jahren – sie alle sind in einem hohen Alter noch einmal Vater geworden. Der 57-jährige US-Schauspieler Alec Baldwin verkündete gerade erst die Geburt seines Sohnes Rafael Thomas Baldwin. Zusammen mit seiner Frau Hilaria (31) hat er bereits eine fast zweijährige Tochter.

Späte Vaterschaft rückt stärker in den Mittelpunkt

Es deute sich bei Männern „ein noch größeres Hinauszögern“ des Elternwerdens an als bei Frauen, heißt es auf den Seiten des Bundesfamilienministeriums. Der demografische Wandel, die hohe Scheidungsrate und die moderne Medizin werden in der Regel dafür verantwortlich gemacht. Heute sollen fünf Prozent der Kinder bei ihrer Geburt einen Vater haben, der die Fünfzig bereits überschritten hat.

 

Ob es sich um einen breiten gesellschaftlichen Trend zu einer sehr späten Vaterschaft handelt, sei nur schwer zu belegen, so Väterforscher Dr. Andreas Eickhorst. Neu sei in jedem Fall, dass das Phänomen „späte Vaterschaft“ stärker in den Mittelpunkt rücke, so Eickhorst, und das öffentliche Interesse daran wachse. Viele medizinische Untersuchungen beschäftigen sich inzwischen nicht mehr nur mit späten Müttern, sondern auch mit späten Vätern. Einige Forscher warnen vor den negativen gesundheitlichen Auswirkungen für das Kind aufgrund der abnehmenden Spermienqualität im Alter, andere sagen Kindern später Väter eine höhere Lebenserwartung voraus.

Sehr alte Väter sorgen für Irritation: Kinderwagen statt Rollator

Die Dokumentationsreihe 37 Grad widmete der späten Vaterschaft gerade eine eigene Sendung mit dem Titel „Der könnte doch Dein Opa sein!“, die in der ZDF-Mediathek zu sehen ist. Einer der Protagonisten ist mit 79 Jahren noch einmal Vater geworden, nachdem er und seine zweite Frau 20 Jahre vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen. Der „alte neue Vater“ Günther berichtet von einem Spruch, den er sich beim Spazierengehen von einem Passanten habe anhören müssen: „Sie schieben als Großvater den Kinderwagen und sparen sich den Rollator.“ Günther korrigiert den Mann: Erstens sei er der Vater des Kindes, nicht der Großvater, zweitens brauche er noch keinen Rollator. Das Bild des sehr alten Vaters sorgt in unserer Gesellschaft nach wie vor für Irritation. Auch wenn Männer noch bis ins hohe Alter Kinder bekommen können, ist diese Tatsache noch lange nicht gesellschaftlich akzeptiert.

Einem sehr kleinen Kind ist egal, wer sich kümmert

Sie seien egoistisch, dass müssen sich späte Vater in der Regel anhören – das weiß auch Väterforscher Eickhorst. Allerdings betont der Entwicklungspsychologe: „Einem sehr kleinen Kind ist es egal, wer sich um es kümmert, ob die Person männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, oder eben alt oder jung ist“. Erst im Kindergarten, wenn es vergleiche und erkenne, dass der eigene Vater womöglich deutlich älter oder gebrechlicher sei als andere, könne es schwierig werden, so Eickhorst.

Mit 74 Jahren noch einmal Vater geworden: Jean Pütz 2010 zusammen mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter.  Foto: dpa

Entwicklungspsychologe sieht mehr Vorteile

Insgesamt  kann der Entwicklungspsychologe am Deutschen Jugendinstitut aber eher mehr Vorteile als Nachteile einer späten Vaterschaft aufzählen: „Späte Väter haben mehr Lebenserfahrung und sind in der Regel so finanziell abgesichert, dass sie gut für das Kind sorgen können.“  Das seien beides sehr positive Aspekte, so Eickhorst, der aus seiner Arbeit mit sehr jungen Vätern und den sogenannten „Frühen Hilfen“ auch das Gegenteil kennt: Väter, die mental noch nicht dazu bereit sind, sich um ein Kind zu kümmern und die in solch prekären Verhältnissen leben, dass sie auch für dessen Versorgung kaum aufkommen können.

Späte Väter haben mehr Zeit für ihre Kinder

Eickhorst kann noch einen weiteren Vorteil ausmachen: Väter ab ihren späten 50ern müssten sich in der Regel beruflich nichts mehr beweisen. „Sie haben bereits Karriere gemacht, sind gegebenenfalls in Rente und können sich ganz auf die Erziehung des Kindes konzentrieren“, erklärt der Entwicklungspsychologe.  So wie der 76-jährige Heribert aus der 37-Grad-Sendung, der seine inzwischen 21-jährige Tochter intensiv durch ihre Gymnasialzeit und durch ihre gesamte Pubertät begleiten konnte, während seine Frau weiter berufstätig war.

Moderner Rollentausch: Alter Vollzeit-Vater, kleines Kind, berufstätige Mutter

Die alten Väter sorgen so für einen modernen Rollentausch, „ein positiver Nebeneffekt“, wie Forscher Eickhorst findet. „Im Grunde erfüllen diese fürsorglichen älteren Väter  das Wunschbild des sogenannten „neuen Vaters““, sagt Eickhorst. „Sie haben sich meist bewusst für das Vatersein entschieden, kümmern sich intensiv um ihre Kinder, sie kuscheln mit ihnen, wickeln sie, und übernehmen nicht nur einen Großteil der Erziehung, sondern setzten sich auch intensiv mit ihr auseinander.“ Gerade bei sehr jungen Vätern sei das oft nicht der Fall, resümiert Eickhorst. Ein sehr alter, aber fürsorglicher Vater sei in jedem Fall besser als ein abwesender Vater oder ein junger Vater, zu dem das Verhältnis aber zerrüttet sei.


Mehr Zeit, mehr Gelassenheit, mehr Geld: Späte Väter können sich auf das Kind durchaus positiv auswirken.  Foto: imago stock&people/INSADCO (Symbolbild)

Besser kurze schöne Zeit mit altem Vater als lange schlechte Zeit mit jungem

Im Hinterkopf haben die alten Väter oft, dass ihre Zeit mit dem Nachwuchs begrenzt ist, dass sie womöglich nicht mehr mitbekommen, wie ihr Kind einen Schulabschluss macht, wie es heiratet oder selbst Kinder bekommt. Hier sei es wichtig, offen mit der eigenen Endlichkeit umzugehen, sagt Eickhorst, und mit den Kindern über den möglichen Tod des Vaters in den nächsten Jahren zu sprechen. Insgesamt sei es aber, entwicklungspsychologisch gesehen, trotzdem besser für ein Kind, wenn es eine sehr kurze, aber dafür intensive und schöne Zeit mit dem Vater habe, als eine lange und schlechte, so der Experte.

Wird er die Einschulung seiner Tochter noch erleben?

Günther aus der 37-Grad-Sendung hatte mit einem Sohn aus erster Ehe, der 50 Jahre älter ist als seine einjährige Tochter Pauline, lange ein schwierigeres Verhältnis. Günther lebte in seiner ersten Ehe mit seiner verstorbenen Frau das traditionelle Familienmodell, er war in der Familie insbesondere Ernährer und Versorger. Der Sohn berichtet, er habe den Vater früher „nur als graue Eminenz“ im Hintergrund erlebt. Bei Pauline macht Günther jetzt einiges anders: „Das ist das erste Mal, dass ich mich einem Kind richtig widmen kann“, sagt der 80-Jährige. Wie lange er das noch kann? Ob er noch erleben wird, wie Pauline eingeschult wird? „Wie lange das gehen wird“, sagt Günther am Ende des Films, „das weiß wohl keiner.“

 

19.06.2015,  Von Rebecca Erken

http://www.berliner-zeitung.de/familie/papa-oder-opa–wieso-alte-vaeter-gut-fuer-das-kind-sein-koennen,27871856,30972092.html