Es gibt viele Väter, die nicht nur der Wochenend-Papa sein, sondern den Alltag miterleben wollen

„Es gibt viele Väter, die nicht nur der Wochenend-Papa sein, sondern den Alltag miterleben wollen“, sagt Familienrichterin Anna Gubernatis.

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Wenn Gesetze allein nicht ausreichen

Familiensachen – was nach ganz privaten Dingen klingt, wird nicht selten zum Thema vor Gericht. Nämlich dann, wenn Familie nicht mehr funktioniert. 750 Scheidungen zählt das Amtsgericht Burgwedel durchschnittlich im Jahr. Seit 2013 ist es auch Familienrichterin Anna Gubernatis, die dort Recht spricht, wo Emotionen dominieren.

Für Kinder steht im Anhörungszimmer des Amtsgerichtes eine Spielecke bereit. Burgwedel.

„Wenn beide sich einig sind, geht es schnell“, weiß die 36-Jährige. Nach einem Trennungsjahr braucht es meist nur einen Termin vor Gericht, um die Scheidung abzuschließen. „Teilweise bekommt man einen Eindruck, wie Paare nach einer Trennung miteinander umgehen“, beschreibt es Gubernatis. Setzen sie sich nebeneinander oder gegenüber? Wollen sie gar danach zusammen noch einen Kaffee trinken gehen? Oder steht der Konflikt noch im Vordergrund? „Oft sind Paare traurig“, sagt Gubernatis. Mit der Scheidung endet ein Lebensabschnitt. Die Scheidung besiegelt das Scheitern eines gemeinsamen Planes.

Fragen, die sich bei der Scheidung oft stellen, sind jene nach Unterhalt und der finanziellen „Auseinandersetzung“. Wem steht wie viel zu? Was haben die Eheleute gemeinsam an Vermögen aufgebaut? „In diesen Verfahren herrscht Anwaltszwang“, erklärt Gubernatis. Das sei auch sinnvoll, denn oft seien die Sachverhalte komplex. Die Anwälte bereiten das vorab auf. „Paare sollten sich schon bei der Hochzeit bewusst damit auseinandersetzen, was auf sie zukommt, wenn die Ehe scheitert“, appelliert Gubernatis. Nicht jeder fühle sich nach einer Scheidung gerecht behandelt. Eheverträge können dem vorbeugen.

Noch schwieriger – und meist emotionaler – wird es, wenn sich nicht nur ein Paar trennt, sondern eine Familie zerbricht. Unterhalt, Sorgerecht, Umgangsregelungen – all das wird Thema, wenn Kinder im Spiel sind. „Kinder bekommen gegebenenfalls einen eigenen Verfahrensbeistand“, betont die Familienrichterin. Ob ein Psychologe, Pädagoge oder Jurist – sie sei recht frei in der Bestellung des „Kinderanwaltes“. Dieser habe die Aufgabe, die Interessen des Kindes zu vertreten. Hausbesuche, Gespräche mit Erziehern oder Lehrern – und vor allem mit dem Kind selbst – gehören dazu. Warum es das braucht? „Eltern wollen immer das Beste für ihr Kind“, sagt Gubernatis. Aber wo Beziehungen scheitern, „geht der Blick dafür manchmal in den Emotionen verloren“. Für das Gericht stehe das Kindeswohl obenan. Mit Hilfe des Verfahrensbeistandes und des Jugendamts soll ermittelt werden, was dem Kindeswohl entspricht.

In der Regel ab drei Jahren werden Kinder auch selbst angehört. „In der Spielecke im Anhörungszimmer, beim Schaukeln auf dem Spielplatz oder zu Hause“, zählt Gubernatis Möglichkeiten auf. Die Befragung erfolge im Beisein des Verfahrensbeistands, aber ohne Eltern. „Sonst haben Kinder oft das Gefühl, sie müssten es allen recht machen.“ Je älter das Kind sei, umso mehr Gewicht habe die Aussage. Die Familienrichterin bietet an, den Eltern etwas auszurichten. „Oft kommt der Wunsch, dass sie wieder zusammenkommen sollen“, weiß Gubernatis. Genauso häufig lautet die Botschaft: „Sie sollen nicht mehr streiten.“

Es muss nicht immer ein richterlicher Beschluss am Ende des Verfahrens stehen: „Unser Ziel ist es, dass die Eltern ihre gemeinsame Verantwortung für das Kind wieder wahrnehmen können und eine einvernehmliche Lösung finden“, sagt Gubernatis. „Schließlich werden beide über die Kinder lebenslang verbunden bleiben.“ Bei wem das Kind wohnt, wer es wann zu sehen bekommt und viele andere Details können schriftlich vom Gericht festgelegt werden. „Je strittiger das Paar, desto detaillierter gestalten wir die Vereinbarung. Teils mit Tag, Uhrzeit und Übergabeort“, so die Familienrichterin.

Üblich sei das Residenzmodell – das Kind lebt dabei überwiegend bei einem Elternteil und jedes zweite Wochenende bei dem anderen. Zunehmend wird auch das Wechselmodell praktiziert: In diesem Fall lebt das Kind zu gleichen Teilen bei beiden Elternteilen. „Es gibt viele Väter, die nicht nur der Wochenend-Papa sein, sondern den Alltag miterleben wollen“, betont Gubernatis. Wichtig sei: „Jeder hat eine Bindungsfürsorgepflicht“, erklärt Gubernatis. Das Kind habe Recht auf Vater und Mutter – jedes Elternteil habe aktiv sicherzustellen, dass die Bindung des Kindes zum Ex-Partner gepflegt wird.

Außer bei Scheidungen, Sorgerecht- und Unterhaltsstreitigkeiten wird das Familiengericht auch tätig, wenn das Konstrukt „Familie“ rechtlich geklärt werden muss. Ob Kinder- oder Erwachsenenadoptionen, ob Abstammungsfeststellung nach Vaterschaftstest – Anna Gubernatis ist zuständig „Wer diesen Job macht, möchte ihn nicht mehr aufgeben“, stellt die Familienrichterin für sich fest. Für ein objektives Urteil störe es nicht, bei den vielen Schicksalen Betroffenheit zu empfinden: „Für einzelfallgerechte Lösungen bedarf es im Gerichtssaal neben juristischem Handwerk noch einer weiteren Fähigkeit: Empathie.“

Von Carina Bahl, Artikel aktualisiert: Donnerstag, 23.03.2017 00:15 Uhr
http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Region/Burgwedel/Nachrichten/Familiengericht-Burgwedel-ist-nicht-nur-fuer-Scheidungen-und-Sorgerechtsstreitigkeiten-zustaendig
Tags: Doppelresidenz – Bindungsfürsorgepflicht

London ist die Hauptstadt der Scheidungen

Bei Scheidungen in Großbritannien teilen die Ex-Partner das Vermögen gerecht auf.Bei Scheidungen in Großbritannien teilen die Ex-Partner das Vermögen gerecht auf.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 24. Oktober 2014

Weltweit einmaliges Familienrecht 

Auch wohlhabende Paare lassen sich scheiden – dafür gehen sie am liebsten nach London. Ein Grundsatzurteil im britischen Königreich regelt die Vermögensverwaltung auf eine faire Weise. Denn ein Ehevertrag gilt hier nicht.

Las Vegas mag der beste Ort für Hochzeiten sein, bei Scheidungen jedoch steht London hoch im Kurs. Dafür verantwortlich ist ein weltweit einmaliges Familienrecht, das bei der Aufteilung des Vermögens den ärmeren Partner bevorzugt. Viele Ehen von wohlhabenden Chinesen, Russen, Europäern und Amerikanern, die in Londons Finanzbezirk arbeiten oder britischen Grundbesitz haben, enden deshalb vor einem britischen Scheidungsrichter.

Der jüngste Fall betrifft den malaysischen Geschäftsmann Khoo Kay Peng und seine Noch-Ehefrau Pauline Chai. Ein Richter am Londoner High Court erklärte sich jetzt für das Scheidungsverfahren zuständig, weil die ehemalige Miss Malaysia außer in ihrer Heimat auch immer wieder im Landhaus ihres Mannes außerhalb von London wohnte. Die 67-jährige ehemalige Schönheitskönigin überzeugte Richter und Boulevardmedien unter anderem mit dem Argument, sie habe dort „tausend Schuhe“.

Bei einer Scheidung in London hat allem dem weniger vermögenden Ehepartner Chancen auf einen Geldregen.
Bei einer Scheidung in London hat allem dem weniger vermögenden Ehepartner Chancen auf einen Geldregen.(Foto: picture alliance / dpa)

Pengs Vermögen wird auf mindestens 500 Millionen Euro geschätzt, er ist seit rund 40 Jahren mit seiner Frau verheiratet. Deren Abfindung könnte damit den Rekord von umgerechnet 275 Millionen Euro brechen, die der russische Oligarch Boris Beresowski vor drei Jahren seiner Ex-Frau Galina Bescharowa gezahlt haben soll.

75 Prozent sind internationale Kunden

Der Fall des malaysischen Multimillionärs und der ehemaligen Schönheitskönigin wirft ein Schlaglicht auf ein Phänomen, durch das einige britische Scheidungsanwälte ebenfalls steinreich geworden sind: „Wegen der für sie so günstigen Gesetze wollen sich vor allem die Partner von Reichen hier scheiden lassen“, sagt Anwältin Sandra Davis, Spezialistin für Familienrecht bei der Kanzlei Mishcon de Reya.

„Aus demselben Grund meiden die Besitzer des Vermögens unsere Gerichte“, fügt Davis hinzu, die auch schon Lady Di und Jerry Hall im Scheidungsverfahren gegen Prinz Charles und Mick Jagger vertrat. 75 Prozent ihrer Kunden haben demnach einen internationalen Hintergrund.

Eheverträge gelten in Großbritannien nicht

Pauline Chai weiß, dass sie mit der Zulassung ihres Verfahrens die wichtigste Hürde für eine großzügige Abfindung genommen hat. Noch im Gericht fiel sie ihren Angehörigen und Anwälten um den Hals. Später erklärte sie, sie sei „so froh, dass ich, meine Kinder und meine Schuhe hier ein neues Heim gefunden haben“.

Seit einem Grundsatzurteil aus dem Jahr 2000 erhalten Mann und Frau bei einer Scheidung jeweils die Hälfte des Vermögens. Einschränkende Klauseln aus Eheverträgen, die den reicheren Partner schützen sollen, sind in Großbritannien rechtlich nicht bindend. Zudem fließen in die Berechnung mehr Vermögenswerte ein als in vielen anderen Ländern – und das ebenfalls meist zum Vorteil des weniger vermögenden Partners. Diese müssten aber aktiv werden, bevor ihr Partner die Scheidung in einem anderen Land einreicht, warnt Richard Collins von der Kanzlei Charles Russell.

Die Besonderheiten des britischen Familienrechts sorgen dafür, dass jedes Jahr tausende scheidungswillige Ausländer vor britische Gerichte ziehen. Dabei geht es nicht immer nur ums Geld – viele fliehen nur vor den langwierigen Prozeduren im eigenen Land. Erst im vergangenen Monat waren 179 italienische Paare aufgeflogen, die sich mit Hilfe falscher Wohnsitzangaben in England scheiden ließen – vermittelt wurde ihnen der betrügerisch schnelle Scheidungsweg von einer italienischen Agentur.

Quelle: n-tv.de , Katherine Haddon, AFP

http://www.n-tv.de/panorama/London-ist-die-Hauptstadt-der-Scheidungen-article13831201.html