Opfersolidarität – Wir schauen hin! – Kongress Kinderrechte Kinderschutz 2012

Opfersolidarität

Archiv 2012

        Besondere Aktivitäten der Selbsthilfegruppe Opfersolidarität 2012

    Freitag 02.03.2012 bis Sonntag 04.03.2012
Kongress Kinderrechte-Kinderschutz 2012

Kongress Kinderrechte-Kinderschutz

Kongress Kinderrechte Kinderschutz 2012
Kongress Kinderrechte Kinderschutz 2012

Die Online-Stellung der Vorträge vom Kongress Kinderrechte Kinderschutz:

02.03.2012 – Freitag:

  • Oberst Gerald TATZGERN, B.A.:

Phänomene des Kinder-/Menschenhandels – ist Österreich betroffen?

BUNDESMINISTERIUM FÜR INNERES – Leiter Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels
Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Dr. H. Christine Arwanitakis:

Zusammenhänge und Auswirkungen im Geschehen sexuellen Missbrauchs und Gewalt an Kindern

Psychotherapeutin in freier Praxis, Klinische- & Gesundheitspsychologin, Aktive Einsatzkraft des AKUTteams NÖ, Leiterin des Psy-Beirats von IPS-WIEN – www.ips-wien.at


  • Mag.(FH) Marlies Tegel:

Wegbegleitung – Was muss professionelle Beratung leisten, um Betroffene aus einer Krisensituation heraus zu begleiten? Fallbeispiele aus der Praxis

Sozialarbeiterin KlientInnenbetreuung –www.happykids.at


Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


 

  • Margit Medwenitsch:

Schutz durch Prävention – Wo und wie beginnt Prävention von Gewalt und Missbrauch?
Vorstellung eines Arbeitskonzepts mit Fallbeispielen aus der Praxis

Koordination, Prävention, KlientInnenbetreuung – www.baerenstark.at


Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Peter Rieck:

Ein Betroffener zieht Bilanz

Initiative: Wir Heimkinder – www.wir-heimkinder.eu

Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Dipl. Sozpäd. Olaf Kapella:

Prävalenzstudie zum Thema Gewalt in der Kindheit – Ergebnisse

Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien –www.oif.ac.at



Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:

 


  • Mag. Dr. Vera Weld:

Opferrechte, Verjährung, Schadenersatz – Häufig gestellte Fragen.
Plädoyer für die Einrichtung eines unabhängigen Dokumentationsarchives

Rechtsanwältin – www.vera-weld.com


  • Kurt Ackermann:

Eine menschenwürdige Neuregelung des Familienrechts

teampago https://teampago.wordpress.com/


  • Herbert Szlezak:

Das pädokriminelle Netzwerk in Österreich und die Methoden seiner Vertuschung

Vorstand Verein Opferoffensive – www.opferoffensive.at



Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


03.03.2012 – Samstag:

  • Mag. Dr. Rainer König-Hollerwöger:

Gesellschaftliche Masken der an Kindern angewandten sexuellen Gewalt – Entdeckung und Bearbeitung

Historiker, Sozial- Sexualforscher, Autor, Kunstschaffender, Präsident von IPS-WIEN – www.ips-wien.at


Video –  Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Angela Kreilinger:

Selbsthilfegruppe als Weg

Betroffene, Leiterin SHG-OS – www.shg-os.com


  • Dr. Wolfgang Lederbauer:

Die UN-Kinderrechtskonvention und die Problematik der Durchsetzung von internationalen Verträgen Vortrag Teil 1 und 2:

Präsident der Gesellschaft für mehr Menschlichkeit und Bürgerrechte. – www.so-for-humanity.com2000.at


Eine kritische Analyse der Diskussionen im Parlament anlässlich der Aufnahme von Bestimmungen über Kinderrechte in die Verfassung.

Fragen und Kommentare aus dem Publikum:


  • Walter Plutsch:

Kindesmissbrauch in der Form von Mobbing in Kindergarten und Schule

Leiter Selbsthilfegruppe Mobbing – www.antimobbinggesetz-buergerinitiative.at

Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Sepp Rothwangel:

Kirche und Missbrauch

Betroffener, Obmann Verein Plattform betroffen.at – www.betroffen.at

Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Dr. Robert Holzer:

PAS – Die Formen des Eltern-Kind-Entfremdungs-Syndroms

Kinderarzt – www.kindundarzt.at


Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Mag. Guido Löhlein:

Die Trennungsindustrie – Verschwörung oder Realität?

Vorstand Verein Väter ohne Rechte – www.vaeter-ohne-rechte.at

Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:


  • Mag. Dr. Vera Weld:

Rollenspiel – Vorbereitung auf Musterprozesse von Heimkindern für Entschädigungsklagen

Rechtsanwältin – www.vera-weld.com


  • Martin Stiglmayr:

Die österreichische Familienpolitik – nicht einmal menschenrechtskonform?

stv.Landesparteiobmann BZÖ Niederösterreich


Mag. Michaela Krankl:

 „Die Stimme des Kindes“

Rechtsanwältin

Katharina E. (fast 14 Jahre) – Ein betroffenes Mädchen, dessen Stimme sonst nicht gehört wird, findet hier ein Sprachohr.
Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:



  • Amer Albayati:

Kinderrechte zwischen Immigration und Integration am Beispiel der Muslime in Österreich

Islamexperte, Mitbegründer d. Initiative Liberaler Muslime Österreich- ILMÖ u. der beim Kultusamt beantragten Islamischen-Europäischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IEGÖ) – www.initiativeliberalermuslime.org

Video – Fragen und Antworten sowie Kommentare vom Publikum:
http://www.youtube.com/watch?v=fsZCo397GtM


  • Freia F.C. Weixelbaum:

Aspekte der Wahrnehmung, Sensibilität öffentlicher Stellen, und mehr Vital- und Sexualpädagogik, Körper-, Energie- und Klangheilarbeit

www.back-to-paradise.at


Tags: Kinderhandel- Kinderheim – 

In Memoriam Angela Kreilinger – Opferoffensive Wien

Heute ist Bunga Bunga in Wien (lass die Sau raus)

Opferoffensive Wien

 In Memoriam Angela Kreilinger (am 26. Sept. 2015 von uns gegangen) einer verdienten Kinderechtsaktivistin die ihr Leben dem Kampf gegen Machtmissbrauch und Gewalt gewidmet hat und Mitbegründerin des Vereins Opferoffensive war.

Der Verein Opferoffensive weist mittlerweile seit vielen Jahren die österreichische Bundesregierung, alle im Parlament vertretenen Parteien und sämtliche zuständigen Behörden auf die Existenz eines hochaktiven pädokrimminellen Netzwerks in Österreich hin.

Da sämtliche Verantwortliche bisher kläglich versagt haben, versuchen wir nun, mithilfe künstlerischer Mittel die Öffentlichkeit über diese skandalösen Vorgänge zu informieren. Die Einsetzung von Untersuchungsausschüssen im Parlament und Landtagen zur Aufarbeitung dieser Missstände ist absolut notwendig, um unsere täterfreundliche Justiz zum längst fälligen Handeln zu zwingen.

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Herbert Szlezak,  Veröffentlicht am 03.10.2015
Sprecher des Vereins Opferoffensive
Tel.: 0664 88 47 17 67

Gewaltopfer und Medien – Angela Kreilinger, Leiterin der Selbsthilfegruppe „Opfersolidarität“

Missbrauch

Gewaltopfer und Medien

Leiterin einer Selbsthilfegruppe erklärt, warum Opfer an die Öffentlichkeit gehen


© Bild: © Corbis.

Jede dritte Frau in Österreich wird einmal in ihrem Leben Opfer von sexueller Gewalt. Einige Gewalt – und Missbrauchsopfer wollen ihr Martyrium nicht still für sich verarbeiten, sondern an die Öffentlichkeit gehen. Wie im Fall von Natascha Kampusch stößt diese Vorgehensweise allerdings oft auf Ablehnung. „Es gibt immer wieder Anfeindungen, auch von Opfern“, sagt Angela Kreilinger, Leiterin der Wiener Selbsthilfegruppe „Opfersolidarität“. Sie ist selbst Betroffene und spricht im Interview mit NEWS.AT darüber, wie Gewaltopfer das Erlebte in einer Selbsthilfegruppe verarbeiten können und warum viele an die Öffentlichkeit gehen wollen.


© NEWS.AT
Angela Kreilinger, Leiterin der Selbsthilfegruppe „Opfersolidarität“

NEWS.AT: Sie leiten die Selbsthilfegruppe „Opfersolidarität“ für Gewaltopfer, speziell für Opfer von sexueller Gewalt, und sind gleichzeitig Betroffene. Wie ist das Projekt entstanden?
Angela Kreilinger:  Ungefähr vor vier Jahren wollte ich zu einer Selbsthilfegruppe gehen. Ich habe aber in Wien keine passende gefunden. Da habe ich mir gesagt, ich muss eine gründen. Das war nicht so leicht, weil man zuerst eine Gruppe von Leuten braucht. Dann kann man sich als Selbsthilfegruppe registrieren. Eine Selbsthilfegruppe ist kein Verein. Es ist eine lose Personengruppe. Wir würden auch nicht gefördert werden, wenn wir ein Verein wären.

NEWS.AT:  Welchen Betroffenen bieten Sie Hilfe an?
Kreilinger:  Meistens kommen Leute zu uns, die schon bei anderen Anlaufstellen waren und ergänzend den Bedarf einer Selbsthilfegruppe verspüren, beziehungsweise denen man in ihrem Sinn nicht helfen konnte. Es gibt einige Fälle, bei denen Opfer nicht damit zufrieden sind, was bei einer Anzeige oder einem Verfahren herausgekommen ist. Wir sind so etwas wie ein Sammelbecken von Fällen, bei denen es noch keine Lösung gab. Das Hauptthema ist dabei sexuelle Gewalt, wie sexuelle Kindesmisshandlung und Vergewaltigung.

NEWS.AT : Wie sieht der Ablauf in einer Selbsthilfegruppe aus?
Kreilinger: Wir stellen eine Ergänzung zur Fachtherapie dar und können diese nicht ersetzen. Der Bedarf an einer Therapeutin oder einer Supervision ist gelegentlich da. Im Prinzip geht es darum, dass man mit Leuten über das Thema spricht, die damit vertraut sind. Zeitweise läuft das wie in einem Kaffeehaus ab. Man trinkt Tee, isst Kuchen und spricht stundenlang miteinander. Wenn man das Thema zu oft erwähnt, belästigt man seinen Freundes – und Familienkreis. Manche haben eben doch das Bedürfnis, mehr als einmal etwas dazu zu sagen. In der Selbsthilfegruppe darf man das wiederholen so oft man will.

NEWS.AT:  Im Fall von Natascha Kampusch stößt es immer wieder auf Unverständnis, dass ein Opfer so oft in den Medien auftaucht. Was steckt hinter dem Verhalten an die Öffentlichkeit zu gehen?
Kreilinger: Viele Opfer wollen in die Medien, weil sie nicht zu einem Ergebnis gekommen sind, das für sie in Ordnung ist. Sie machen sich natürlich Hoffnungen, dass so Druck gemacht wird und in ihrem Fall etwas weitergeht. Wir befürworten, wenn jemand sich an die Medien wendet. Genauso wie Frau Kampusch werden auch wir deshalb angefeindet und als exhibitionistisch bezeichnet. Alle Fälle von uns, die das betrifft, wollten von sich aus an die Öffentlichkeit gehen. Es sind beide Wege in Ordnung. Jeder muss das für sich entscheiden. Es gibt Opfer, denen es gut tut, wenn sie Anerkennung finden und zumindest in den Medien genannt werden, wenn es sonst schon „vertuscht“ wird. Mit Vertuschung meinen die meisten Opfer, dass in der Familie darüber nicht geredet wird, dass bei einem Verfahren nichts herausgekommen ist oder dass Ermittlungsfehler gemacht worden sind.

NEWS.AT : Wie ist dann diese Ablehnung – auch im Fall Kampusch – zu erklären?
Kreilinger:  Wir finden das gut, wenn Betroffene an die Öffentlichkeit gehen. Andere Menschen fühlen sich dadurch aber belästigt, auch Opfer. Weil die Betroffenen dadurch zum Teil an ihren eigenen Missbrauch erinnert werden. Man wird auch angefeindet, weil gewisse Leute das Thema schon satt haben. Natascha Kampusch kämpft eben für ihre Geschichte.

NEWS.AT: Sie schreiben auf ihrer Homepage, dass Sie selbst Opfer waren. Woraus haben Sie Kraft geschöpft, um das Erlebte zu verarbeiten?
Kreilinger: Ich habe das jahrelang mit mir herumgeschleppt und schleppe es eigentlich noch immer mit mir herum. Ich hatte bis circa zu meinem 32. Lebensjahr Panikattacken. Damals wusste ich nicht, dass ich ein Kind bin, das sexuell misshandelt und geschlagen worden ist. Das habe ich verdrängt. Ich habe nur gewusst, irgendetwas stimmt nicht. Mir war erst nach der Aufarbeitung der Panikattacken bewusst, was mir als Kind passiert ist.

NEWS.AT:  Inwieweit ist ein intaktes Familienumfeld für ein Gewaltopfer wichtig?
Kreilinger: Es ist schön, wenn gerade in einem familiären Missbrauchsfall irgendjemand von der Familie zum Opfer steht. Das kommt sehr selten vor. Immer wieder höre ich, dass die eigene Familie die Betroffenen sehr belastet. Ich weiß von mir selbst und von Betroffenen, dass wenn es innerhalb der eigenen Familie passiert, man sich schon unbeliebt macht, wenn man nur darüber redet. Es heißt dann: „Wie sieht das nach außen hin aus? Was werden die Nachbarn denken? Du wirst die Familie zerreißen.“ Das höre ich traurigerweise immer wieder.

NEWS.AT:  Welche Schritte kann ein Opfer von sexueller Gewalt einleiten?
Kreilinger: Man sollte sich zuerst vom Arzt untersuchen lassen, falls es zu einem direkten Hautkontakt gekommen ist. Das Opfer kann ein Gedächtnisprotokoll machen und Anzeige erstatten. Allerdings ist es vor einer Anzeige manchmal sinnvoll, mehr Beweise zu sammeln. Die meisten Anzeigen werden eingestellt. Die Polizei hat nicht die Zeit bei jedem sexuellen Missbrauch den potentiellen Täter zu observieren. Man sollte sich sowohl psychisch als auch mit Beweisen auf die Anzeige vorbereiten. Für die psychische Aufarbeitung ist es dann wichtig, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Weiterführende Links:

Selbsthilfegruppe „Opfersolidarität“: In Wien findet am 6. April 2013 die „Lange Nacht der Kunst gegen
Gewalt und Missbrauch“ statt.‘

Donnerstag, 7. März 2013 von Carina Pachner
http://www.news.at/a/opfer-gewalt-kampusch-medien

Angela Kreilinger: Geld ist mehr wert als der Mensch

Angela Kreilinger, Gründerin der Selbsthilfegruppe Opfersolidarität, über die Fußfessel für Pädokriminelle, milde Strafen und den Umgang der Justiz mit Missbrauchsopfern

Angela Kreilinger
Angela Kreilinger

Angela Kreilinger, Gründerin der Selbsthilfegruppe Opfersolidarität und selbst Missbrauchsopfer, kennt die Schwierigkeiten, mit denen Opfer sexueller Gewalt konfrontiert sind. Seit Jahren unterstützt sie Betroffene; dutzende Anzeigen hat sie bereits begleitet – von denen allerdings keine einzige zu einer Verurteilung führte. Ermittlungen würden oftmals im Sand verlaufen oder ohne großen Aufwand eingestellt werden. Im Interview spricht Kreilinger über die Heimskandale der letzten Jahre, weibliche Sexualstraftäter, und was der Kapitalismus mit all dem zu tun hat.

mokant.at: In einem Radiointerview mit einem Betroffenen eurer Gruppe fiel die Aussage „Missbrauchsopfer werden in Österreich oft zu Justizopfern“. Kannst du kurz erklären wie das gemeint ist?

Angela Kreilinger: Das kann ich mir gut vorstellen, weil das auf mich auch zutrifft. Man hat in Österreich zurzeit sehr schlechte Chancen vor Gericht als Misshandlungsopfer zu seinem Recht zu kommen, dabei spreche ich noch nicht von Schmerzensgeld oder Ähnlichem. Auch bei eindeutiger Beweislage wie etwa Tatzeugen habe ich persönlich noch nie einen Täter erlebt, der verurteilt wurde. Die Verfahren, die mir bekannt sind, wurden alle eingestellt, das heißt niemand wurde zur Verantwortung gezogen.

mokant.at: Warum, denkst du, ist das so?
Angela Kreilinger: Ich kann es mir nicht erklären.

mokant.at: Auf eurer Website beschreibt ihr einige dieser Fälle, in denen trotz eindeutiger Indizien keine Ermittlungen eingeleitet wurden. Welche Erfahrungen hast du als Leiterin der Selbsthilfegruppe mit Exekutive und Strafverfolgungsbehörden gemacht?

Angela Kreilinger: Meine Erfahrungen mit der Polizei waren immer sehr gut, nur darf die Polizei nicht ermitteln, wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt.

mokant.at: Und warum stellt die Staatsanwaltschaft ein?

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Angela Kreilinger: Das frage ich mich auch. Vielleicht weil Missbrauchsopfern, vor allem wenn seit der Tat viele Jahre vergangen sind, nicht immer Glauben geschenkt wird. Es werden nicht einmal ansatzweise alle Mittel zur Ermittlung eines potentiellen Sexualstraftäters ausgeschöpft: In einem Fall wurde abgelehnt, dass ein für die Beweisführung wichtiger DNA-Test gemacht wird, in anderen Fällen wird abgelehnt, dass überhaupt ermittelt wird, obwohl ein Augenzeuge die Tat gesehen hat, in einem wieder anderen Fall wurden vom Anzeiger sogar Inkontinenzhosen gesammelt, die Spermaspuren enthielten, um den Misshandler eines behinderten Kindes zu überführen. Diese Beweismittel wurden nicht einmal angesehen, es wurde niemand ausfindig gemacht, das Verfahren sofort eingestellt.

mokant.at: Hast du irgendeine Idee, wie es dazu kommt, dass nach den Tätern einfach gar nicht geforscht wird?

Angela Kreilinger: Das hat unter anderem auch Kostengründe: Es kommt sowohl mir als auch anderen Betroffenen so vor, als würde kein Interesse bestehen, Sexualverbrechen aufzuklären, wenn es teuer ist. Wortwörtlich hat zu mir einmal ein Polizist gesagt, er würde gerne ermitteln, aber er darf nicht.

mokant.at: Schlagwort Fußfessel für Sexualstraftäter: Zwei Jahre bedingt, sechs Monate unbedingt, abzusitzen daheim mit einer Fußfessel und das mit relativ großzügigen Ausgangsregelungen als Strafe für Kindesmissbrauch. Glaubst du, ist das die Ausnahme oder der Regelfall?

Angela Kreilinger: Ich habe mit Straftätern nicht so viel zu tun. Vor ein paar Tagen war ich bei einer Diskussion bei Puls 4 eingeladen und dort habe ich mit einem Polizisten gesprochen, der meinte, so etwas sei durchaus die Regel: Die Täter würden oft sehr früh entlassen, der Strafrahmen nur sehr selten voll ausgeschöpft und die Fußfessel würde in Zukunft bei solchen Taten wahrscheinlich noch öfter zum Einsatz kommen.

mokant.at: Deine persönliche Meinung dazu?

Angela Kreilinger: Ich persönlich bin der Meinung, dass eine Fußfessel zur Kontrolle erst nach Absitzen der Höchststrafe zum Einsatz kommen sollte. Meinetwegen bis zum letzten Atemzug des Täters! Es gibt Pädokriminelle, die immer wieder rückfällig werden und solange nicht ein Gutachten das Gegenteil bestätigt, sollte ein Täter unter Kontrolle bleiben.

Die Fußfessel darf eine Gefängnisstrafe nie ersetzen! Ich persönlich würde mich als Opfer nicht anerkannt fühlen, wenn der Täter keinen einzigen Tag hinter Gittern verbringt und verstehe alle, denen es genauso geht.

mokant.at: Warum sind die Strafen für sexuelle Gewalt gegen Kindern relativ mild – verglichen zum Beispiel mit Vermögensdelikten? Gilt Missbrauch hierzulande als Kavaliersdelikt?
Angela Kreilinger: Das ist ein normales Symptom einer kapitalistischen Gesellschaft: Geld ist mehr wert als der Mensch.

mokant.at: Materielle Güter sind mehr wert als ein Kinderleben?
Angela Kreilinger: Ja, denn die milden Strafen beziehen sich ja nicht nur rein auf sexuellen Missbrauch, dasselbe gilt für körperliche Gewaltdelikte oder Unfälle mit Personenschaden.

mokant.at: Sollte die Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch abgeschafft werden?
Angela Kreilinger: Ich verstehe, dass es so eine Frist gibt, weil sonst die Justiz vor lauter Arbeit nicht mehr nachkäme, allerdings sollte diese Frist bei Vorliegen von eindeutigen Beweisen fallen, denn da wäre es für die Strafverfolgungsbehörde auch nach Jahren noch möglich ein Verfahren abzuwickeln.

mokant.at: Ihr habt bereits lange vor dem Aufbrechen der Heimskandale auf die Verknüpfung von institutioneller Erziehung und sexueller Gewalt gegen Kindern hingewiesen und einen konkreten Fall sogar Anzeige gebracht. Hat diese Anzeige bis heute zu irgendwelchen Ergebnissen oder Konsequenzen geführt?
Angela Kreilinger: Die Anzeige verlief ergebnislos, wie alle Anzeigen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs, die ich als Leiterin der SHG („Selbsthilfegruppe“; Anmerkung der Redaktion) bis jetzt begleitet habe. Einzige Konsequenz war dann, dass die Medien, die darüber berichtet haben, wegen Verleumdung verklagt wurden.

mokant.at: Das heißt, keine einzige Anzeige hat je dazu geführt, dass der Täter ausgeforscht und bestraft wurde?
Angela Kreilinger: Keine einzige in drei Jahren – egal ob die Anzeige durch Einzelpersonen oder durch die Gruppe erfolgte. Die Anzeigen wurden durchwegs mit der Ordnungsnummer 01 eingestellt. Das heißt, dass nur ein einziger Ermittlungsschritt gesetzt wurde: Der Verdächtige wurde gefragt, ob er eine strafbare Handlung begangen hat, dieser sagt dann halt nein und das war‘s. Die einzige Ausnahme war bis jetzt der Fall Viktor, wo es eine Augenzeugin für die Misshandlungen des Vaters an seinem Sohn in einem Schwimmbad gab. Da kam es zu einem Verfahren, das dann eingestellt wurde. Warum, weiß ich nicht.

mokant.at: Von wie vielen Anzeigen sprechen wir in etwa?
Angela Kreilinger: Puh, in etwa dreißig bis vierzig.

mokant.at: Im Fall Viktor war der Verdächtige ein Mann. Ein großes Tabu in unserer Gesellschaft sind aber immer noch  weibliche Sexualstraftäterinnen und männliche Opfer. Ihr betreut in eurer Gruppe auch männliche Betroffene. Wird diesen in einer gendermäßig aufgeklärten Zeit überhaupt Glauben geschenkt, wenn sie sagen: „Ich bin Opfer einer weiblichen Täterin“?
Angela Kreilinger: Inzwischen schon, es gibt zwar immer noch Leute, die sich schwertun damit, aber in meinem Bekanntenkreis ist das kein Thema mehr, das wird selbstverständlich geglaubt.

mokant.at: Wie sieht in etwa das zahlenmäßige Verhältnis Mann-Frau innerhalb der Gruppe aus?
Angela Kreilinger: Bei uns in der Gruppe 50:50. Es gibt genauso viele weibliche wie männliche Opfer sexueller Gewalt. Die Mehrheit der Täter ist allerdings männlich, weibliche Sexualstraftäterinnen sind anscheinend seltener, aber nichtsdestotrotz gibt es sie und es sollte auch darüber klar gesprochen werden.

mokant.at: Was unterscheidet die von dir gegründete Selbsthilfegruppe Opfersolidarität von Vereinen wie zum Beispiel MÖWE, die sich ja ebenfalls mit der Betreuung von Gewaltopfern beschäftigen?
Angela Kreilinger: Unsere Gruppe setzt sich im Gegensatz zu den meisten Vereinen aus Betroffenen zusammen, nicht aus Therapeuten und anderen psychosozialen Berufsgruppen. Wir haben zwar keine Fachausbildung, sind aber Experten in eigener Sache. Wir geben Erfahrungen weiter, das ersetzt aber keine Therapie. Die SHG ist nach außen gerichtet, wir legen Wert auf Präventions- und Aufklärungsarbeit.

mokant.at: Wie sieht solche Präventions- und Aufklärungsarbeit aus?
Angela Kreilinger: Wir verteilen Informationsmaterial zum Thema Missbrauch zum Beispiel auf Familienfesten, sammeln für unsere Petition zur unbedingten Anzeigepflicht bei Missbrauchsverdacht Unterschriften, zuletzt auf dem Volksstimmefest (Fest der kommunistischen Monatszeitschrift „Volksstimme“; Anmerkung der Redaktion), betreuen Stände auf dem Wiener Gesundheitstag im Rathaus und sind seit drei  Jahren am Tag der Selbsthilfe mit dabei. Ab und an arbeiten wir auch aktionistischer: Dann wird zum Beispiel die Gerechtigkeit in Form eines Kindersarges mitten im ersten Bezirk symbolisch zu Grabe getragen.

mokant.at: Die erwähnte Anzeigepflicht gibt es ja bereits: Bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch von Minderjährigen müssen etwa Krankenhaus- und Schulbedienstete Anzeige erstatten. Warum halten sich nicht alle daran?
Angela Kreilinger: Institutionen befürchten oft negative Konsequenzen bei fälschlichen Beschuldigungen, dieser Druck wird an die Mitarbeiter weitergegeben. Deswegen wird insbesondere in pädagogischen Institutionen der Misshandlungsverdacht eines Kindes oft nicht nach Außen getragen, was aber für das Opfer wichtig wäre.

mokant.at: Hast du persönlich schon einmal wegen deines Engagements in der Öffentlichkeit negative Konsequenzen erfahren?
Angela Kreilinger: Ich erfahre eigentlich mehr positive als negative Rückmeldungen. Einige Menschen fühlen sich durch unser offensives Auftreten allerdings irritiert, manchmal wird man aggressiv beschimpft.

mokant.at: Spürst du ein Umdenken in der Gesellschaft, hat sich etwas im öffentlichen Umgang mit dem Thema verändert?
Angela Kreilinger: Ja, auf jeden Fall. Als ich früher beispielsweise von organisiertem Kindesmissbrauch sprach, stieß ich immer auf Unglauben. Heute, nach Aufbrechen der Heim- und Kirchenskandale und mehr Medienpräsenz der ganzen Sache, weiß man, dass es nicht nur Einzeltäter gibt, die im engsten Umkreis agieren.

mokant.at: Was genau versteht man unter organisiertem Kindesmissbrauch?
Angela Kreilinger: Täter, die sich organisieren und untereinander Opfer austauschen, sich gegenseitig Kinder zuspielen oder sogar kidnappen.

mokant.at: Wenn man sich wie du seit vielen Jahren mit dem Thema Missbrauch beschäftigt, wirkt sich das irgendwann auf das Privatleben aus?
Angela Kreilinger: Normalerweise würde sich das sehr negativ auswirken, durch meine eigene Missbrauchserfahrung ist das Thema in meinen Beziehungen aber sowieso präsent – mit oder ohne Selbsthilfegruppe.

Titelbild: mokant.at> foto: georg marlovics
 Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

By Manuela Griessbach on 26. September 2012
http://mokant.at/1209-interview-kreilinger-html/