Bonding für Väter wichtig – Einige Mütter haben Probleme ihre Macht abzugeben

Nicolas Zogg auf der Bäckeranlage, wo am 1. Juni ein grosses Picknick unter Vätern stattfand. watson

«Einige Mütter haben Probleme damit, ihre familiäre Macht abzugeben»

Nicolas Zogg von Männer.ch spricht mit watson anlässlich des Vätertages über die Rolle des Mannes in der Familie, Frauen, die nicht ins Militär wollen und Schwulenhass unter Rekruten.

«Papa rennt!» Unter diesem Motto waren Väter in den vergangenen Tagen in vielen Schweizer Städten präsenter denn je. Anlass war der Endspurt für die Unterschriftensammlung der Vaterschaftsurlaubs-Initiative.

Auch für Nicolas Zogg ist der Daddy-Urlaub eine Herzenssache. Seit Frühjahr ist Zogg das neue Gesicht von Männer.ch, der Dachorganisation für Väter- und Männeranliegen. Aber auch als Vater zweier Kinder setzt er sich mit der Rolle des Mannes und Vaters in der Schweiz auseinander – und sieht Handlungsbedarf. watson hat Zogg zum Interview auf der Zürcher Bäckeranlage getroffen.

Nicolas Zogg ist das neue Gesicht von Männer.ch und zweifacher Vater. watson

Feiern Sie als Vater zweier Kinder den Vätertag?
Nicolas Zogg: Ich feiere den Vätertag, indem ich mit meinen beiden Kindern über Pfingsten in den Bergen Zelten gehe. Es soll nicht einfach ein Gschänkli-Tag sein wie der Muttertag. Der Vätertag soll zeigen, wie wichtig Väter sind, und wie unterschiedlich all die Väter ihr Vatersein leben. Er soll Väter motivieren, sich mehr Zeit für ihre Kinder zu nehmen.

Sie haben einen Sohn und eine Tochter. Haben Sie die beiden unterschiedlich erzogen?
Ich habe versucht, bei beiden auf die Person einzugehen und das Geschlecht nicht zu stark zu berücksichtigen. Ich habe versucht, die Geschlechterrollen aufzuweichen, gerade im Konfliktverhalten: Den Jungen habe ich darin bestärkt, einen Konflikt im Gespräch zu lösen und kooperativ zu sein.

«Ich meine damit, dass meine Tochter eine Prinzessin sein darf, wenn das ihrem Wesen entspricht und ich sie nicht aus Prinzip zum Haudegen drille.»

Nicolas Zogg Männer.ch

Beim Mädchen ist das etwas anders: Ich ermutige sie, sich gegen Jungs auch körperlich zu wehren. Wenn sie gehänselt wird, soll sie nicht das liebe, zarte Mädchen sein, das alles mit sich machen lässt. Bei geschlechterneutraler Erziehung muss man aufpassen, dass das Individuum nicht zu kurz kommt. Ich meine damit, dass meine Tochter eine Prinzessin sein darf, wenn das ihrem Wesen entspricht und ich sie nicht aus Prinzip zum Haudegen drille.

Mittels Volksinitiative wollen sie in der Schweiz einen Vaterschaftsurlaub einführen. Ist die Präsenz des Vaters direkt nach der Geburt so wichtig? Die Grundbedürfnisse des Kindes sind über die Mutter gedeckt. Wäre der Vater nicht vor allem später – also während der Erziehung – notwendig?
Die Geburt wird hauptsächlich durch die Mutter geleistet, das weiss ich aus eigener Erfahrung als Hebamme (lacht). Nein, im Ernst: Es geht vor allem ums Bonding, also um die Eltern-Kind-Bindung, die gleich nach der Geburt entsteht. Viele Studien belegen, dass diese erste Phase für die Beziehung zwischen Vater und Kind entscheidend ist. Auch Väter schütten beim Bonding Hormone aus, welche die Vater-Baby-Bindung stärken.

Auf der anderen Seite geht es um das Familienmodell: Denn Rollenverteilung und die Organisation des Alltags geschehen am Anfang. Nach einem Jahr ist eine Familie eingespielt. Dann wird es enorm schwierig, ein neues Modell einzuführen, in dem der Vater eine grössere Rolle spielen kann. Am einfachsten und nachhaltigsten ist es, wenn der Vater von Anfang an eingebunden wird. Hierfür spielt es dann eine Rolle, wie gut das Bonding am Anfang gelungen ist.

Und wenn das Bonding gelungen ist?
Wenn der Vater eine gleichwertige Bezugsperson ist, dann fällt es der Familie leichter, die Verantwortung für das Kind zu teilen. Frauen haben mit dem Stillen die Möglichkeit, das Kind zu nähren. Soll Gleichberechtigung gelingen, ist es wichtig, dass der Kompetenzvorsprung der Frauen, was die Erziehung und Beziehung angeht, nicht zu gross wird. Denn anderenfalls wird es für den Vater ziemlich frustrierend, wenn er beispielsweise nicht in der Lage ist, sein Kind zu beruhigen.

«Viele Frauen fühlen sich in ihrer Mutterrolle sehr wohl. Sie meinen, alleine zu wissen, was gut für ihr Kind ist, wie es erzogen werden soll, was es essen darf.»

Nicolas Zogg, Männer.ch

Wer würde am stärksten von einer guten Vater-Kind-Beziehung profitieren?
Im Endeffekt alle. Kinder brauchen vielfältige, verlässliche Bezugspersonen. Wenn man alte Männer fragt, was sie am meisten bereuen, hört man immer wieder, nicht genug Zeit für die Familie gehabt zu haben. Die Mutter profitiert, indem sie Freiheit dazugewinnt: Sie kann ihr Kind abgeben und zum Beispiel wieder arbeiten gehen. Aber einige Mütter haben Probleme damit, ihre familiäre Macht abzugeben.

Was meinen Sie damit?
Viele Frauen fühlen sich in ihrer Mutterrolle sehr wohl. Sie meinen, alleine zu wissen, was gut für ihr Kind ist, wie es erzogen werden soll, was es essen darf. Dem Partner komplett gleichberechtigt Macht über Alltags- und Erziehungsentscheidungen abzugeben, fällt ihnen schwer. Doch genau dies ist die Konsequenz, wenn Gleichberechtigung gefordert wird.

Gerade nach dem Womens March entbrannte eine Diskussion darüber, dass Männer zu viel Raum in der Gleichberechtigungs-Debatte einnehmen und den Diskurs nutzen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.
Ich verstehe, dass diese Frauen Angst haben, wieder übergangen oder bevormundet zu werden. Wer aber Männeranliegen aus dem Diskurs ausklammert, denkt zu wenig weit. Man muss zwischen Männern unterscheiden, welche die Forderungen und Folgen der Gleichberechtigung ablehnen und solchen, die sich mit der Thematik ernsthaft auseinandersetzen und dabei verunsichert sind.

Diesen Männern muss Raum geboten werden, damit sich Männer mit ihren Geschlechterbildern auseinandersetzen können, sodass die Männer-Emanzipation voran kommt. Gleichberechtigung schliesst gleiche Pflichten für alle ein – für Männer und für Frauen.

«Wenn Männern weiterhin die starke Rolle zugewiesen wird, wenn sie weiter lernen, wie man Gewalt ausübt, tötet und die schwachen Frauen beschützt, werden alte alte Rollenmuster weiter festgefahren.»

Nicolas Zogg, Männer.ch

Sollen Frauen im Umkehrschluss ins Militär gehen?
Sicherheit ist eine viel zu wichtige Aufgabe, als dass sie nur den Männern überlassen werden darf. In welcher Form aber diese Sicherheit gewährleistet wird, ist eine andere Frage.

Zum anderen ist es auch ein symbolischer Akt: Wenn Männern weiterhin die starke Rolle zugewiesen wird, wenn sie weiter lernen, wie man Gewalt ausübt, tötet und die schwachen Frauen beschützt, dann werden alte alte Rollenmuster weiter festgefahren. Für mich sind unterschiedliche Dienstformen denkbar – doch solange der Militärdienst besteht, sollten auch Frauen hinmüssen.

«Im Militär ist Schwulenhass weit verbreitet. Wörter wie ‹Schwuchtel›, ‹Schwester› oder ‹Pussy› gehören zum Militäralltag.»

Nicolas Zogg, Männer.ch

Gerade das Militär machte wieder Schlagzeilen, weil Rekruten scharf gemacht wurden, indem sie sich vorstellen sollten, auf ihre Freundinnen zu schiessen. Das ist doch ungemein frauenverachtend.
Das ist so. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Man muss beachten, welchem Zwang und Kampfdrill Männer im Militär ausgesetzt sind – häufig gegen ihren Willen. Das geht nicht spurlos an ihnen vorbei.

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Zweitens richtet sich die Aggression und Abwertung gegen alles Schwache und Weibliche – auch bei Männern. Im Militär ist Schwulenhass weit verbreitet. Wörter wie ‹Schwuchtel›, ‹Schwester› oder ‹Pussy› gehören zum Militäralltag. Das ist ein riesiges Problem, weil damit sehr beschränkte Männlichkeitsbilder verstärkt werden. Auch deswegen würde es Sinn machen, wenn Frauen ins Militär gingen: Untersuchungen zeigen, dass bei einem gewissen Frauenanteil innerhalb der Armee sexistisches Verhalten verschwindet.

Schon auf Schulhöfen hört man ursexistische Äusserungen von Jugendlichen, die noch nicht einmal im Stimmbruch sind. Ist das nicht bezeichnend?
Leider ist das Verhalten von Jugendlichen ein überspitztes Verhalten von Erwachsenen. Insofern sind unsere Teenager ein Spiegel für vorherrschenden Sexismus im grossen Ganzen. Natürlich muss das in der Schule thematisiert werden, doch das Problem darf nicht auf Teenager abgeschoben werden: Auch Erwachsene müssen sensibilisiert werden. Männer müssen eine Mitverantwortung für ihre Kollegen, Freunde und Mitmänner übernehmen.

Wie sieht diese Mitverantwortung konkret aus?
Das Stichwort ist Zivilcourage. Männer müssen den Mund aufmachen, wenn ihre Kollegen sich despektierlich über Frauen oder auch Homosexuelle äussern. Mann muss zum Spielverderber werden, der in einer ‹Altherrenrunde› den Jungs erklärt, dass die Witze über den Po der Bedienung daneben sind.

Viele Männer fühlen sich pauschal verurteilt, wenn man sie auf ihre Mitverantwortung anspricht.
Ja. Denn sie sind ja nicht ‹so›, sie machen keine dummen Sprüche über Frauen, sie meinen, Frauen zu respektieren. Und in den meisten Fällen ist das auch wahr. Das muss auch mal gesagt sein: Die meisten Männer verhalten sich anständig. Dennoch tragen sie Mitverantwortung, wenn sie als Männer mit Privilegien keine Position beziehen, wenn ein schlechter gestelltes Gesellschaftsmitglied angegriffen wird.

Als Vater finde ich es wichtig, mich mit meinem Sohn über diese Themen zu unterhalten und mit ihm über Grenzen zu sprechen – gerade auch hinsichtlich Sexualität. Viele Grenzen werden erst durchs eigene Ausprobieren und Erfahren erkannt. Damit Kinder mit einem über ihre Erfahrungen sprechen und sich anvertrauen, ist eine gute Beziehung zu seinen Kindern wichtig. Gerade der Vater ist für den Sohn in solchen Belangen wichtig. Als Rollenvorbild aber auch nur als gleichgeschlechtliche Bezugsperson.

 

05.06.17, 03:46
http://www.watson.ch/Schweiz/Interview/821331718-%C2%ABEinige-M%C3%BCtter-haben-Probleme-damit–ihre-famili%C3%A4re-Macht-abzugeben%C2%BB

Budesgericht liefert falsches Signal – gemeinsames Sorgerecht als Regelfall . . .

Die Trennungskinder werden weiter leiden

Das Bundesgericht hat in einem Elternstreit über das Sorgerecht entschieden – und damit ein Problem zementiert.

 

 Es ist eine schreckliche Geschichte, mit der sich das Bundesgericht kürzlich befassen musste. Sie handelt von einem Mann und einer Frau aus dem Kanton Zürich. Die beiden lebten zusammen, unverheiratet, bekamen ein Kind, freuten sich. Zunächst lief es gut, sie verständigten sich – selbst dann noch, als der Mann einige Monate nach der Geburt der Tochter aus der gemeinsamen Wohnung auszog.

Trotzdem begann bald der zerstörerische Kampf zweier verletzter ehemals Verliebter. Die Mutter liess die Tochter reformiert taufen, gegen den Willen des katholischen Vaters und ohne ihn darüber zu informieren. Der Vater erstattete Anzeige bei der Polizei, weil die Mutter mit der Tochter ferienhalber ins Ausland gereist war. Er gab vor, nicht über die Reise informiert worden zu sein. Die Polizeiintervention beschäftigte die Vierjährige noch lange. Später fragte sie eine Beiständin: Kommt jetzt die Polizei und nimmt mich mit?

Belohnt für den Egoismus

Diese Eltern seien zur gemeinsamen Sorge nicht fähig, befand das Bundesgericht vor wenigen Wochen. Die Mutter hatte schon bald nach Ausbruch des Trennungskampfs das alleinige Sorgerecht beantragt und damit vor allen Instanzen recht bekommen. Auch das höchste Schweizer Gericht beurteilte die Sache so und entzog dem Vater das Sorgerecht. Damit machte es nicht nur die Hoffnungen vieler Väter zunichte, die im Sommer 2014 einen Meilenstein in der Geschichte ihrer Rechte gefeiert hatten: die Einführung des gemeinsamen Sorgerechts als Regelfall. Das Bundesgericht sendete auch ein folgenschweres Signal aus: Wer das Sorgerecht absolut nicht teilen will, kann sich weiterhin das alleinige erstreiten. Er braucht dafür Geduld und die unbedingte Abwesenheit von Selbstreflexion, Mitgefühl und Kooperationswillen.

Wie soll das funktionieren?

Wie sollen Eltern zur gemeinsamen Sorge fähig sein, wenn sie sich nicht einmal darauf einigen können, das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen?

Diese Frage stellten Kritiker schon in der Parlamentsdebatte. Die Frage missachtet, dass der Streit gerade durch die gegebenen Umstände genährt werden kann. Bis zum Sommer 2014 sah das Gesetz bei Uneinigkeit der Eltern das alleinige Sorgerecht vor, welches fast immer der Mutter zuteil wurde. Das hatte zur Folge, dass das Sorgerecht zu einem Hebel in der Hand der Mutter wurde, also ihr einen ungerechten Vorteil verschaffte. Legte ein Vater Wert darauf, es zu teilen, tat er gut daran, der Ex-Partnerin anderswo entgegenzukommen. Das war der Grund, weshalb viele Müttervertreter im Parlament das neue Sorgerecht vehement bekämpft haben: Es war ein Trumpf der Mütter. Und es lag ihrer Ansicht nach zu viel im Argen, als dass man diesen Trumpf aufgeben wollte: Väter, die sich um Kinderbetreuung und Alimente foutieren, ungleich verteilte Hausarbeit während der Partnerschaft, ungleich verteilte Chancen und Löhne im Beruf.

Sie können es doch

Ohne das alleinige Sorgerecht gäbe es einen Grund weniger, zu streiten, also gäbe es weniger Streit.

Der Fall des Zürcher Ex-Paares illustriert dies beispielhaft. Der Mann und die Frau konnten sich nämlich durchaus verständigen, wo es juristisch keinen Spielraum gab: beim Besuchsrecht beispielsweise. Das regelmässige Bringen und Abholen der Tochter funktionierte über all die Jahre hinweg tadellos, wie auch das Bundes­gericht feststellt.

Warum dann diese «grundsätzliche Blockade in Sorgerechtsangelegenheiten»? Die Antwort ist offensichtlich: Das Sorgerecht ist ein Streitobjekt, das Besuchsrecht nicht. Wer den Kontakt des Kindes zu einem Elternteil verhindert, macht sich strafbar. Wer sich aber in Sorgerechtsfragen querstellt, wird mitunter vor Gericht belohnt.

Sicher: Auch die klügsten Gesetze verhindern keinen Streit. Aber sie können dem Streit, soweit möglich, die Grundlage entziehen. Oder sie können ihn mit unklaren Bestimmungen fördern, etwa mit dem Sorgerecht. Aus den parlamentarischen Beratungen ist hervorgegangen, dass die Gründe für einen Sorgerechtsentzug schwerwiegend sein müssen, Gewalttätigkeit oder Abwesenheit gehören dazu. Das Bundesgericht hat nun entschieden, dass auch ein Dauerkonflikt ein Grund sein kann.

Das ist schlecht, am meisten für jene, die es vor allem trifft: die Trennungskinder.


Von Claudia Blumer
Inlandredaktorin

    (Tages-Anzeiger) (Erstellt: 25.09.2015, 23:58 Uhr)

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/die-trennungskinder-werden-weiter-leiden/story/24713794
Tags: Gleichberechtigung Gleichstellung –

Gerichtsurteil – Wenn das Heim mehr kostet, als es kosten darf

Die Stadt Zürich hat an den Taxen für ihre Altersheime geschraubt.
Für die Bewohner und ihre Angehörigen gilt es, genau hinzuschauen.

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Für die 2000 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadtzürcher Altersheime haben sich per 1. August die Taxen für die Betreuung geändert. Darunter fallen all jene Leistungen, die nicht zur eigentlichen Pflege gehören. Zum Beispiel der 24-Stunden-Pikettdienst, Gespräche, der Tanznachmittag oder der gemeinsame Ausflug. Je nach Gesundheitszustand zahlen betagte Zürcher für ihre Betreuung künftig mehrere Tausend Franken mehr oder weniger pro Jahr.

Dabei hat der kürzlich publik gewordene Fall Winterthur gezeigt, dass es sich in solchen Situationen lohnt, genau hinzuschauen und kritische Fragen zu stellen. In Winterthur wollte der Stadtrat die Betreuungstaxen deutlich er­höhen, was der Stadtkasse einen Mehrertrag in Millionenhöhe beschert hätte – so, wie das jetzt auch in Zürich der Fall ist. Die Betroffenen wehrten sich jedoch heftig dagegen, mit Erfolg.

Wegen überholter Zahlen häuften sich 2014 bei 168 Heimen ungedeckte Pflegekosten von
65 Millionen Franken an.

Ein Gerichtsurteil erklärte die Erhöhung für ungültig. Die finanziell gebeutelte Stadt habe den Heimbewohnern mehr verrechnen wollen, als die verrechneten Leistungen wirklich gekostet hätten. Sie hätte also einen Gewinn erwirtschaftet. Genau das aber ist laut Gesetz verboten: In gemeindeeigenen Heimen dürfen die Betreuungstaxen höchstens kostendeckend sein.

Das ist eine Vorschrift, die in der Branche oft nicht ernst genommen wird, wie der eidgenössische Preisüber­wacher Stefan Meierhans sagt. «In den letzten Jahren haben viele Heime systematisch überrissene Taxen verrechnet.»

Um zu verstehen, warum sie das tun, muss man wissen, dass die Rechnung der Altersheime aus drei Posten besteht: Pflege, Betreuung und Hotellerie. Wo die Pflege zu teuer und daher defizitär ist, weil das Budget nicht ausreicht, werden die Rechnungen für die anderen beiden Posten aufgebläht – so lässt sich die Pflege querfinanzieren.

«Schlimm und ungerecht»

Dieser buchhalterische Trick geht zu­lasten der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner. Denn anders als die Pflegekosten, die mehrheitlich von Krankenkasse und öffentlicher Hand bezahlt werden, müssen die Senioren ­Betreuung und Unterkunft zum grössten Teil aus dem eigenen Sack finanzieren. Deshalb findet es Meierhans «schlimm und ungerecht», wenn Heime ihre un­gedeckten Pflegekosten unter anderem Titel verrechnen.

Claudio Zogg, Geschäftsleiter des Heimverbands Curaviva Zürich, bestreitet diese «unerwünschten Verlagerungen» nicht. Er ist aber der Meinung, dass es aus einer Not heraus dazu komme. Schuld seien nicht die Heime, sondern ein fehlerhaftes System. Zogg meint die sogenannten Normkosten. Vereinfacht gesagt ist das ein Wert, der zeigt, wie viel eine Minute Pflege in einem Zürcher Heim durchschnittlich kostet. Der Kanton Zürich berechnet ihn jedes Jahr.

Was Zogg daran stört: Die Normkosten beruhen auf zwei Jahre alten Daten. Die Gemeinden orientieren sich aber daran, wenn sie das Budget ihrer Heime beschliessen. Man tut also, als würde die Pflege in der Zukunft gleich viel kosten wie in der Vergangenheit. «Tatsächlich steigen die Kosten aber Jahr für Jahr», sagt Zogg, «vor allem wegen des Fachkräftemangels, der es dem Personal erlaubt, höhere Löhne zu verlangen.»

Die Gemeinden haben einen guten Grund, dies auszublenden: die eigenen Finanzen. Zwar bezahlen auch die Krankenkassen und die Heimbewohner einen gewissen Anteil an die Pflege, aber der substanzielle Rest geht zulasten der Gemeindekasse. Mit anderen Worten: Wenn die Pflege teurer wird, müssen die Gemeinden den Aufpreis berappen.

Es sei insofern verständlich, wenn die Gemeinden die Kosten ihrer Heime bei der Budgetierung drückten, sagt Zogg. Der Haken daran sei, dass viele Betriebe in die Verlustzone gerieten, weil ihr Budget auf überholten Zahlen beruhe. Laut einer aktuellen Auswertung haben sich so im Jahr 2014 bei 168 befragten Betrieben ungedeckte Pflegekosten von insgesamt 65 Millionen Franken angehäuft. Das ist laut Zogg «inakzeptabel» – und der Hintergrund, warum Heime überhöhte Rechnungen für Betreuung und Hotellerie stellen.

Sollen alle gleich viel zahlen?

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die bemängeln, dass Heime in der Pflege oft nicht effizient genug seien. Der Leiter eines Wetziker Alterswohnheims mit auffallend tiefen Betreuungstaxen sagte einmal, dass die Normkosten kein Problem seien, wenn man den Betrieb kostengünstig führe.

Die Betreuungskosten bergen aber noch ein zusätzliches Problem – selbst dort, wo sie nicht künstlich aufgebläht sind: die Frage, welcher Heimbewohner wie viel vom Gesamtaufwand bezahlen muss. Die logische Antwort wäre, dass mehr zahlt, wer mehr Leistungen in Anspruch nimmt. Laut Preisüberwacher Meierhans wäre das die beste Lösung. Die Gemeinde Dübendorf, die diesen Weg geht, ist damit aber ziemlich allein. Andernorts scheuen die Heimleiter den Aufwand, jedem Bewohner seine indi­viduelle Betreuungszeit vorzurechnen.

Der Heimverband empfiehlt stattdessen eine Pauschale, wie sie zahlreiche Gemeinden heute schon anwenden. Das heisst, alle Bewohner müssen gleich viel zahlen. Der Preisüberwacher hält dies für die zweitbeste Lösung.

Nicht gut findet er hingegen jenen Ansatz, den unter anderem die beiden grossen Städte Zürich und Winterthur gewählt haben: Sie koppeln die Betreuungstaxe an den Pflegeaufwand. Ein Pflegebedürftiger, der bewegungsunfähig und bettlägerig ist, muss dort mehr für die Betreuung zahlen als ein rüstiger Senior – obwohl Unterhaltungsprogramme und Ausflüge für ihn kein Thema mehr sind. Und obwohl nach einhelliger Meinung kein Zusammenhang zwischen Betreuung und Pflege besteht.

Fragwürdige Kontrollinstanz

Gleichwohl lehnt es die Kantonsregierung ab, eine Kontrollbehörde zu schaffen. Es liege an den Gemeinden, dafür zu sorgen, dass die gesetzlichen Vorschriften eingehalten würden – ausgerechnet an jener Instanz also, die laut Zogg von aufgeblähten Rechnungen profitiert. Da scheint fraglich, ob es viel bringt, wenn der Kanton die Gemein-den aufruft, die Betreuungstaxen ihrer Heime «zu überprüfen und gegebenenfalls zu senken».

Hoffnung für die Betroffenen gibt es trotzdem: In Bundesbern ist eine Initiative von Christine Egerszegi hängig, die unter anderem verlangt, die Betreuungskosten besser und transparenter von den Pflegekosten abzugrenzen. Die vorberatenden Kommissionen haben zugestimmt – ohne Gegenstimme.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.08.2015, 21:00 Uhr)
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/wenn-das-heim-mehr-kostet-als-es-kosten-darf/story/19616337
Tags: Kosten – Altersheim – Pflegeheim – Seniorenheim – Seniorenresidenz – Pflegebedarf – Pflegeaufwand – Schweiz

R.I.P. Natalie K. – Suizid – 4.8.2015 – Hat die Justiz versagt ?

Abschiedsbrief aus der Haftanstalt:

„Ich weiß, dass ich es nicht einmal 2 Minuten mehr aushalte, ich mag nicht mehr.
                                                   . . . ich will nicht mehr.
Wenn ich  nicht nach Rhinau komme, dann lebe ich nicht mehr lange . . .“
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Geduld und HoffnungBeide Sachen hat Natalie K. leider nicht bekommen.

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Artikel – Kindstötung in Flaach

Natalie K. hat Suizid in Brief angekündigt

In einem Brief an ihre Eltern hat die Frau, die in Flaach ihre Kinder getötet hat, ihren Suizid angekündigt. Der Vater macht den Behörden Vorwürfe.

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Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden. Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selbst Verletzungen zugefügt. Mike K. ist der Vater der Kinder. Er und seine Frau Natalie waren Anfang November festgenommen worden – wegen des Verdachts auf Betrug. Zugleich wurden die Kinder des Paars in ein Heim in der Stadt Zürich eingewiesen. Mutter Natalie K. wurde wenige Tage danach wieder auf freien Fuss gesetzt. Sie konnte nicht verstehen, dass Alessia und Nicolas danach nicht wieder bei ihr leben durften. Sie erhielt aber die Erlaubnis, die Kinder über die Festtage zu sich zu nehmen. In diesem Haus in Flaach kam es zur Tragödie. Vor der Haustüre wurden Kerzen abgelegt. Ein Mädchen (2) und ein Junge (5) sind in Flaach ZH in einer Wohnung getötet worden. Die 27-jährige Mutter wurde unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Der Vorfall ereignete sich am Donnerstagabend. Die Mutter meldete den Tod ihrer beiden Kinder gegen 21.30 Uhr der Polizei. Trotz Reanimationsbemühungen konnten die ausgerückten Sanitäter nur noch den Tod der Kinder feststellen. Die genauen Umstände der Tat sind noch nicht klar. Die Mutter floh, bevor die Polizei eintraf. Sie konnte jedoch später von der Polizei aufgegriffen werden. Die genaue Todesursache ist noch nicht bekannt. Wie die Polizei mitteilt, hatte sich die junge Mutter auch selbst Verletzungen zugefügt. Sie konnte noch nicht zum Tathergang befragt werden. Ein Leser-Reporter beobachte in der Nacht, wie ein Rega-Helikopter neben dem Haus landete.
Ticker

Liveticker aktualisiert automatisch letzte Meldung vor 1 Min.

  • Suizid angekündigt

    Die Frau, die in Flaach ZH ihre Kinder getötet hatte, hat ihre Suizidabsichten den Eltern mitgeteilt. In einem Brief, datiert vom 4. August, schreibt sie: «Ich wöt nüme» oder «Weni nid nach Rhinau chum, den lebi nüme lang», berichtet «TeleZüri» am Samstag Abend.

    Den Brief erhielten die Eltern gestern per Post, wie sie gegenüber «TeleZüri» erklärten. Sie haben ihre Tochter mehrmals in Untersuchungshaft besucht.

    Der Vater macht den Behörden schwere Vorwürfe. Er kann nicht verstehen, dass seine Tochter nicht zurück in die Psychiatrische Klinik Rheinau verlegt wurde. Sie habe in der Untersuchungshaft zu wenig professionelle Hilfe erhalten, so ihr Vater.

  • Zusammenfassung

    Bei der Betreuung der Frau, die am 1. Januar in Flaach ZH ihre beiden Kinder getötet hatte, sind nach bisherigen Erkenntnissen keine Standards verletzt worden. Die Frau sei regelmässig psychiatrisch betreut worden. Dennoch beging sie am Freitag im Gefängnis Suizid.

    Die Frau hinterliess einen Brief. Über dessen Inhalt wurde keine Auskunft gegeben. Das Schriftstück wird in die aktuelle Untersuchung einbezogen.

    Das Gefängnispersonal habe die Frau noch lebend angetroffen, als sie das Mittagessen brachte und das Tablett später wieder abholte. Als man sie rund zwei Stunden später zum Hofgang abholen wollte, war die Frau tot.

    Versuche, sie zu reanimieren, seien erfolglos geblieben, sagte Thomas Manhart, Leiter Justizvollzug des Kantons Zürich. Sofort seien Polizei, Forensik-Fachleute und Staatsanwaltschaft aufgeboten worden.

  • Die Medienkonferenz ist beendet.

  • Ehemann informiert

    Der Ehemann und Vater der getöteten Kinder wurde über den Suizid informiert, sagt Manhart. Er befinde sich im vorzeitigen Strafvollzug und werde entsprechend betreut.

  • Abschiedsbrief

    Die Mutter habe ein Schriftstück hinterlassen. Dieses wurde der Strafverfolgung zugestellt, so Manhart. Weitere Angaben dazu machte er nicht.

  • «Tragisches Ereignis»

    Die Personen werden 24 Stunden betreut. Alle Betreuer sind wachsam auf mögliche Hinweise. Auch für die Mitarbeiter seien Suizide tragische Ereignisse, sagt Fehr.

  • Kein Handlungsbedarf

    Ein Journalist bemerkt, dass es in der Vergangenheit zu mehreren Suiziden gekommen ist. Man sei beunruhigt, sagt Manhart. Jedoch ergibt sich keinen akuten Handlungsbedarf. Dieses Jahr wurde jeder Einzelfall genau angeschaut.

    Endrass ergänzt, die Suizidraten schwanke in den Gefängnissen – wie auch in der Bevölkerung. Nicht immer lassen sich die Schwankungen erklären. «Jeder Suizid ist einer zuviel», sagt Endrass. Auch für die Betreuer seien Selbsttötungen eine Belastung.

  • «Suizide nicht immer vermeidbar»

    «Wenn jemand Selbstmord begehen will, kann er das tun», sagt Endrass. Leider lassen sich diese nicht immer verhindern. Deshalb sei es wichtig, Suizidabsichten anzusprechen.

  • Regelmässige Psychiater-Besuche

    Die Personen, die aus einer Klinik überwiesen worden waren, werden einmal pro Woche von einem Psychiater besucht. Verschlechtert sich der Zustand werden die Besuche erhöht. Wieder wollen die Anwesenden keine Stellung zum aktuellen Fall nehmen.

  • Nahm die Mutter Medikamente?

    War die Mutter auf Medikamente angewiesen?, will ein Journalist wissen. Dazu geben die Verantwortlichen keine Auskunft. Aber: Sehr viele Insassen würden Medikamente nehmen, so Manhart.

  • Psychiatrische Beurteilung

    Nun kommt Jérome Endress, stellvertretender Leiter der psychiatrischen Dienst, zu Wort. Er will zum Fall nicht konkret Stellung nehmen wegen der ärztlichen Schweigepflicht. Wenn Hinweise auf eine akute Selbstgefährdung bestehen, erfolge eine Einweisung in eine Klinik.

    Wenn eine Person ins Gefängnis komme, erfolge im ersten Schritt ein psychiatrische Beurteilung, bei der auch die Selbstgefährdung überprüft werde. Man bleibe stets im Kontakt mit der jeweiligen Person.

  • Wiederbelebungs-Versuche

    Jetzt spricht Thomas Manhart, Leiter des Justizvollzugs. Bei Abgabe des Mittagessen wurde die Mutter noch lebend angetroffen. Rund zwei Stunden später wurde sie tot in ihrer Zelle vorgefunden. Man habe versucht, sie wiederzubeleben. Ohne Erfolg. Sie habe sich stranguliert.

  • Beileid

    Zu Beginn der Pressekonferenz spricht Fehr den Angehörigen ihr Beileid aus.

  • Pressekonferenz um 12 Uhr

    Um 12 Uhr äussert sich die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr an einer Medienkonferenz zum Fall.

  • Ausgangslage

    Die Frau, die am Neujahrstag 2015 in Flaach ZH ihre beiden Kleinkinder getötet haben soll, ist tot. Ihre Leiche wurde gestern Mittag im Gefängnis Zürich aufgefunden. Als Todesursache steht Suizid im Vordergrund.

    Der fünfjährige Bub und das zweijährige Mädchen waren am Neujahrstag mutmasslich von ihrer 27-jährigen Mutter in der Familienwohnung erstickt worden. Die Frau alarmierte selbst die Polizei. Der Vater war am Tattag nicht anwesend: Er sass wegen Vermögensdelikten im Gefängnis.

    Das zweifache Tötungsdelikt war trauriger Höhepunkt eines Konflikts der Familie mit der zuständigen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Diese hatte die vorübergehende Unterbringung der Kinder in einem Heim verfügt, nachdem die Eltern wegen Betrugsverdachts Anfang November verhaftet worden und ausserdem Gefährdungsmeldungen bezüglich der Kinder eingegangen waren.

(woz), 08. August 2015 10:19; Akt: 08.08.2015 19:10 Print
http://www.20min.ch/schweiz/zuerich/story/Natalie-K–hinterlaesst-Abschiedsbrief-22029103

Alternierende Obhut Neuerung nach der Botschaft des Bundesrates und Erläuterungen

Doppelresidenz Wechselmodell 

 >>

Alternierende Obhut

Neuerung nach der Botschaft des Bundesrates und Erläuterungen

z.H.v.

Alec von Graffenried

Präsident der Rechtskommission des Nationalrats

Martin Widrig, Freiburg, den 23.1.2014

Inhalt

Inhalt……………………………………………………………………………………………………………………………. 1

  1. Überblick……………………………………………………………………………………………………………………. 1
  1. Alternierende Obhut………………………………………………………………………………………………….. 1
  1. Definition……………………………………………………………………………………………………………… 1
  1. Psychologischer Kenntnisstand………………………………………………………………………………… 1
  1. Gelebte Realität vor Trennung………………………………………………………………………………… 2
  1. Kindes‐ und grundrechtliche Grundlagen………………………………………………………………….. 2

III. Folgerungen……………………………………………………………………………………………………………… 2

  1. Grosses Potential…………………………………………………………………………………………………… 2
  1. Geringer Konkretisierungsbedarf…………………………………………………………………………….. 3
  1. Schlussanmerkungen……………………………………………………………………………………………… 3

Anhänge

  1. Überblick

In seiner Botschaft vom 29. November 2013 macht der Bundesrat eine wesentliche Präzisierung: Neu wird eine alternierende Obhut auch auf Antrag eines Elternteils allein möglich sein. Massgebend wird das Kindeswohl sein. Dank dem liberalen schweizerischen Unterhaltsrechts wird diese Lösung sogar gleichwertig neben das bisher vorherrschende Residenzmodell gestellt.1 Diese Lösung drängt sich aufgrund des heutigen entwicklungspsychologischen Kenntnisstands aus Sicht des Kindes, der gesellschaftlichen Entwicklung sowie der grundrechtlichen Verpflichtungen aus der BV und der UNO‐KRK auf. Der Wegfall des Vetorechts dürfte zu einem sprunghaften Anstieg der alternierenden Obhut führen. Darum sei sie nachfolgend so kurz wie möglich präsentiert. Wenige Ausführungen seitens der Räte dürften zu einem sehr fortschrittlichen und kindgerechten Unterhaltsrecht führen.

  1. Alternierende Obhut
  1. Definition

Die alternierende Obhut ist eine Betreuungs‐ und eine Lebensform für Kinder getrennt lebender Eltern, in welchem die Kinder abwechselnd zu etwa gleichen Teilen (mindestens 30%) bei jedem Elternteil leben und von diesem betreut werden.2

  1. Psychologischer Kenntnisstand

Zur Überraschung vieler Juristen zeigen entwicklungspsychologische Erkenntnisse, dass es Kindern getrennt lebender Eltern die in einer alternierenden Obhut aufwachsen i.d.R. signifikant besser geht als solchen die nur bei einem Elternteil leben. Dies ist selbst bei

  • Botschaft (Unterhaltsrecht), Kapitel 1.6.2., S. 37 f. (Anhang 1, S. A 3 f.).

 

  • SÜNDERHAUF, S. 61 (Anhang 2, S. A 6); Andere Autoren setzen die Schranke bei 35% an.

 1

anhaltenden Elternkonflikten oder fehlendem Einverständnis beider Eltern der Fall. Die meisten Kinder wünschen bei beiden Eltern zu leben, Mütter werden entlastet und Väter glücklicher.3

  1. Gelebte Realität vor Trennung

Väter in der Schweiz übernehmen bereits heute trotz meist voller Erwerbstätigkeit 37% der gesamten Betreuungsaufgaben, Tendenz steigend.4 Der Betreuungsanteil einer alternierenden Obhut entspricht somit der gelebten Realität vor einer Trennung. Sie übernehmen drei Mal so viel Betreuungs‐ wie andere Hausarbeit und wünschen sich dieselben (namentlich Teilzeit‐)

Privilegien wie Mütter.5 Besonders engagiert sind sie bis Ende der mittleren Kindheit.6 76% aller Mütter mit Partner arbeiten mindestens Teilzeit, bei Kleinkindern arbeiten 71%.7 Die Schweiz ist fortschrittlicher als viele denken: 2011 hatte die Schweiz die Dritthöchste Erwerbsquote von Frauen in OECD‐Staaten (u.a. höher als Schweden).8

  1. Kindes‐ und grundrechtliche Grundlagen

Das Familienleben von Kindern und ihren Eltern ist grundrechtlich geschützt.9 Insbesondere besteht ein Recht auf Kontakt und Zusammenleben.10 Einschränkungen des Zusammenlebens sind schwere Grundrechtseingriffe und müssen gerechtfertigt sein.11 Ist die alternierende Obhut im konkreten Fall die günstigste Betreuungslösung für das Kind, kann ihm diese aufgrund des Vetorechts vereitelt werden. Darum dürfte das Vetorecht eines Elternteils bereits heute gegen grundrechtliche Minimalanforderungen verstossen.12

III. Folgerungen

  1. Grosses Potential

Eine alternierende Obhut wird kaum alle familienrechtlichen Probleme lösen und ist auch nicht immer gerechtfertigt. Dennoch bietet sie für viele Fälle ein grosses Potential: Sie wirkt dem für Kinder grössten Problem eines nachhaltigen Kontaktverlustes zu einem Elternteil (30‐ 50%)13 effizient entgegen und gilt als beste Betreuungslösung für Kinder; der Bedarf an Drittbetreuung wird zuweilen gar reduziert, da Eltern ihre Termine auf betreuungsfreie Tage

  • Weiterführend zum Stand der Forschung: Z.B. NIELSEN, S. 605 f. (Anhang 3, S. A 17 f.); SÜNDERHAUF,

 

  1. 361 ff. (Anhang 2, S. A 7 ff.).
  • BFS (Betreuungsarbeit, Anhang 4, S. A 20); PRO FAMILIA, S. 12 (selbe Anzahl Stunden, Anhang 6,

 

  1. A 28).
  • PRO FAMILIA, S. 3 und 12 (Anhang 6, S. A 26 und A 28).

 

  • BFS (Betreuungs‐ und Hausarbeit, Anhang 5, S. A 22 ).

 

  • BFS (Erwerbsarbeit, Anhang 5bis, S. A 23).

 

  • OECD (Families, Anhang 7, S. A 33).

 

  • z.B. Art. 13 Abs. 1 BV; Art. 12 KV‐FR; § 11 Abs. 1 lit. g KV‐BS; Art. 13 Abs. 1 KV‐BE; Art. 8 Abs. 1 EMRK; Art. 17 UNO‐Pakt II; Art. 16 KRK.

 

  • Statt vieler: BGE 138 I 225 E. 3.8.1.

 

  • 36 BV; BGE 136 I 178 E. 5.2; UNICEF (Anhang 8, S. A 37 f.); Zum Ganzen: WIDRIG, S. 903 ff. (Anhang 9, S. A 40 ff.).

 

  • RIXE, S. 76 ff. (Anhang 10, S. A 71 ff. ); WIDRIG, S. 906 (Anhang 9, S. A 42).

 

  • z.B. SCHWENZER, in: BSK‐ZGB 1, N 15 zu Art. 273.

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legen können; Beide Eltern können arbeiten, sich beruflich und familiär verwirklichen. Damit verringern sie die Gefahr, dass ihre Kinder in Armut leben um den Faktor 314 und entlasten sogar das Gemeinwesen; Sie verwirklicht die Ziele von Art. 8 abs. 3, 11, 13 und 14 BV.

  1. Geringer Konkretisierungsbedarf

Bisher ist die alternierende Obhut wenig verbreitet (ca. 5%). Nach Wegfall des Vetorechts dürfte diese Zahl jedoch deutlich ansteigen. Wie stark hängt auch vom Parlament ab. Trotz der Präzisierung in der Botschaft scheint es wünschenswert, dass aus den Wortprotokollen der Räte

  • ein Bekenntnis zum Vorschlag des Bundesrats in Bezug auf die alternierende Obhut bzw. ein Bekenntnis zur alternierenden Obhut ersichtlich wird
  • dass gesagt wird, dass die Betreuungsanteile und die Obhut aus Art. 133 E‐ZGB prozentual aufgeteilt werden können – dies verhindert das Problem wie es heute in Deutschland existiert: Nach Ansicht der deutschen Gerichte war der deutsche Gesetzgeber der Ansicht, dass die Obhut grundsätzlich unteilbar sei, was dazu geführt hat, dass heute viele Väter die es sich leisten können ihre Kinder zwar (fast) hälftig betreuen dürfen, aber dennoch den vollen Betreuungsunterhalt an die Mutter bezahlen (was dem Zweck des Betreuungsunterhalts zuwiderläuft).
  • dass bei gegebenen Umständen beide Eltern zur Bezahlung des Kindesunterhalts verpflichtet werden können und
  • dass i.S. einer Definition eine Prozentzahl dafür angegeben wird, ab wann von einer alternierenden Obhut gesprochen wird (z.B. 30/35% etc.). Unterhalb dieser Limite wird ein Elternteil dem anderen den vollen Betreuungsunterhalt bezahlen müssen.
  1. Schlussanmerkungen

Bitte bedenken Sie, dass in der Schweiz nur eine Elite von ca. 10% ein Mindesteinkommen von CHF 10‘000.‐/Monat erwirtschaften. Die Hälfte aller Schweizer(innen) verdient weniger als CHF 5979.‐/Monat. Dieser Betrag reicht selten aus um den „gebührenden“ Kindesunterhalt sowie den Grundbedarf zweier Erwachsener zu decken.15 Es scheint darum selbst in der Schweiz unmöglich das Ernährer‐Modell auf Dauer beizubehalten.

Im Anhang finden Sie zudem die gesetzliche Grundlage Belgiens für eine alternierende Obhut.16

  • OECD (Families, Anhang 7, S. A 34).

 

  • BFS (Lohnstrukturerhebung, Anhang 11, S. A 49).

 

  • Belgisches ZGB (Anhang 12, S. A 50).

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http://www.gecobi.ch/dokumente/unterhalt/alternierendeObhut.pdf

Tränen und Wut an KESB – Mahnwache

Tränen an der Mahnwache gegen «Kesb-Willkür»

Die Kesb-Gegner hielten ihre Tränen nicht zurück – und mit ihrer Kritik an der Kindeschutzbehörde nicht hinterm Berg.

Die Mahnwache für die getöteten Kinder wird zur Anti-Kesb-Demonstration. (Video: Roland Schäfli/Vincent Freigang)

Zahlreich waren am Freitagnachmittag dem Aufruf zur Mahnwache für die getöteten Kinder von Flaach nur die Medien gefolgt. Ansonsten stiess die Anti-Kesb-Veranstaltung auf vergleichsweise wenig Interesse. Mit auf dem Podium in Zürich: die Grosseltern der getöteten Kinder.

Dem Grossvater, Björn Kaiser, ist es ein Anliegen, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät. Trugen die Grosseltern still ihr Anliegen vor, so schrie Zoë Jenny ihre Anklage gegen die Kesb und ihre Kritik an der zuständigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga förmlich heraus.

Die Basler Bestsellerautorin hat die Website www.kindergerechte-justiz.ch ins Leben gerufen und ruft jetzt öffentlich zum Widerstand gegen Behördenwillkür auf. Als Mutter einer vierjährigen Tochter fühlt sie sich von den Kesb-Beamten schikaniert, ist mit dem Besuchsrecht des Vaters nicht einverstanden.

Die Kin­des- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) stehen nicht erst seit dem Fall Flaach in der öffentlichen Kritik. «Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht», lautet der kämpferische Slogan einer Gruppe von Initianten, bestehend aus zwei Müttern und einem Vater, die die Entmachtung der Kesb fordert.

Die Gruppe schart nun via Facebook Gleichgesinnte um sich und konnte auch prominente Kesb-Gegner wie Julia Onken und Regula Stämpfli für ihre Sache gewinnen. Musiker Chris von Rohr, der die Behörde als «lebensfremde Institution» kritisiert, hatte sich angekündigt, musste der Veranstaltung aber wegen einer Wurzelbehandlung fernbleiben.

(ros), 13. März 2015 17:02; Akt: 13.03.2015 17:14

http://www.20min.ch/schweiz/zuerich/story/Traenen-an-der-Mahnwache-gegen–Kesb-Willkuer–30670603
Tags: Jugendamt Schweiz

Fr.13.März 2015, 14h – Mahnwache Zürich – Opfer Jugendamt KESB

Mahnwache am 13. März 2015 von 14.00 – 17.30
in der Stadthausanlage Zürich

Wir trauern um die verstorbenen Kinder im Fall Flaach und fordern die Entmachtung der KESB.

Zoë Jennys Kinderrechts-Projekt:
–>
www.kindergerechte-justiz.ch

Tags:  Termine – Veranstaltungen – Demo – Mahnwache