Resi­denz­mo­dell ent­spricht nicht mehr der Rea­lität

Familienrechtlerin Prof. Dr. Nina Dethloff zum DJT

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„Das Resi­denz­mo­dell ent­spricht nicht mehr der Rea­lität“

Auf dem 72. DJT werden Beschlüsse für ein modernes Kindschaftsrecht erwartet. Die Vorsitzende der Familienrechtsabteilung mahnt im LTO-Interview Reformen an, die in puncto Kinderbetreuung der Lebenswirklichkeit gerecht werden.

LTO: In Leipzig wird diskutiert, die geteilte Betreuung als weiteres Betreuungsmodell neben dem Residenzmodell im Kindschaftsrecht abzubilden. Der Vorschlag ist, diese rechtssystematisch als Ausübung der elterlichen Sorge und eben nicht als Umgang auszugestalten. Was sollte sich da ändern?

Prof. Dr. Nina Dethloff, LL.M: Die klassische Unterscheidung zwischen Sorge und Umgang wird neuen Formen der geteilten Betreuung in der Tat nicht mehr gerecht. Wenn das Kind etwa drei Tage von einem und vier Tage vom anderen Elternteil betreut wird und damit bei beiden ein Zuhause hat, handelt es sich bei keinem von ihnen nur um Umgang. Beide Eltern üben tatsächlich die elterliche Sorge aus. Andere Formen der Betreuung als die im Residenzmodell stellen heute gesellschaftliche Realität dar und sie müssen auch vom Familienrecht angemessen abgebildet werden.

Sollte das sogenannte Wechselmodell – wonach das Kind z.B eine Woche bei der Mutter, eine Woche beim Vater lebt – künftig sogar Regelfall der Betreuung minderjähriger Kinder nach Trennung und Scheidung der Eltern werden, wie es etwa auch die FDP vorschlägt?

Nein, denn das Wechselmodell passt nicht für alle Familienkonstellationen und entspricht nicht immer dem Wohl des Kindes. Wenn die Eltern sich nicht auf eine geteilte Betreuung im Wechselmodell einigen können, muss das Gericht in der Lage sein, eine Betreuung anzuordnen, die dem Wohl des jeweils betroffenen Kindes am besten gerecht wird.

Wichtig ist aber auf jeden Fall auch, dass Eltern darin unterstützt werden, eine einvernehmliche Lösung zu finden, die sich am Kindeswohl und den Bedürfnissen ihrer Familie orientiert. Hierfür sollten unbedingt die Beratungs- und Mediationsangebote ausgebaut werden und vor allem auch für diejenigen kostenfrei sein, die sich dies sonst nicht leisten können.

Psychologen gegen Wechselmodell als Regelfall

Auf welche Erfahrungen kann die familienrechtliche Wissenschaft beim Thema Wechselmodell mittlerweile zurückgreifen?

Gerade bei diesem Thema ist es wichtig, auf die Expertise der Entwicklungspsychologie zurückzugreifen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat sich vor kurzem in einem Positionspapier dezidiert gegen das Wechselmodell als Regelfall ausgesprochen. Aus psychologischer Sicht gibt es keine Erkenntnisse, die für eine gesetzliche Verankerung des Wechselmodells als Regelfall sprechen.

Befürworten Sie die Vorschläge, die bisher nur auf das Residenzmodell zugeschnittene Kompetenzverteilung bei gemeinsamer Sorge (§ 1687 Abs. 1 BGB) im Bereich der Alltagssorge flexibler zu gestalten und damit auch anderen Betreuungsformen besser Rechnung zu tragen?

Ja. Das Residenzmodell entspricht nicht mehr der gelebten Realität. Die gesetzlichen Regelungen müssen verschiedenen Modellen der elterlichen Betreuung gerecht werden. Dies ist heute auch schon in vielen anderen Ländern der Fall, die passende Regelungen für unterschiedliche Formen der Betreuung vorhalten.

Wird das klassische Residenzmodell, bei dem ein Elternteil das Kind ganz überwiegend betreut und der andere Elternteil mit dem Kind Umgang hat, überhaupt noch „modernen“ Vätern gerecht?

Väter beteiligen sich heute in der Tat mehr an der Betreuung der Kinder. Dies ist auch sehr zu begrüßen. Daher stimmt es, dass das traditionelle Modell – eine Person betreut, eine bezahlt – nicht mehr der Realität entspricht.

„Das Interesse des Kindes muss im Mittelpunkt stehen“

Ist die Frage des Wechselmodells und der entsprechenden rechtlichen Einordnung auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit?

Das ist schon richtig. Aber es geht bei der Ausgestaltung der elterlichen Betreuung nicht in erster Linie darum, Gerechtigkeit zwischen den Eltern zu verwirklichen. Das Interesse des Kindes hat immer im Mittelpunkt zu stehen. Seine Wünsche und sein Wille sind zu berücksichtigen. Das gilt natürlich umso mehr, je älter die Kinder werden. Einem Zwölf- oder Dreizehnjährigen sollte man ein Wechselmodell nicht gegen seinen klar geäußerten Wunsch aufzwingen.

Welche Grundvoraussetzungen wie beispielsweise die Nähe zwischen den Wohnsitzen, ein Mindestmaß an Kommunikation zwischen den Eltern oder räumliche Infrastruktur sollten erfüllt sein, damit ein Wechselmodell dem Kindeswohl entspricht?

Wichtig ist tatsächlich, dass der Streit zwischen den Eltern nicht so eskaliert ist, dass sie nicht mehr miteinander kommunizieren. Denn es sind bei einer geteilten Betreuung mehr Absprachen erforderlich als im Residenzmodell. Und die dauernden Streitigkeiten belasten das Kind doch erheblich. Die räumliche Nähe ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Gerade wenn die Kinder älter werden, müssen sie etwa in der Lage sein, sich selbstständig zwischen den beiden Wohnungen bewegen zu können. Auch kann ein wochenweiser Wechsel zwischen zwei Kindergärten oder Schulen nicht im Interesse des Kindes liegen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Interview von Hasso Suliak, 26.09.2018
https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/familienrecht-kinder-betreuung-wechselmodell-residenzmodell-umgang-sorge/
Tags: Familie – Kinder – Kinderbetreuung – Trennung – Familienrecht – Doppelresidenz Vaterschaft – Väter – Erziehung – Trennung – Scheidung – Erziehung – Kindererziehung – Gleichberechtigung Gleichstellung – Menschenrechte EGMR – family law – Language – english – ПЕРЕВЕСТИ на Английский – Italia – lingua italiana – France français , Double Residence – Exchange Model – Alternate Care – Shared parenting , Education – Parenting , Family , Family Law , FDP , Court Equality Equality , Justice , Children , Child Welfare , Childhood , Human Rights ECHR , Custody – Parental – Parental Care , Divorce – Separation , Father , Fatherless Society , Paternity , Paternity , Fathers Article Care , Double Residence , Parent , Family , Family Constellation , Family Law , Court , https://wp.me/p4RGV9-2ZC , child welfare , child rights , mediation , Nina Dethloff , reality , residency model , divorce , separation , exchange model

5 Gedanken zu “Resi­denz­mo­dell ent­spricht nicht mehr der Rea­lität

  1. Vielen Dank für den Beitrag, aber die traurige Realität in Deutschland ist insbesondere nach dem Grundsatzurteil des BGH zum Wechselmodell, dass leider sehr häufig Mütter die Kommunikation mit dem Vater verweigern und leider Gerichte, Jugendämter, „Sachverständige“ etc. das stillschweigend dulden und damit dieses explizit ausgeschlossene Verweigerungsverhalten bestärken.
    Im Ergbis führt das zu massiven und ungerechtfertigten Grundrechtseingriffen der betroffenen Kinder und auch der Väter.
    Letztlich kann gleichberechtigte elterliche Sorge nur durch gleichberechtigten, paritätischen „Umgang“ gelebt und praktiziert werden. Wenn sich ein Elternteil, meiste die Mutter, der gemeinsamen Verantwortung und Entscheidungsfindung verweigert, kann dies keine Grundlage sein einen Elternteil, in der Realität leider meistens den Vater, auszugrenzen bzw. auf einen „Wochenendspaßpapa“ zu reduzieren.
    Solange deutsche Gerichte das Persönlichkeitsrecht der Mutter über alles andere und insbesondere über die Grundrechte der Kinder auf beide Elternteile stellen, kann viel diskutiert werden, aber die Folgen der Ausgrenzung (PAS) von vorwiegend Vätern sind in unserer Gesellschaft bereits sehr weitverbreitet und spürbar.

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  2. Es gibt so viel zu tun. Psychologen, Mediziner, Juristen und vor allem Rechtsanwälte müssen sich raushalten. Es ist eine politische Entscheidung, ob Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Normalität im Gesetz verankert werden oder alles so bleibt im Umgangsrecht.

    Hören wir beispielsweise auf die Familienräte …

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    • Hallo Mark,

      hat der Gesetz geber, dass nicht schon getan bzw. steht das nicht eigentlich schon so im Gesetz?
      In § 1684 Absatz I BGB steht:
      Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.

      Alle Gesetze sind verfassungskonform anzuwenden. Das beide Elternteile gleichberechtigt sind, wird niemand ernsthaft in Frage stellen wollen. Zudem hat der Gesetzgeber mit der Einführung des §1626a BGB ausdrücklich die gleichberechtigte Elterlichesorge als Regelfall unterstrichen und damit die rechtliche Gleichstellung beider Elternteile, egal ob verheiratet oder nicht, klar im Gesetz geregelt.
      Damit kann „berechtigt“ nur noch als gleichberechtigt verstanden und angewendet werden. Wünschenswert wäre, dass der Gesetzgeber diese m.A.n. ohnehin schon klare Regelung redaktionell anpasst und berechtigt in gleichberechtigt anpasst.

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      • Ja. Das ist wünschenswert und ich verstehe das. Es ist aber notwendig, dass das Wechselmodell als Regelmodell festgeschrieben wird, wenn sich die Eltern nicht einigen können. Denn die aktuelle Rechtsprechung entspricht sehr oft nicht dieser „Gleichberechtigung“ und konstruiert ein abstraktes Kindeswohl, das manchen Eltern und Kindern erheblichen Schaden zufügt, sie traumatisiert. Da Psychologen und Rechtsanwälte unmittelbare Profiteure von dieser Praxis sind, sollten sie hier nicht mitreden dürfen.

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      • Völlig richtig, sobald berechnet in gleichberechtigt geändert wird wäre das schließlich erledigt. Entsprechende Vorschläge habe ich den Abgeordneten des Deutschen Bundestags bereits gemacht.

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