Alte Schule verhindert Umsetzung der alternierende Obhut

Wie teilt man ein Kind?

Ein Vater kämpft für mehr Zeit mit seiner Tochter – erfolglos. Wie in seinem Fall sind Gerichte oft skeptisch gegenüber der abwechselnden Betreuung.

Natascha gehe es gut – also brauche sie auch nicht mehr Zeit mit dem Vater, befand das Gericht (Symbolbild). Foto: PhotoAlto, Laif

Natascha gehe es gut – also brauche sie auch nicht mehr Zeit mit dem Vater, befand das Gericht (Symbolbild). Foto: PhotoAlto, Laif

Natascha* war nicht geplant. Der Vater hatte schon erwachsene Kinder, und die Mutter war jenseits der 40. Beide waren beruflich stark engagiert und erfolgreich. Nicht, dass Natascha deshalb unerwünscht gewesen wäre. Im Gegenteil. Seit sie zur Welt gekommen ist, können Vater und Mutter nicht genug von ihr kriegen.

Das ist der schöne Teil der Geschichte. Der weniger schöne Teil sind Hunderte Seiten Gerichtsakten, die zwischen Vater, Mutter, Anwälten und Gerichten herumgereicht werden, Protokolle eines Streits, der mit allen Mitteln geführt wird. Es geht um die Zeit, die Natascha mit dem Vater verbringt.

Sie war noch ein Baby, als der Vater die Trennung beantragte. Es wurde bestimmt, wo sie wohnen soll (bei der Mutter) und wie häufig sie den Vater besuchen soll (etwa acht Stunden pro Woche). Am Anfang hat es ausgesehen, als werde man sich in Kindesangelegenheiten einigen. Dass Natascha im Säuglingsalter bei der Mutter wohnt, aber später auch beim Vater übernachten wird; so, wie es ihrem Alter und ihren Bedürfnissen entspricht. Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. Bald kommunizierten Vater und Mutter nur noch über die Rechtsanwälte miteinander. Die Mutter wollte dem Vater so wenig Besuchszeit wie möglich gewähren. Der Vater wollte mehr als ein paar Stunden. Das Gericht verfügte: ein paar Stunden.

In Skandinavien die Regel

Daraufhin beantragte der Vater die alternierende Obhut. Dieses Betreuungsmodell, bei dem das Kind bei jedem Elternteil mindestens ein Drittel seiner Zeit verbringt, will das Parlament fördern. Im neuen Unterhaltsrecht, das 2017 in Kraft tritt, ist die alternierende Obhut erstmals explizit erwähnt. Auf Wunsch eines Elternteils muss das Gericht – unabhängig vom Einverständnis des anderen Elternteils – prüfen, ob es für das Kind gut wäre, wenn Vater und Mutter die Betreuung aufteilen.

Eigentlich müssten das die Gerichte heute schon – zumindest gingen viele Parlamentarier davon aus, dass das neue Sorgerecht von 2014 dies vorschreibt. Doch die Gerichte hatten es anders aufgefasst, und die Lehre war unschlüssig, wie das Gesetz zu interpretieren sei. Deshalb wird die alternierende Obhut künftig als zu prüfende Be­treuungsform ausdrücklich erwähnt.

Die Schweiz tut sich schwer damit. Bei Gerichten und Kindesschutzbehörden herrscht die Ansicht, dass sich zerstrittene Eltern nicht organisieren können. Ähnlich sieht man es in Deutschland, anders in Frankreich und Skandinavien. Dort betreuen Vater und Mutter das Kind in der Regel gemeinsam.

Auch im Fall von Natascha wollen die Gerichte nichts von alternierender Obhut wissen. Es gebe keinen Grund dazu, sagen sie. Die Urteile zeigen, wie gross der Spielraum der Gerichte ist und wie stark die persönliche Meinung der Richter einfliessen kann. Es sei eine «pauschale Behauptung», dass die alternierende Obhut das beste Betreuungsmodell für Kinder getrennt lebender Eltern sei, heisst es in einem Urteil. Und: Die Gerichte seien trotz neuer Gesetze frei, die alleinige Obhut – und auch das alleinige Sorgerecht – zu verfügen.

«Bei manchen Gerichten herrscht alte Schule.»Martin Widrig, Universität Freiburg

«Bei manchen Gerichten herrscht alte Schule», sagt Martin Widrig, Assistent an der Universität Freiburg. Er schreibt eine Dissertation zur alternierenden ­Obhut, und er glaubt, dass sich bei diesen Gerichten kurzfristig wenig ändern werde. «Denn sie können sagen, was das Kindeswohl ist.»

Auch die Besuchszeiten für Nataschas Vater sollen nicht verlängert werden, befanden die Gerichte. Es bleibt bei den wenigen Stunden pro Woche. Die Begründung: Eine Änderung des Besuchszeitenregimes sei nicht nötig, denn dem Kind gehe es offenbar gut so. Es fühle sich beim Vater wohl, was zeige, dass eine Vater-Tochter-Beziehung auch mit wenigen Stunden Besuchszeit möglich ist. Dass Natascha sagt, sie wolle mehr Zeit beim Vater verbringen, lässt das Gericht nicht gelten: Kindesanhörungen seien erst ab 6 Jahren möglich, heisst es im Urteil, das dem TA vorliegt. Natascha ist 5. Nun entscheidet die nächsthöhere Instanz. Notfalls, sagt der Vater, würde er sich an den Gerichtshof für Menschenrechte wenden. Doch bis zu einem Urteil wäre seine Tochter ein Teenager.

Viele Väter machen diesen Weg gar nicht erst, weil er mühsam und teuer ist. «Nur ein kleiner Bruchteil stellt den Antrag auf alternierende Obhut», sagt Marcel Enzler, Präsident der Kindesschutzorganisation Schweiz (Kisos). «Ob sich ein Vater auf den Instanzenweg begibt, hängt meistens davon ab, ob er die ­Verfahrenskosten tragen kann.»

Konsens ist nicht mehr zwingend

Die Antragsteller sind also darauf angewiesen, dass auch die unteren Gerichtsinstanzen und die Kindesschutzbe­hörden offener werden. Martin Widrig glaubt, dass das «Eis gebrochen» sei. Allein der Umstand, dass die Gerichte die alternierende Obhut prüfen müssen, werde einiges ändern. Wichtig sei, dass der fehlende Wille eines Elternteils nicht mehr alleiniger Grund sein könne gegen die alternierende Obhut. So hat es das Bundesgericht im Mai 2015 festgelegt. «Das ist die grosse Errungenschaft dieser Gesetzesrevision», sagt Widrig.

Demnächst sagt auch der Bundesrat seine Meinung zur alternierenden ­Obhut. Nachdem das Parlament den ­Obhuts-Artikel ins Gesetz genommen hatte, verlangte es einen Bericht über das Betreuungsmodell, über Probleme und mögliche Lösungen. Die wissenschaftliche Grundlage für den Bericht liegt vor, erarbeitet haben sie die Rechtsprofessorin Michelle Cottier und der Soziologe Eric Widmer, beide von der Universität Genf. Das Fazit der Studie wird den Vätern wenig Freude machen, denn die Wissenschaft ist gegenüber der alter­nierenden Obhut skeptisch. Wie sich der Bundesrat dazu positioniert, ist offen.

Das alles betrifft Natascha sehr direkt und spielt sich doch weit weg von ihr ab. Sie wird weiterhin ein paar Stunden pro Woche beim Vater verbringen, ohne Übernachtungen, Wochenenden und Ferien. Vielleicht ändert sich das, wenn die Gerichte ihren Vater erhören. Oder wenn sie selber entscheidet, wann sie wo Zeit verbringt. Heute entscheidet sie, welche Kleider sie anzieht und welche nicht.

* Name der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.10.2016, 23:16 Uhr)

Claudia Blumer, Inlandredaktorin,  07.10.2016

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