Neues Sorgerecht – Wie lautet Ihre Bilanz?

«Der Kampf um die Obhut verstärkt sich»

Wie wird das neue Sorgerecht in der Praxis umgesetzt? «Zugunsten der Mütter», sagt Väter-Rechtler Oliver Hunziker.

Krieg um das Kind: Scheidungsdrama «Kramer vs. Kramer» mit Dustin Hoffman.

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Oliver Hunziker (49) ist Präsident des Dachverbands für gemeinsame Elternschaft und Vizepräsident des International Counsil for shared Parenting. 2009 hat er das Väterhaus ZwüscheHalt gegründet. Hunziker arbeitet als Informatiker und hat aus einer geschiedenen Ehe zwei erwachsene Söhne.

Das neue Sorgerecht

Seit dem 1. Juli 2014 entscheiden Eltern in Fragen der elterlichen Sorge gemeinsam. Dazu gehört etwa Erziehungsstil, Ausbildung oder medizinische Belange. Kein Elternteil hat einen Stichentscheid. Im Streitfall entscheidet die zuständige Behörde. Nach der Neuregelung hat der Inhaber des Obhutsrechts, also derjenige bei dem das Kind lebt, nicht mehr automatisch das Recht zur Bestimmung des Aufenthalts des Kindes: Der sogenannte «Zügelartikel» schliesst das gemeinsame Recht mit ein, den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen.

 

Herr Hunziker, seit eineinhalb Jahren ist das neue geteilte Sorgerecht in Kraft. Wie lautet Ihre Bilanz?
Das neue Gesetz entfaltet seine Wirkung zunehmend. Das Thema Sorgerecht und die Frage, wer dieses erhält, scheinen aus dem Brennpunkt der Paare zu verschwinden. Wie befürchtet, hat sich der Kampf um die Obhut verstärkt. Diese liegt nach wie vor meistens bei den Frauen. Das bedeutet, dass Väter immer noch zu wenig in die Betreuung der Kinder eingebunden werden, selbst wenn diese das möchten.

Dann ist für die Väter weniger gewonnen, als man sich erhofft hat?
Die Väter starten aus einer besseren Verhandlungsposition. Früher musste man vorsichtig sein, dass man ja nicht zu viel verlangt, sonst war das Sorgerecht weg. Diese Angst fällt heute weg. Ausserdem sind nun erste Fälle bezüglich des Wohnsitzartikels bei den Gerichten. Dieser schreibt vor, dass ein Wohnortwechsel der Kinder auf Antrag des anderen Elternteils durch das Gericht vorgängig überprüft werden muss.

Der Zügelartikel ist der Knackpunkt im neuen Sorgerecht. Frauenorganisationen wehrten sich erfolglos dagegen, nannten ihn ein Macht- und Erpressungsinstrument.
Das Gegenteil ist der Fall. Der Zügelartikel verhindert, dass eine gute Lösung – die geteilte Betreuung – durch den plötzlichen Entscheid eines Elternteils gekippt werden kann. Entscheide von solcher Tragweite wie ein Wegzug der Kinder müssen von beiden Elternteilen gefällt werden, hier gilt das 4-Augen-Prinzip zum Wohl der Kinder.

Wie sieht es nun mit der Umsetzung aus?
Bislang scheinen die Richter eher konservativ zu entscheiden, sprich sie gewähren das Recht demjenigen, der mit den Kindern wegziehen will. Und das ist fast immer die Frau.

Weil die Niederlassungsfreiheit stärker gewichtet wird als das Betreuungsrecht?
Nein, die Niederlassungsfreiheit ist unantastbar. Als Vater können Sie nicht verhindern, dass die Mutter Ihrer Kinder wegzieht. Aber Sie können einen Antrag stellen, dass die Kinder nicht mit der Mutter wegziehen und in Ihrer Obhut bleiben. In Kalifornien wird diese Praxis seit vielen Jahren angewandt, wenn ein Elternteil mehr als 50 Kilometer wegziehen will. Man stelle sich das vor – 50 Kilometer in Kalifornien, das ist ungefähr wie zwei Strassen weiter bei uns. Die Fälle, in denen jemand wegzieht mit dem Ziel, dem anderen die Kinder zu entziehen, können so wirkungsvoll verhindert werden.

Warum klappt das bei uns trotz Zügelartikel nicht?
Das Gericht müsste eigentlich das Wohl des Kindes ins Zentrum stellen, das ist aber leider ein sehr individuell messbarer Wert. Einige Richter argumentieren: Die Kinder sollen bei der Mutter bleiben, weil es für sie weniger schlimm ist, mit ihr umzusiedeln, als mit dem Vater zu leben. Wie solche Entscheide ausfallen, hängt aber sehr stark mit dem jeweiligen Richter zusammen, ob er konservativ oder modern eingestellt ist. Es gibt tatsächlich Richter, die das Kind fragen, bei wem es lieber leben würde. Das ist natürlich skandalös – genauso wie entsprechende Suggestivfragen, die bei Kindsanhörungen immer noch viel zu oft zum Einsatz kommen.

Kinderwunsch ist nicht gleich Kindeswohl?
Das ist definitiv nicht das Gleiche. Die Kinder entscheiden sich in der Regel für jene Person, bei der sie leben. Da die meisten Anhörungen erst stattfinden, wenn die Eltern bereits getrennt sind, ist die Meinung der Kinder womöglich nicht mehr neutral. Wichtig ist für Väterorganisationen deshalb das Anliegen der alternierenden Obhut. Da versuchen wir aktuell Eltern und Behörden zu sensibilisieren, dass man weg vom Standardmodell kommt, das besagt, dass die Obhut automatisch der Mutter zugesprochen wird.

Sollte man eine alternierende Obhut per Gesetz regeln?
Im neuen Unterhaltsrecht, das 2017 in Kraft tritt, ist es möglich, einen Antrag auf alternierende Obhut zu stellen. Das ist ein Anfang. Aber meiner Meinung nach müsste man im Gesetz die alternierende Obhut zum «bevorzugten Modell» machen, wie dies der Europarat gerade erst kürzlich gefordert hat. Diese Lösung ist besser für die Kinder, da diese dabei den Kontakt zu den beiden Familiensystemen behalten. Sie ist besser für die Mütter, da diese schneller wieder in die Arbeitswelt zurückkehren können, statt über Jahre ans Haus gefesselt zu bleiben. Und nicht zuletzt ist sie auch besser für die Väter, die dadurch den Bezug zu den Kindern nicht verlieren, eine bessere Work-Life-Balance erhalten und dabei häufig auch gesünder bleiben würden.

Ist eine alternierende Obhut realistisch, wenn die Eltern zerstritten sind?
Genau dieses Argument wird immer wieder ins Feld geführt, es greift aber überhaupt nicht. Verschiedene Forschungsarbeiten zeigen, dass es auch möglich ist, alternierende Obhut zu leben, wenn die Eltern zerstritten sind. Das Modell wird davon nicht tangiert, die Eltern müssen sich lediglich über die Kinderbelange absprechen, und das müssen sie ohnehin. Hingegen sind die Kinder dem Streit entzogen, wenn sie bei beiden Eltern wohnen, da sie dann nicht als Druckmittel benutzt werden können.

Es gibt in der Schweiz immer mehr binationale Ehen. Trennungen sind da besonders schmerzvoll: Meistens ist ein Partner wegen der Kinder an die Schweiz gebunden, obwohl er nicht mehr hier leben möchte.
Das ist nicht richtig – im Prinzip steht es dem Partner ja frei, die Schweiz zu verlassen, bloss sollten die Kinder dann eben auch hier bleiben. Ob jemand das dann will, muss er/sie für sich selbst entscheiden.

Wenn bei geschiedenen binationalen Paaren Uneinigkeit über den Aufenthaltsort besteht: Wie läuft das juristische Prozedere ab?
Im Prinzip genau gleich wie bei einem Schweizer Paar. Das Gericht muss entscheiden, was besser für die Kinder ist. Die Entwurzelung der Kinder ist in solchen Fällen natürlich ungleich dramatischer, hier greift meiner Ansicht nach eben auch das Argument des Kindeswohls. Die Frage, ob ein Richter das auch so beurteilt, bleibt aber offen. Vielleicht führt er an, dass der Wegzug ins Ausland dem Kind neue Perspektiven eröffnet. Manchmal dauern die Gerichtsverfahren auch so lange, dass es irgendwann heisst: Die Kinder sind jetzt schon ein Jahr im Ausland – lassen wir sie im Sinne des Kindeswohls dort.

Was wenn der ausländische Partner trotz eines Gerichtsurteils mit den Kindern in seine Heimat zurückkehrt?
Das Gesetz kann nur deklarieren, was erlaubt ist und was nicht, und was die Konsequenzen von Übertretungen sind. Je nach Land schaltet sich dann der internationale Sozialdienst ein, und die Kinder werden in die Schweiz zurückgebracht.

Letztlich kann wohl nur ein Mentalitätswechsel Kriege um Kinder verhindern. Die Eltern sollten das Kindswohl über ihre eigenen Interessen stellen.
Ja, auf jeden Fall. Gesetze können einerseits signalisieren, was in unserer Gesellschaft als «normal» oder auch «common sense» gilt, sie können ausserdem definieren, was geschieht, wenn man sich davon entfernt. Die Vorstellung, wie diese Gesetze angewandt werden müssen, erfordert aber ein Umdenken in der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft verändert sich ja auch laufend. Junge Frauen sind nicht mehr gewillt, ihren Beruf vollständig aufzugeben. Junge Männer möchten von Anfang an mehr in die Familienarbeit eingebunden sein. Das herkömmliche Ernährermodell wankt, nur schon, weil viele Familien gar nicht mehr mit einem einzigen Einkommen auskommen können. Familien, die sich die Arbeit aber so teilen, können bei der Trennung mit den vorhandenen Vorstellungen in den Gerichtsstuben nichts anfangen. Sie brauchen deshalb neue Konzepte, und dafür muss sich eben auch in der Ausbildung der zuständigen Entscheidungsgremien noch vieles ändern. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.11.2015, 23:17 Uhr
http://bazonline.ch/leben/gesellschaft/das-ist-natuerlich-skandaloes/story/31152202
Tags: Doppelresidenz – Wechselmodell – alternierenden Obhut

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