Die Tochter mit den drei Kinderzimmern – Scheidungskinder

Scheidungskinder – Die Tochter mit den drei Kinderzimmern

„Die Kinder müssen sich nicht für einen Elternteil und gegen den anderen Elternteil entscheiden.“

Wie lässt sich Kindererziehung nach der Trennung am besten organisieren? Ein Vater mit Kindern aus verschiedenen Beziehungen hat mehrere Modelle getestet.

Von Ulrike Heidenreich

Er ist Vater von vier Kindern und hat wirklich alles durchgemacht. Zweimal geschieden, einmal unverheiratet getrennt – die Kinder aus den drei Beziehungen immer mittendrin, besser sollte man wohl sagen: zwischendrin. Da bleibt kein Auge trocken. Und so hat Georg Probst, der in Wirklichkeit anders heißt, einige Modelle ausprobiert, die einem friedlichen Familienleben zuträglich sein könnten.

Gleich nach der ersten Scheidung lebt sein erster Sohn bei der Mutter; Wochenendpapa Probst zahlt Unterhalt und sieht ihn regelmäßig – das ist das sogenannte Residenzmodell. Es sind zwar irgendwie geordnete Verhältnisse, doch Streit gibt es trotzdem oft.

Dann die zweite Scheidung: Sohn Nummer zwei und Sohn Nummer drei wohnen bis zum Abitur bei ihm, dem Vater. Die Mutter lebt in der Nachbarschaft, die Jungs gehen oft zum Mittagessen zu ihr. Auch dies ist ein Residenzmodell, allerdings beansprucht Georg Probst keinen Kindesunterhalt von seiner Ex-Frau, denn diese ist in den Anfangsjahren noch nicht wieder berufstätig. Auch hier kommt es immer wieder zu Hakeleien und Debatten.

 

Zwischen Bayern und Nordsee

Und nun, nach der dritten Trennung, lebt der pensionierte Lehrer mit Kind Nummer vier, einer 14-jährigen Tochter, in einer Konstruktion, die er als Wechselmodell bezeichnet.

Was funktioniert am besten? Probst muss da nicht lange überlegen: „Meine Tochter ist zufrieden und froh, dass meine Ex-Partnerin und ich uns nicht ständig streiten.“ In der Schule sei sie auch viel besser geworden.

Rundum reibungslos läuft es bei Probst, 66, aber auch wieder nicht. Vor acht Jahren hatten er und seine dritte Partnerin sich getrennt. Tochter Lotte lebte danach bei ihrer Mutter, sah den Vater regelmäßig zweimal pro Woche.

Dann heiratete die Mutter wieder, zog von der bayerischen Kleinstadt an die Nordsee. Weil Lotte nicht aus ihrer Heimat wegwollte, ging sie zum Vater. Das war vor gut einem Jahr. Ihre Mutter behielt eine Wohnung im Ort, um die Tochter dort treffen zu können – das ist momentan fünf- bis sechsmal pro Jahr der Fall, für mehrere Tage, manchmal Wochen.

50-50 ist absoluter Unsinn“

Jede Schulferien fährt Lotte zu ihrer Mutter in den Norden, in diesen Herbstferien waren es aber nur vier Tage, denn: „Mir fehlen sonst meine Hunde.“ Die Haustiere leben im Heim ihres Vaters.Lotte hat somit drei verschiedene Kinderzimmer. Georg Probst spricht von einem Wechselmodell „mit Schattierungen“. Das läuft so, dass er 60 bis 70 Prozent der Betreuungszeit übernimmt, die Mutter, eine Rechtsanwältin, 30 bis 40 Prozent, je nachdem.

Er meint: „Starr 50-50 zu teilen, ist absoluter Unsinn. Das scheitert an unserer Arbeitswelt, wo hohe Flexibilität gefragt ist und ein Elternteil auch mal für das andere einspringen muss.“

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Trennen ist schwer. Besonders für Eltern. Und mit am schwersten ist es, für diese Entscheidung auch noch die richtigen Worte zu finden: Wie sagen wir es nur dem Kind?

Papa zahlt das Essen, Mama das Handy und Klamotten

Lediglich das Sorgerecht ist geteilt, die Kosten des täglichen Lebens für Lotte bestreitet Probst – und er bezieht auch das Kindergeld. Die Mutter zahlt Lotte das Handy samt Vertrag, bei einem 14-jährigen Teenager eine kostspielige Angelegenheit. Ebenso die Shopping-Touren für Kleidung, auf die Mutter und Tochter gehen, wenn sie sich in Bayern oder an der Nordsee sehen.

Scheidungsprofi Probst ist überzeugt vom Wechselmodell. Er sagt: „Die Kinder müssen sich nicht für einen Elternteil und gegen den anderen Elternteil entscheiden. Das entspricht ihrem natürlichen Grundbedürfnis nach Vater und Mutter.“

Was die Tochter sagt

Befragt man Lotte alleine, klingen die Schattierungen dieses Modells nicht ganz so rosig. Sie findet, dass ihre Eltern trotzdem nicht wirklich entspannt miteinander umgehen.

Und findet eine Kategorisierung, die aus dem Mund einer 14-Jährigen fast zu abgeklärt klingt: „Es gibt drei Arten von Scheidungseltern. Die, die sich hassen. Die, die sich ignorieren. Und die, die freundschaftlich miteinander umgehen. Das sind die Scheidungseltern, die man haben will.“

In der Theorie, meint das Mädchen, finde sie das Wechselmodell „super“, in der Praxis sei sie oft innerlich zerrissen.

Im gleichen Ort lebt ein Junge, sechs Jahre alt, der pendelt akkurat im Wochenrhythmus zwischen den Wohnungen von Mutter und Vater. Er finde das noch ganz spannend, sagt er. Zumal in jedem Kinderzimmer eine andere Playmobil-Burg stehe.“Wenn er älter wird, ist das schwieriger. Es gibt dann einfach einen Ort, an dem man sich wohler fühlt, wo man sich lieber mit seinen Freunden trifft – und dann hat man ein schlechtes Gewissen“, sagt Lotte.Dass ein Wechselmodell manchmal so gut funktioniert, dass darüber sogar die Eltern wieder liebend zusammenkommen, durfte die geneigte Öffentlichkeit diesen Sommer bei Alt-Bundespräsident Christian Wulff verfolgen: Nach zwei Jahren Trennung heirateten er und seine Frau Bettina kirchlich.

Der heute sechsjährige Sohn Linus hatte während der Trennungszeit vier Tage in der Woche bei seinem Vater verbracht. Von Donnerstag bis Sonntag lebte Linus bei Wulff, der in eine Dreizimmerwohnung in Hannover gezogen war. Die übrigen Tage war er zu Hause bei seiner Mutter und seinem Halbbruder in Großburgwedel.

Eine Variante ist noch übrig

Für den Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV), der das Wechselmodell propagiert, ein Musterfall: „Aus internationalen Studien ist bekannt, dass gemeinsame Erziehungsverantwortung der Trennungseltern auf Augenhöhe eine deeskalierende Wirkung hat.“

Georg Probst hat den guten Vorsatz, sich zurückzunehmen, wenn es mit der Mutter von Lotte zu Unstimmigkeiten kommt. Wenn das nicht klappen sollte, bliebe eine Variante übrig, die er noch nicht ausprobiert hat: Das Nestmodell. Das Kind bleibt immer in einer Wohnung, Mutter und Vater leben abwechselnd dort und kümmern sich um den Nachwuchs.

Langweilig wird es so sicher niemandem.

Gemeinsames Sorgerecht bei Scheidungskindern Die Zeit der Zahlväter ist vorbei

15. November 2015, 13:23 Uhr, Scheidungskinder 
http://www.sueddeutsche.de/politik/scheidungskinder-die-tochter-mit-den-drei-kinderzimmern-1.2736402

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