Kinderfachabteilung Lüneburger war eine Tötungsanstalt – EUTHANASIE

EUTHANASIE

Die Ahnenforschung, die im Nazi-Heim endete

Über 70 Jahre lang wusste Helmut Lorenz nur, dass sein jüngster Bruder in den Kriegs-Wirren verloren ging. Jetzt fand er heraus, dass der Zweijährige in einer Lüneburger „Tötungsanstalt“ starb.

Es hat einiges gegeben in der Familie von Helmut Lorenz, über das nicht gesprochen wurde. Lücken, die sich für ihn nicht füllen ließen. Die größte klaffte um seinen Bruder Dieter. Er war verloren gegangen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. So hatten es die Eltern erzählt, die nach dem Krieg mit ihren Söhnen nach Kanada ausgewandert waren. Mit zwei von dreien, mit Rolf und Helmut. Der jüngste, Dieter, blieb verschwunden.

Mit 72 Jahren entschloss sich Helmut Lorenz, der im kanadischen St. Catharines lebt, die Lücken zu füllen. Er tippte die Daten seiner Familie in ein Internetportal für Ahnenforschung ein. Zur gleichen Zeit begann auch Mario Nitzsche in Deutschland, die Geschichte seiner Familie zu erforschen. Das Internet führte sie zusammen – sie waren Großcousins. Helmut Lorenz‘ Vater und Mario Nitzsches Großvater waren Brüder.

Schon ein paar Monate später stieg Helmut Lorenz mit seiner Frau Marylinn in ein Flugzeug und besuchte seine Verwandten im thüringischen Schmölln. Sein Großcousin Mario Nitzsche lebt dort im Elternhaus von Helmuts Vater. Als sich Helmut Lorenz nach ein paar Wochen im Sommer 2013 von seinem Cousin verabschiedete, bat er Mario Nitzsche, ihm zu helfen, den verlorenen Bruder zu finden. Der fand ihn tatsächlich, doch anders, als Helmut Lorenz gedacht hatte.

Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Helmut Lorenz, 75, sitzt mit seinem Cousin in einem Lüneburger Wohnzimmer. Es gibt Butterkuchen und Kaffee. Es ist das Wohnzimmer von Carola Rudnick. Der Frau, die die Geschichte von Helmuts Bruder Dieter aufgeklärt hat. Carola Rudnick ist Historikerin und erforscht die Biografien von Opfern des sogenannten Euthanasie-Programms des Naziregimes.

Dieter Lorenz kam in ein Kinderheim

Erinnern kann sich Helmut Lorenz an den damals zweijährigen Bruder nicht mehr. Dieter war zwei Jahre nach Helmut geboren worden, am 26. Februar 1942 in Eindhoven. Die Eltern Anna und Erich Lorenz waren Anfang der Dreißigerjahre von Deutschland nach Holland gezogen. Der Vater Kaufmann, die Mutter Apothekerin, führten sie gemeinsam ein Werkzeuggeschäft. Als Erich Lorenz 1942 von der deutschen NS-Regierung als Soldat eingezogen wurde, musste sich seine Frau Anna allein um Familie und Geschäft kümmern.

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Vielleicht war Anna Lorenz damit überfordert, vielleicht war ihr alles zu viel geworden. Jedenfalls gab sie den kleinen Dieter in Eindhoven in ein Kinderheim. Warum, weiß Helmut Lorenz nicht. Er hat nie mit ihr darüber gesprochen. Bis vor Kurzem wusste er nicht einmal, dass Dieter überhaupt in einem Heim gewesen war. Er ist sich sicher, dass die Eltern Dieter in dem Heim gut aufgehoben glaubten.

Die Mutter besuchte ihren Sohn regelmäßig, doch Anfang September 1944 waren auf einmal alle Kinder des Heims verschwunden. Niemand konnte ihr sagen, wo Dieter war. Das Heim war evakuiert worden, NSV-Jugendhilfe-Westaktion hieß der Grund: NSV – das ist die Abkürzung für „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt„, zuständig unter anderem für „Jugendpflege“ und „Volksgesundheit“.

Über Umwege kam Dieter mit vier anderen Kindern in einem Flüchtlingskinderheim in Lüneburg, Niedersachsen, an. Er sprach wohl nur wenig, doch ein Mädchen, Rita, nannte ihn „Dieter“, und in einer winzigen Schachtel mit Habseligkeiten stand der Name „Lorenz“. So schlossen die Deutschen, die nicht wussten, wo und wer Dieters Eltern waren und ihn für einen Holländer hielten, auf den Namen „Dieter Lorenz“. Es war eine NSV-Helferin, die meinte, der kleine Junge gehöre in kein normales Kinderheim. Sondern in die „Kinderfachabteilung“ der örtlichen Psychiatrie.

Die Kinderfachabteilung war eine Tötungsanstalt

Insgesamt 31 solcher Einrichtungen hat es unter den Nationalsozialisten in ganz Deutschland gegeben. Anstalten, geschlossen und undurchsichtig, für die meisten Eltern aber ein Ort der Hoffnung. Weil sie glaubten, ihren Kindern würde dort geholfen. Kindern, die kleinwüchsig waren oder Probleme mit dem Sprechen hatten, an der typischen Kriegskrankheit Rachitis litten, sich schlecht konzentrieren konnten oder zu spät laufen lernten.

Mehr als eine Tarnbezeichnung für eine Tötungsanstalt war das Wort „Kinderfachabteilung“ aber nicht. Mindestens 5000 Kinder haben Ärzte und Krankenpfleger im Zuge des sogenannten Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten getötet. Spätestens seit einer Ermächtigung Adolf Hitlers vom 1. September 1939 über einen „Gnadentod“ für Menschen mit Behinderungen galt dieser Mord als „Erlösung“. Die Waffe war eine Tablette: eine Überdosis des Schlafmittels Luminal.

Setze alles in Bewegung, um Dieter wiederzufinden

Erich Lorenz
in einem Brief an seine Frau Anna

Eines dieser 5000 getöteten Kinder ist Dieter Lorenz. Dass die „Volkswohlfahrt“ ihn von einem Heim für Flüchtlingskinder in eine „Kinderfachabteilung“ geschickt hatte, erfuhren seine Eltern erst, als es zu spät war.

„Setze alles in Bewegung, um Dieter wiederzufinden.“ Das schrieb Erich Lorenz seiner Frau Anna am 30. September 1944. Er hatte Fronturlaub beantragt, er wollte den verloren gegangenen Sohn suchen. Er bekam keinen Urlaub. Der Vater fand heraus, dass Dieters Gruppe den Bahnhof Hannover passiert haben musste. Danach verlor sich jede Spur des Zweijährigen. Vater Erich setzte weiter alles daran, ihn zu finden, Mutter Anna saß auf gepackten Koffern, ihn abzuholen – egal, wo.

Dieter wurde mit einer Überdosis Luminal ermordet

Was die Eltern nicht wussten, war der Gauleitung Düsseldorf bereits am 2. Dezember 1944 bekannt: dass es in der Lüneburger „Kinderfachabteilung“ einen Patienten namens Dieter Lorenz gab. Die Eltern wurden darüber nicht informiert. Erst im Januar 1945 erhielten Anna und Erich Lorenz eine Nachricht über ihren Sohn: Ein Kind namens Dieter Lorenz, das auf ihre Beschreibung passte, sei am 14. Dezember 1944 gestorben.

„Da Sie uns selbst mitteilten, dass Ihr Kind Dieter geistig wie körperlich minderwertig veranlagt war, müssen wir leider annehmen, dass es sich in diesem Fall um Ihr Kind handelt.“ Das schrieb die Sachbearbeiterin für Familienhilfe des Amtes für Volkswohlfahrt an Anna Lorenz am 25. Januar 1945. Anna Lorenz selbst hatte ihren Dieter als zwar geistig und körperlich ein wenig langsamer entwickelt, aber zufrieden und bei vollem Verstand beschrieben. Anna und Erich Lorenz weigerten sich zu glauben, dass der tote Junge aus Lüneburg ihr Sohn sei.

Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig

der Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt
Aus einer Krankenakte

„Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wurde Dieter durch die Gabe des Barbiturats Luminal ermordet. Dafür spricht, dass er bereits nach nur zwei Wochen Aufenthalt an einer der Krankheiten starb, die – anderen Fällen ähnlich – durch eine überdosierte Medikamentengabe provoziert wurden.“ Das schreibt Carola C. Rudnick im September 2015.

Die promovierte Historikerin hat ein Buch über Dieter Lorenz und weitere Opfer der Lüneburger „Heil- und Pflegeanstalt“ geschrieben, wie die Psychiatrie damals hieß. „Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig“, zitiert der Titel eine Krankenakte. Seit drei Jahren forscht Rudnick an der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg, die auf dem 100 Jahre alten Gelände der einstigen Tötungsanstalt und heutigen Psychiatrischen Klinik liegt.

Eine Historikerin entdeckte seine Krankenakte

Es war vor gut einem Jahr, als das Telefon in Carola Rudnicks Büro klingelte und Mario Nitzsche nach dem Bruder seines Großcousins fragte. Ob sie etwas über Dieter Lorenz wisse? „Ich habe gerade seine Krankenakte vor mir liegen“, antwortete sie. Sie wundert sich noch heute über den Zufall, dass er genau in dem Moment anrief, als sie zum ersten Mal die Papiere zu Dieter Lorenz aus dem Landesarchiv Hannover durchblätterte.

Bis zu diesem Moment im Juni 2014 hatte Helmut Lorenz gehofft, sein Bruder würde eventuell doch noch leben. Seine Eltern hatten ihm und dem älteren Bruder Rolf stets erzählt, dass Dieter in den Wirren des Krieges verloren gegangen sei. Vermutlich, weil sie es selbst so glauben wollten. Weil sie sich nicht vorstellen konnten, warum ihr im September 1944 körperlich gesunder Junge im Dezember auf einmal eine „Hirnhautentzündung mit frischem Schub“ gehabt haben soll.

Bis in den Februar 1945 schrieb sich Anna Lorenz mit Max Bräuner, dem Direktor der Heil- und Pflegeanstalt in Lüneburg, bohrte immer wieder nach, wollte wissen, ob es sich wirklich um ihren Dieter handelte, der gestorben war. Irgendwann antwortete der Direktor nicht mehr.

Die Briefe hatten die Eltern all die Jahre aufbewahrt. „Vielleicht haben sie gehofft, dass ich irgendwann doch den Kreis schließen kann“, sagt Helmut Lorenz, als er am vergangenen Wochenende zum ersten Mal das Grab seines Bruders in Lüneburg besucht. Seine Frau Marylinn, seit 50 Jahren sind die beiden verheiratet, hatte Helmuts Vater Erich immer wieder auf die Familiengeschichte angesprochen. „Er hat nur wenig erzählt. Wir haben nie die ganze Wahrheit erfahren. Ich frage mich, warum. Das ist wahrscheinlich nicht nur eine Charakter-, sondern auch eine Generationenfrage.“

Helmut Lorenz hat ein wenig Erde rund um die Steinplatte mit dem Namen seines Bruders geschichtet und darin seinen Fußabdruck hinterlassen. Dieter Lorenz‘ Grab ist eines der wenigen noch existierenden der Lüneburger Kriegsgräberstätte, es wurde nie aufgelöst, obwohl es schon mehr als 70 Jahre alt ist. „Nun widerfährt ihm ein Stück Gerechtigkeit, dass er gefunden worden ist“, sagt der pensionierte Lehrer.

Dieter Lorenz wird nicht der Letzte sein, dessen Schicksal nach so vielen Jahrzehnten aufgeklärt wurde. Rund 100 Biografien hat Carola Rudnick bislang nachgezeichnet. Sie wird auch weiterhin Familien helfen, die Lücken in ihren Geschichten zu füllen.

Von 29.09.15
http://www.welt.de/vermischtes/article146986697/Die-Ahnenforschung-die-im-Nazi-Heim-endete.html

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