Angela Kreilinger: Geld ist mehr wert als der Mensch

Angela Kreilinger, Gründerin der Selbsthilfegruppe Opfersolidarität, über die Fußfessel für Pädokriminelle, milde Strafen und den Umgang der Justiz mit Missbrauchsopfern

Angela Kreilinger
Angela Kreilinger

Angela Kreilinger, Gründerin der Selbsthilfegruppe Opfersolidarität und selbst Missbrauchsopfer, kennt die Schwierigkeiten, mit denen Opfer sexueller Gewalt konfrontiert sind. Seit Jahren unterstützt sie Betroffene; dutzende Anzeigen hat sie bereits begleitet – von denen allerdings keine einzige zu einer Verurteilung führte. Ermittlungen würden oftmals im Sand verlaufen oder ohne großen Aufwand eingestellt werden. Im Interview spricht Kreilinger über die Heimskandale der letzten Jahre, weibliche Sexualstraftäter, und was der Kapitalismus mit all dem zu tun hat.

mokant.at: In einem Radiointerview mit einem Betroffenen eurer Gruppe fiel die Aussage „Missbrauchsopfer werden in Österreich oft zu Justizopfern“. Kannst du kurz erklären wie das gemeint ist?

Angela Kreilinger: Das kann ich mir gut vorstellen, weil das auf mich auch zutrifft. Man hat in Österreich zurzeit sehr schlechte Chancen vor Gericht als Misshandlungsopfer zu seinem Recht zu kommen, dabei spreche ich noch nicht von Schmerzensgeld oder Ähnlichem. Auch bei eindeutiger Beweislage wie etwa Tatzeugen habe ich persönlich noch nie einen Täter erlebt, der verurteilt wurde. Die Verfahren, die mir bekannt sind, wurden alle eingestellt, das heißt niemand wurde zur Verantwortung gezogen.

mokant.at: Warum, denkst du, ist das so?
Angela Kreilinger: Ich kann es mir nicht erklären.

mokant.at: Auf eurer Website beschreibt ihr einige dieser Fälle, in denen trotz eindeutiger Indizien keine Ermittlungen eingeleitet wurden. Welche Erfahrungen hast du als Leiterin der Selbsthilfegruppe mit Exekutive und Strafverfolgungsbehörden gemacht?

Angela Kreilinger: Meine Erfahrungen mit der Polizei waren immer sehr gut, nur darf die Polizei nicht ermitteln, wenn die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt.

mokant.at: Und warum stellt die Staatsanwaltschaft ein?

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Angela Kreilinger: Das frage ich mich auch. Vielleicht weil Missbrauchsopfern, vor allem wenn seit der Tat viele Jahre vergangen sind, nicht immer Glauben geschenkt wird. Es werden nicht einmal ansatzweise alle Mittel zur Ermittlung eines potentiellen Sexualstraftäters ausgeschöpft: In einem Fall wurde abgelehnt, dass ein für die Beweisführung wichtiger DNA-Test gemacht wird, in anderen Fällen wird abgelehnt, dass überhaupt ermittelt wird, obwohl ein Augenzeuge die Tat gesehen hat, in einem wieder anderen Fall wurden vom Anzeiger sogar Inkontinenzhosen gesammelt, die Spermaspuren enthielten, um den Misshandler eines behinderten Kindes zu überführen. Diese Beweismittel wurden nicht einmal angesehen, es wurde niemand ausfindig gemacht, das Verfahren sofort eingestellt.

mokant.at: Hast du irgendeine Idee, wie es dazu kommt, dass nach den Tätern einfach gar nicht geforscht wird?

Angela Kreilinger: Das hat unter anderem auch Kostengründe: Es kommt sowohl mir als auch anderen Betroffenen so vor, als würde kein Interesse bestehen, Sexualverbrechen aufzuklären, wenn es teuer ist. Wortwörtlich hat zu mir einmal ein Polizist gesagt, er würde gerne ermitteln, aber er darf nicht.

mokant.at: Schlagwort Fußfessel für Sexualstraftäter: Zwei Jahre bedingt, sechs Monate unbedingt, abzusitzen daheim mit einer Fußfessel und das mit relativ großzügigen Ausgangsregelungen als Strafe für Kindesmissbrauch. Glaubst du, ist das die Ausnahme oder der Regelfall?

Angela Kreilinger: Ich habe mit Straftätern nicht so viel zu tun. Vor ein paar Tagen war ich bei einer Diskussion bei Puls 4 eingeladen und dort habe ich mit einem Polizisten gesprochen, der meinte, so etwas sei durchaus die Regel: Die Täter würden oft sehr früh entlassen, der Strafrahmen nur sehr selten voll ausgeschöpft und die Fußfessel würde in Zukunft bei solchen Taten wahrscheinlich noch öfter zum Einsatz kommen.

mokant.at: Deine persönliche Meinung dazu?

Angela Kreilinger: Ich persönlich bin der Meinung, dass eine Fußfessel zur Kontrolle erst nach Absitzen der Höchststrafe zum Einsatz kommen sollte. Meinetwegen bis zum letzten Atemzug des Täters! Es gibt Pädokriminelle, die immer wieder rückfällig werden und solange nicht ein Gutachten das Gegenteil bestätigt, sollte ein Täter unter Kontrolle bleiben.

Die Fußfessel darf eine Gefängnisstrafe nie ersetzen! Ich persönlich würde mich als Opfer nicht anerkannt fühlen, wenn der Täter keinen einzigen Tag hinter Gittern verbringt und verstehe alle, denen es genauso geht.

mokant.at: Warum sind die Strafen für sexuelle Gewalt gegen Kindern relativ mild – verglichen zum Beispiel mit Vermögensdelikten? Gilt Missbrauch hierzulande als Kavaliersdelikt?
Angela Kreilinger: Das ist ein normales Symptom einer kapitalistischen Gesellschaft: Geld ist mehr wert als der Mensch.

mokant.at: Materielle Güter sind mehr wert als ein Kinderleben?
Angela Kreilinger: Ja, denn die milden Strafen beziehen sich ja nicht nur rein auf sexuellen Missbrauch, dasselbe gilt für körperliche Gewaltdelikte oder Unfälle mit Personenschaden.

mokant.at: Sollte die Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch abgeschafft werden?
Angela Kreilinger: Ich verstehe, dass es so eine Frist gibt, weil sonst die Justiz vor lauter Arbeit nicht mehr nachkäme, allerdings sollte diese Frist bei Vorliegen von eindeutigen Beweisen fallen, denn da wäre es für die Strafverfolgungsbehörde auch nach Jahren noch möglich ein Verfahren abzuwickeln.

mokant.at: Ihr habt bereits lange vor dem Aufbrechen der Heimskandale auf die Verknüpfung von institutioneller Erziehung und sexueller Gewalt gegen Kindern hingewiesen und einen konkreten Fall sogar Anzeige gebracht. Hat diese Anzeige bis heute zu irgendwelchen Ergebnissen oder Konsequenzen geführt?
Angela Kreilinger: Die Anzeige verlief ergebnislos, wie alle Anzeigen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs, die ich als Leiterin der SHG („Selbsthilfegruppe“; Anmerkung der Redaktion) bis jetzt begleitet habe. Einzige Konsequenz war dann, dass die Medien, die darüber berichtet haben, wegen Verleumdung verklagt wurden.

mokant.at: Das heißt, keine einzige Anzeige hat je dazu geführt, dass der Täter ausgeforscht und bestraft wurde?
Angela Kreilinger: Keine einzige in drei Jahren – egal ob die Anzeige durch Einzelpersonen oder durch die Gruppe erfolgte. Die Anzeigen wurden durchwegs mit der Ordnungsnummer 01 eingestellt. Das heißt, dass nur ein einziger Ermittlungsschritt gesetzt wurde: Der Verdächtige wurde gefragt, ob er eine strafbare Handlung begangen hat, dieser sagt dann halt nein und das war‘s. Die einzige Ausnahme war bis jetzt der Fall Viktor, wo es eine Augenzeugin für die Misshandlungen des Vaters an seinem Sohn in einem Schwimmbad gab. Da kam es zu einem Verfahren, das dann eingestellt wurde. Warum, weiß ich nicht.

mokant.at: Von wie vielen Anzeigen sprechen wir in etwa?
Angela Kreilinger: Puh, in etwa dreißig bis vierzig.

mokant.at: Im Fall Viktor war der Verdächtige ein Mann. Ein großes Tabu in unserer Gesellschaft sind aber immer noch  weibliche Sexualstraftäterinnen und männliche Opfer. Ihr betreut in eurer Gruppe auch männliche Betroffene. Wird diesen in einer gendermäßig aufgeklärten Zeit überhaupt Glauben geschenkt, wenn sie sagen: „Ich bin Opfer einer weiblichen Täterin“?
Angela Kreilinger: Inzwischen schon, es gibt zwar immer noch Leute, die sich schwertun damit, aber in meinem Bekanntenkreis ist das kein Thema mehr, das wird selbstverständlich geglaubt.

mokant.at: Wie sieht in etwa das zahlenmäßige Verhältnis Mann-Frau innerhalb der Gruppe aus?
Angela Kreilinger: Bei uns in der Gruppe 50:50. Es gibt genauso viele weibliche wie männliche Opfer sexueller Gewalt. Die Mehrheit der Täter ist allerdings männlich, weibliche Sexualstraftäterinnen sind anscheinend seltener, aber nichtsdestotrotz gibt es sie und es sollte auch darüber klar gesprochen werden.

mokant.at: Was unterscheidet die von dir gegründete Selbsthilfegruppe Opfersolidarität von Vereinen wie zum Beispiel MÖWE, die sich ja ebenfalls mit der Betreuung von Gewaltopfern beschäftigen?
Angela Kreilinger: Unsere Gruppe setzt sich im Gegensatz zu den meisten Vereinen aus Betroffenen zusammen, nicht aus Therapeuten und anderen psychosozialen Berufsgruppen. Wir haben zwar keine Fachausbildung, sind aber Experten in eigener Sache. Wir geben Erfahrungen weiter, das ersetzt aber keine Therapie. Die SHG ist nach außen gerichtet, wir legen Wert auf Präventions- und Aufklärungsarbeit.

mokant.at: Wie sieht solche Präventions- und Aufklärungsarbeit aus?
Angela Kreilinger: Wir verteilen Informationsmaterial zum Thema Missbrauch zum Beispiel auf Familienfesten, sammeln für unsere Petition zur unbedingten Anzeigepflicht bei Missbrauchsverdacht Unterschriften, zuletzt auf dem Volksstimmefest (Fest der kommunistischen Monatszeitschrift „Volksstimme“; Anmerkung der Redaktion), betreuen Stände auf dem Wiener Gesundheitstag im Rathaus und sind seit drei  Jahren am Tag der Selbsthilfe mit dabei. Ab und an arbeiten wir auch aktionistischer: Dann wird zum Beispiel die Gerechtigkeit in Form eines Kindersarges mitten im ersten Bezirk symbolisch zu Grabe getragen.

mokant.at: Die erwähnte Anzeigepflicht gibt es ja bereits: Bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch von Minderjährigen müssen etwa Krankenhaus- und Schulbedienstete Anzeige erstatten. Warum halten sich nicht alle daran?
Angela Kreilinger: Institutionen befürchten oft negative Konsequenzen bei fälschlichen Beschuldigungen, dieser Druck wird an die Mitarbeiter weitergegeben. Deswegen wird insbesondere in pädagogischen Institutionen der Misshandlungsverdacht eines Kindes oft nicht nach Außen getragen, was aber für das Opfer wichtig wäre.

mokant.at: Hast du persönlich schon einmal wegen deines Engagements in der Öffentlichkeit negative Konsequenzen erfahren?
Angela Kreilinger: Ich erfahre eigentlich mehr positive als negative Rückmeldungen. Einige Menschen fühlen sich durch unser offensives Auftreten allerdings irritiert, manchmal wird man aggressiv beschimpft.

mokant.at: Spürst du ein Umdenken in der Gesellschaft, hat sich etwas im öffentlichen Umgang mit dem Thema verändert?
Angela Kreilinger: Ja, auf jeden Fall. Als ich früher beispielsweise von organisiertem Kindesmissbrauch sprach, stieß ich immer auf Unglauben. Heute, nach Aufbrechen der Heim- und Kirchenskandale und mehr Medienpräsenz der ganzen Sache, weiß man, dass es nicht nur Einzeltäter gibt, die im engsten Umkreis agieren.

mokant.at: Was genau versteht man unter organisiertem Kindesmissbrauch?
Angela Kreilinger: Täter, die sich organisieren und untereinander Opfer austauschen, sich gegenseitig Kinder zuspielen oder sogar kidnappen.

mokant.at: Wenn man sich wie du seit vielen Jahren mit dem Thema Missbrauch beschäftigt, wirkt sich das irgendwann auf das Privatleben aus?
Angela Kreilinger: Normalerweise würde sich das sehr negativ auswirken, durch meine eigene Missbrauchserfahrung ist das Thema in meinen Beziehungen aber sowieso präsent – mit oder ohne Selbsthilfegruppe.

Titelbild: mokant.at> foto: georg marlovics
 Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

By Manuela Griessbach on 26. September 2012
http://mokant.at/1209-interview-kreilinger-html/

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