Niederländisches Paar kämpft gegen Missbrauch

disches Paar kämpft gegen Missbrauch
Priscilla und Marcel wollen den Opfern von Missbrauch und ihren Familien helfen. Foto: Susanna Austrup

Als ihre Tochter drei Jahre alt war, haben Priscilla und Marcel erfahren, dass sie missbraucht wurde – von ihrem Nachbarn. Inzwischen lebt die Familie in der Obergrafschaft und kämpft von hier aus gegen Missbrauch.

Glanerbrug. Es ist unfassbar, dass ein Kleinkind sexuell missbraucht wird. Priscilla und Marcel (Nachnamen und Wohnort werden auf Wunsch nicht genannt) sind betroffene Eltern und haben einen Albtraum erlebt. „Was wir mitgemacht haben, ist unvorstellbar“, sagen die beiden im GN-Gespräch. „Wir haben damals keine Hilfe bekommen, darum wollen wir Opfer unterstützen“, begründen sie ihren Schritt an die Presse.

Ihre konkrete Hilfe steckt in einer kleinen, bunten Tasche. Die ist gefüllt mit einem Kuscheltier, Malstiften, Malbuch und Freikarten für einen Zoobesuch oder Vergnügungspark. „Wir möchten betroffenen Familien einen schönen Tag ermöglichen, an dem sie all ihre Sorgen einmal vergessen können“, erklärt Marcel. In den Niederlanden hat das Paar durch sein Engagement schon viel erreicht.

Genugtuung verschafft ihnen unter anderem, dass der seit 1982 existierende Pädophilen-Verein „Martijn“ im April 2014 in letzter Instanz verboten wurde. In den Niederlanden hatte der Rechtsstreit um die Pädophilen-Vereinigung seit 2011 für Furore gesorgt. „Wir kannten den Verein gar nicht, bevor wir selbst betroffen waren, und waren schockiert, als wir die Internetseiten gesehen haben“, erzählt Marcel. Danach habe das Paar eine Anzeige gegen den Verein erstattet – wegen der „Gebrauchsanleitung zu Kindesmissbrauch“.

Auf ihrer Webseite haben Priscilla und Marcel ihren „Kampf gegen Missbrauch“ dokumentiert. Die eigene Missbrauchsgeschichte hat das Familienleben schwer belastet. Vor sechs Jahren ist das Paar in die Obergrafschaft gezogen, um Abstand zu bekommen. Auch in Deutschland wollen sie sich gegen Missbrauch einsetzen.

Blut in der Unterhose

2006 wurde die erste Tochter von Priscilla und Marcel in Enschede geboren. Da beide berufstätig waren, passte die Mutter von Marcel an zwei Tagen in der Woche auf das Kind auf. So auch 2009, an dem Tag, als das Paar von der Arbeit kam und innerhalb von Sekunden eine Welt für sie zusammenbrach. „Die Kleine musste aufs Klo“, beginnt Marcel, „wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut.“ Auf der Toilette habe das Mädchen gejammert und „Au, au“ gerufen. „Da habe ich gesehen, dass Blut in der Unterhose war“, schildert der Vater. Auf Priscillas Frage, was passiert sei, habe die Tochter geantwortet: „Das hat Geert gemacht.“

Geert B. war der Nachbar in Glanerbrug. „Anfangs hatten wir einen guten Kontakt“, erzählt Marcel. Eines Tages sei es jedoch zu einem merkwürdigen Vorfall gekommen. Bei einem Besuch des Nachbarn sollte die kleine Tochter Süßigkeiten aus dessen Hosentasche ziehen. „Wir haben ihm gleich gesagt, dass er das lassen soll. Der Nachbar hat pikiert reagiert und seitdem nicht mehr mit uns gesprochen“, so Marcel.

Nachdem sie das Blut entdeckt hatten, suchten die Eltern mit ihrer Tochter einen Arzt auf. Im Beisein eines Polizisten und eines Jugendamtsmitarbeiters, die inzwischen benachrichtigt worden waren, wurde das Mädchen untersucht. Danach sollte die Familie ins Krankenhaus fahren. Auch dort folgten Untersuchungen, schließlich erfuhren die Eltern von dem Mediziner, dass er zwei Verletzungen in der Vagina gefunden habe. Das Paar erstattete Anzeige gegen den Nachbarn. Um zwei Uhr nachts war die Familie wieder zu Hause. „Ich habe meine Tochter festgehalten und wollte sie nicht mehr loslassen“, sagt Priscilla.

Erst nach und nach erfuhren die Eltern, was an den Tagen, als sie arbeiten waren, passiert war. Anfangs konnten sie das veränderte Verhalten ihrer Tochter nicht einordnen. „Wir hatten viele Probleme mit ihr. Sie wollte nicht schlafen, nicht in die Badewanne oder unter die Dusche“, beschreibt Priscilla. Im Laufe der polizeilichen Untersuchungen kam heraus, dass auf dem Computer des Nachbarn unter anderem auch Kinderpornos mit ihrer Tochter gefunden worden seien. „Meine Mutter hat den Nachbarn ins Haus gelassen, immer mittwochs und freitags, wenn wir nicht da waren. Wir haben das nicht gewusst“, erzählt Marcel.

Mit Süßigkeiten gelockt

Nach seinen Erzählungen hat der Nachbar das Kind mit Süßigkeiten gelockt und gefügig gemacht und auch die Großmutter beeinflusst. „Die Polizei hat uns erklärt, wie ein Pädophiler vorgeht. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, warum ich das nicht gesehen habe“, wirft sich der Niederländer vor. Den Kontakt zu seiner Mutter hat er abgebrochen, sein Vater habe aufgrund der Ereignisse Selbstmord begangen. „Er konnte mit dieser schrecklichen Wahrheit nicht mehr leben“, sagt Marcel.

Im Rahmen der Ermittlungen und nach dem Geständnis von Geert B., das Nachbarskind missbraucht zu haben, wurde von ihm eine DNA-Probe genommen. „Dabei ist der Mord an einem Mädchen aus Deventer entdeckt worden“, erzählt Marcel. Geert B. stand in diesem Fall schon länger unter Mordverdacht an der achtjährigen Semiha M. Das Mädchen wurde 1991 misshandelt und erwürgt. Die an der Leiche sichergestellte DNA war identisch mit der aus der Speichelprobe von Geert B. Der Täter wurde schließlich zu 15 Jahren Haft und „TBS“ verurteilt – nach Absitzen der Strafe wird er in eine Klinik zu einer Zwangsbehandlung eingewiesen. Der Mann kommt also nicht wieder auf freien Fuß.

Familie leidet bis heute

Priscilla und Marcel haben in einer großen Plastikbox sämtliche Veröffentlichungen niederländischer Zeitungen über den Missbrauch an ihrer Tochter gesammelt und die Artikel auf ihre Webseite gestellt. In ihrem Kampf gegen Missbrauch geht es dem Paar auch darum, dass Eltern gesetzlich als Opfer anerkannt werden. Aufgrund der hohen psychischen Belastung hatte sich das Paar zwischenzeitlich für ein halbes Jahr getrennt. „Ich wollte einfach nur zur Ruhe kommen“, erklärt Priscilla, die sich im letzten Jahr in Therapie begeben hat.

Nachdem beide wieder zueinandergefunden hatten, wurde Marcel krank. Dazu kommt, dass die inzwischen vierköpfige Familie finanziell zu kämpfen hat. „Wir sind hoch verschuldet“, sagt Marcel. Die Behandlungen und die vielen Fahrtkosten zu den Gerichtsverhandlungen, der Umzug: Das alles habe sich summiert. Eine Entschädigung hätten sie vom niederländischen Staat nie erhalten. Beide sind froh über ihre Arbeitsplätze.

Für ihr Engagement haben Priscilla und Marcel schon etliche Sponsoren gefunden, die Freikarten oder kleine Geschenke zur Verfügung stellen – auch in Deutschland. „Mit den Tüten gehen wir an die Stellen, die mit Missbrauch zu tun haben“, sagt Marcel und ergänzt: „Den Missbrauch an unserer Tochter können wir nicht ungeschehen machen, aber wir hoffen, dass wir durch unser Tun etwas gegen Missbrauch bewirken können.“

Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Kurz vor ihrer Veröffentlichung setzte Marcel sich mit den GN in Verbindung, er habe seinen Arbeitsplatz in Deutschland verloren. Der Grund: Sein Arbeitgeber wünsche, dass er von nun an täglich nach Nordhorn fahren solle. Bisher konnte Marcel – bis auf einen Büro-Tag – seine Arbeit vom Heimarbeitsplatz erledigen. Aus zwei Gründen lehnte der Niederländer die Forderung ab. „Ich muss jeden Tag meine Tochter aus Enschede von der Schule abholen, denn meine Frau ist auch berufstätig und wir teilen uns die Fahrten zur Schule“, begründet er. Er sagt, dass er zusätzliche Fahrten nach Nordhorn nicht finanzieren könne.

„Mein Arbeitgeber hat vorgeschlagen, dass wir unsere Tochter in Deutschland in die Schule geben, aber so einfach ist das nicht“, sagt Marcel enttäuscht. „Wir haben nicht nur mit dem, was geschehen ist, zu kämpfen, sondern leiden bis heute an den vielen Folgen. Gerade wenn wir glauben, wieder auf den Füßen zu stehen, wirft uns eine neue Sache um.“

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