Die Sektenchefin und der Pädophile

Merkwürdiger Bittbrief der Wunderheilerin Uriella an Schweizer Zeitung aufgetaucht

Schwarze Wallemähne, ein funkelndes Diadem, prinzessinnenhafte weiße Gewänder – das waren die Markenzeichen von „Wunderheilerin“ Uriella, die vor mehr als 30 Jahren die Bewegung Fiat Lux ins Leben rief. Fiat Lux („Es werde Licht“) hat ihren Sitz in Ibach im Schwarzwald, ihre Mitglieder glauben an den Weltuntergang. Pünktlich zur Apokalypse würde ein Drittel der Menschen von kleinen Raumschiffen abgeholt, die sie auf der neuen, gereinigten Erde „Amora“ wieder absetzen.

Uriella ist die „Urmutter“ der Gemeinschaft. 1973 hatte die gebürtige Schweizerin, die eigentlich Erika Bertschinger heißt, einen Reitunfall. Seither soll sie Botschaften von Jesus, Gott und Maria empfangen, sie selbst bezeichnet sich als „Sprachrohr“. Im weltlichen Leben liest sich die Strafakte der Frau so: Uriella ist mehrmals vorbestraft, unter anderem weil sie Steuern hinterzog.

Seit einigen Jahren ist die mittlerweile 86-Jährige untergetaucht, sogar Gerüchte um ihren Tod kursierten. Aber Uriella lebt, und sie hat ein Anliegen. In einem handschriftlichen Brief, der der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ vorliegt, forderte sie die Freilassung des verurteilten Kinderschänders Beat Meier. „Blick“ nennt ihn den „schlimmsten Bubenschänder der Schweiz„.

Der gebürtige Berner Meier sitzt seit 1998 in Sicherungsverwahrung. Er soll seine Stiefsöhne jahrelang sexuell missbraucht haben, laut Aussagen anderer Pädophiler in einem Prozess 1992 in Ulm sogar regelrechte „Missbrauchspartys“ mit ihnen veranstaltet haben. Uriella schreibt jetzt an „Blick“: „Mein lieber Sohn Beat gehört nicht in die Strafanstalt Pöschwies.Das sei ihr vom Himmel bestätigt worden, und „auf das, was Gott zu uns sagt, ist 100 Prozent Verlass!“ Der Brief an die Zeitung sei echt, bestätigt Uriellas Ehemann Eberhard Bertschinger-Eicke alias Icordo. Wir treffen ihn vor seinem Haus in Oberibach. Mit leuchtend gelbem Pullover, passender Fliege, eine prunkvolle goldene Kreuzkette um den Hals drapiert öffnet er die Tür, begrüßt die Reporterin freundlich: „Vielen Dank für Ihren Besuch, aber wir geben keine Interviews.“

Seine Frau? Die liege im Bett, ihr ginge es körperlich sehr schlecht, aber geistig sei sie hellwach. Zu Beat Meier will er doch etwas sagen: „Wir wissen zu 100 Prozent, dass Beat unschuldig ist.“ Eine „weltliche Quelle“ habe Uriella das noch einmal bestätigt: „Wir haben herausgefunden, dass ein psychologisches Gutachten verschwunden ist, das beweist, dass Beat nicht einmal die Veranlagung dazu in sich trägt, pädophil zu sein.“

Meier soll sich mit einem Hilfegesuch an Uriella gewandt haben. Das behauptet jedenfalls Icordo. Meier sei kein Fiat-Lux-Mitglied, sagt Icordo der „Welt“: „Aber das spielt keine Rolle. Es kommt auf das Herz an, und das hat Beat am rechten Fleck.“ Eigentlich, so Icordo, verbiete Gott es Uriella, Interviews zu geben. Für Meier machte sie seit Jahren zum ersten Mal eine Ausnahme, beantwortete dem „Blick“ sogar schriftlich Fragen zum Fall. Worum also geht es ihr? Religionssoziologe und Fiat-Lux-Experte Christian Ruch erklärt sich das so: „Uriella inszenierte sich immer als Prinzessin: rein, leuchtend, makellos. Nun, mit über 80 und schwer krank, lässt sich dieses Bild nicht mehr aufrechterhalten, vielleicht sieht man sie deshalb nicht mehr in der Öffentlichkeit.“ Ein Sekten-Guru, der sich nicht wenigstens ab und zu zeigt, könne seine Anhänger nur schwer begeistern.

In jedem Fall bringe Uriellas umstrittener Brief den Fall um Sexualstraftäter Beat Meier wieder ins Gespräch. Seit 1993 sitzt Meier in Gefängnissen, 1984 saß er schon einmal für eineinhalb Jahre für sexuellen Kontakt mit zwei minderjährigen Brüdern. 1998 wurde er wegen sexueller Handlungen mit seinen damals sieben und 13 Jahre alten Stiefsöhnen zu fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Seither ist er in Sicherungsverwahrung. Die pädophile Neigung gibt er zu, den Missbrauch seiner Stiefsöhne bestreitet er aber bis heute. 2000 und 2003 haben die Stiefsöhne zugegeben, Falschaussagen gemacht zu haben, weil sie von den Behörden damals unter Druck gesetzt worden seien. Das Gericht beurteilte diese neuen Aussagen aber als „nicht glaubhaft“. Das Urteil blieb rechtsgültig. Die Schweizer Rechtsprechung stuft Meier weiterhin als „psychisch abnormen Täter“ und „große Gefährdung der Öffentlichkeit“ ein.

 

Von Sira Huwiler, Die Welt.03.09.15

http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article145983624/Die-Sektenchefin-und-der-Paedophile.html

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