Tod von Anneli: „Alle Hoffnungen und Gebete haben sich nicht erfüllt“

Vier Tage war Anneli verschwunden, vier Tage lang dauerte die verzweifelte Suche nach der 17-Jährigen aus Sachsen. Dann fanden Ermittler auf einem Hof bei Meißen eine Leiche. Nun gibt es traurige Gewissheit: Anneli ist tot, wie Polizei und Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz in Dresden mitteilten. „Alle Hoffnungen und Gebete haben sich nicht erfüllt“, sagte Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll.

Die 17-Jährige wurde umgebracht. Die beiden mutmaßlichen Täter, ein 39-Jähriger und ein 61-Jähriger, wurden festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen gemeinschaftlichen Mord und gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraub vor. Laut Ermittlern hatten die beiden Männer Anneli entführt, um 1,2 Millionen Euro Lösegeld zu erpressen. Doch offenbar waren sie schlecht vorbereitet und wussten nach dem ersten Kontakt zu den Eltern des Mädchens nicht weiter.Die Ermittler gehen von einem Verdeckungsmord aus. Die Täter seien bei der Entführung nicht maskiert gewesen und fürchteten, das Mädchen könne sie wiedererkennen, sagte Oberstaatanwalt Erich Wenzlick. Deshalb hätten sie sich entschlossen, Anneli umzubringen. „Habgier wird auch im Spiel sein.

Im Video: Polizei bestätigt Tod von Anneli

REUTERS

Nach den Angaben der Ermittler und ihren ersten Erkenntnissen lassen sich die dramatischen Stunden seit Donnerstagabend folgendermaßen rekonstruieren:Donnerstag, 13. August:

Gegen 19.20 Uhr verlässt Annelie das Wohnhaus der Eltern in einem Dorf bei Meißen, um mit dem Hund der Familie Gassi zu gehen. Gegen 19.30 Uhr begegnet sie den Entführern, die sie überwältigen, in ihr Auto sperren und wenig später die Familie kontaktieren.

Um 19.57 Uhr versuchen die Entführer, mit Annelis Handy den Vater des Mädchens anzurufen. Dieser geht nicht ran und ruft wenig später zurück. Ein Entführer teilt mit, dass man Anneli in der Gewalt habe und fordert 1,2 Millionen Euro Lösegeld. Im Hintergrund sind Schreie zu hören, es ist das letzte Lebenszeichen des Mädchens.

Im Anschluss sucht der Vater die Umgebung des Wohnhauses ab, die Mutter alarmiert die Polizei. Der Vater findet Annelis Fahrrad und daran angebunden den Hund der Familie.

Gegen 21 Uhr melden sich die Entführer erneut und sprechen dem Vater auf die Mailbox. Anneli befinde sich bereits in Tschechien. Bis zum nächsten Tag 12 Uhr solle das Geld gezahlt werden, sonst sehe er seine Tochter nicht wieder. Die Polizei bildet in der Nacht eine Sonderkommission.

Freitag, 14. August

Ein Spürhund führt die Ermittler zu einem Hof. Am frühen Morgen durchsucht ein Spezialeinsatzkommando das Anwesen. Allerdings finden die Beamten keine Spur von Anneli oder den Entführern. Ein Zeuge macht die Polizei auf einen grauen BMW aufmerksam.

Um 11.52 Uhr telefoniert Annelies Vater mit einem Entführer. Dieser nutzt ein unbekanntes Handy und fordert eine Überweisung des Geldes per Online-Banking – das sei bei einer Summe dieser Höhe und unter diesen Umständen nicht machbar gewesen, sagt Kroll. Ein Lebenszeichen von Anneli verweigert der Entführer. Der Kontakt zu den Tätern reißt ab.

Samstag, 15. August

Kommunikationsdaten veranlassen die Ermittler, ein Erlebnisbad in der Nähe zu durchsuchen. Ohne Ergebnis.

Am Abend liegt der Polizei eine linguistische Beurteilung vor, der zufolge der Anrufer mit mutmaßlich schwäbischem Dialekt versucht hat, seine Stimme zu verfälschen – durch Nase-Zuhalten und in Richtung eines tschechischen Akzents.

Sonntag, 16. August

Ein DNA-Abgleich mit Spuren an Annelis Fahrrad ergibt einen Treffer in der Datenbank. Die Polizei hat nun einen vorbestraften Mann als Tatverdächtigen im Visier. Sie ortet ihn über Telefondaten in Bayern, auch ein grauer BMW wird mit Hilfe der bayerischen Polizei dort entdeckt.

Um 19.15 Uhr geht die Polizei mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Die Eltern des Mädchens wenden sich in einem Brief an die Täter.

Montag, 17. August

Mehr als 50 Hinweise sind eingegangen. Ein Großaufgebot von Polizei und Spezialeinsatzkräften durchsucht Gebäude im Gebiet Klipphausen südlich von Meißen, darunter einen Bauernhof samt Umgebung in Lampersdorf und eine Wohnung in Dresden-Cotta.

Gegen 4.30 Uhr nimmt die Polizei in Dresden einen zweiten Tatverdächtigen fest, einen engen Bekannten des ersten Verdächtigen. Diesen fassen Polizisten gegen 7 Uhr in Bayern.

Gegen 16.20 Uhr lässt sich der zweite Verdächtige zur Tat ein.

Gegen 18 Uhr finden die Ermittler aufgrund der Aussage des Verdächtigen Annelis Leiche.Der 39 Jahre alte Verdächtige, der in Bayern festgenommen wurde, soll früher auf dem Hof gelebt haben, auf dessen Gelände die Leiche lag. Anhaltspunkte für ein Sexualdelikt gebe es nicht. Es sei davon auszugehen, dass Anneli bereits am Freitag getötet wurde.

Die Entführer suchten Anneli nach Auffassung der Ermittler nicht zufällig als Opfer aus. Mindestens einer der beiden habe die junge Frau vermutlich vom Sehen gekannt. Die Männer hätten sich zudem vor der Entführung bei Facebook über Anneli informiert.

 

hut/sms/dpa, Mittwoch, 19.08.2015 – 10:43 Uhr
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/anneli-ermittler-rekonstruieren-dramatische-stunden-der-entfuehrung-a-1048674.html
Tags: Kindesentführung – Lösegeld – Erpressung – Mord

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