Kindesentführungen „Anna Hess“ – Großmutter noch immer in Haft

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«Unsere Gerichte hören überhaupt nicht auf die Kinder»

«Entführt – oder fürs Kind gesorgt?» lautete der Mamablog-Beitrag von letztem Freitag. Der Vater Beni Hess erzählte, weshalb er nicht will, dass Richter seine Tochter nach Mexiko zurückschicken. Heute spricht Andreas Bucher über den Fall. Er ist emeritierter Professor der Universität Genf und Rechtsexperte auf dem Gebiet Kindesentführungen und -rückführungen.

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Mamablog: Herr Bucher, Sie sagten gegenüber der «Rundschau», es gebe zwei Vorbehalte gegen eine Rückführung: Erstens, wenn ein Kind mit der Rückführung nicht einverstanden ist und reif genug ist, muss man auf seinen Willen eingehen. Zweitens darf ein Kind bei einer solchen Rückführung nicht einer schweren Gefahr ausgesetzt werden.

Wie beurteilen Sie den Fall Anna: Ist sie mit ihren neun Jahren reif genug, um selber entscheiden zu können, wo sie leben möchte?
Andreas Bucher: Das etwas über 9-jährige Mädchen ist noch sehr jung. Im konkreten Fall wird aber auch von den Gerichten anerkannt, dass es sich um ein sehr aufgewecktes und intelligentes Kind handelt.

Sprich: Ja, es ist reif genug?
Lassen Sie mich ausholen: Das Problem beginnt damit, dass die Anhörung des Kindes vor dem Obergericht Aargau völlig unprofessionell vollzogen wurde. Man fragte das Kind wie in einem Scheidungsverfahren, wie es sich mit seinem Verhältnis zum Vater und zur Mutter verhalte, wie es in der Schule laufe, ob es Freunde habe und so weiter. Es wurde nur ganz knapp am Rande erwähnt, dass das Kind Angst hat, nach Mexiko zurückzukehren. Da hätte man viel genauer fragen müssen. Das war denn auch der Hauptgrund für das Bundesgericht, den Aargauer Entscheid aufzuheben.

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Diese Fragen hätte das Bundesgericht doch nachträglich noch stellen können.
Genau das hätte es tun sollen. Stattdessen hat es sich damit begnügt, festzustellen, das Kind habe sich gemäss dem Anhörungsprotokoll des Obergerichts Aargau der Rückkehr nach Mexiko nicht mit Nachdruck widersetzt. Das ist auch deshalb unverständlich, weil das Bundesgericht selbst anerkennt, dass das Kind beim Gedanken an eine Rückreise Ängste hat und sogar in Panik gerät. Angesichts all dieser Umstände kann ich sagen: Anna war im konkreten Fall reif genug, um ihren Willen geltend zu machen.

Der Vater bezeichnet Mexiko als «Kriegsgebiet», das Bundesgericht hält das Land hingegen offenbar für unproblematisch. Wie gross muss die Gefahr sein, dass eine Rückführung nicht mehr möglich ist?
Das Bundesgericht ist sehr dilettantisch vorgegangen und hat sich nur mit Auskünften befasst, die für Touristen geltend. Im konkreten Fall geht es darum, dass der Vater ein Geschäft führt und mit Erpressungen rechnen muss, bei denen sein Kind als Pfand eingesetzt werden könnte. Eine solche Gefahr kann man nicht von der Hand weisen. Um abzuklären, wie das im Detail einzuschätzen ist, müsste man unter anderem auf die Hilfe des Bundesamtes für Justiz (BJ) zurückgreifen. Es ist höchst bedauerlich, dass sich das BJ nicht mehr engagiert.

Welche rechtlichen Möglichkeiten verbleiben dem Vater jetzt noch, um seine Tochter in der Schweiz zu behalten?
Gegenwärtig laufen die Verfahren vor Bundesgericht und dem Obergericht Aargau noch. Es geht vor allem um die Abklärung der Gesundheit und Sicherheit des Kindes. Das Mädchen hat sich vor einem Monat entschieden gegen die Rückführung gewehrt und war bereit, bis zum Äussersten zu gehen – Sie verstehen sicher,  was ich damit meine. Es wurde nun eine zusätzliche psychiatrische Begutachtung angeordnet. Davon wird viel abhängen.

Zurzeit darf der Vater seine Tochter nicht sehen. Kann das Mädchen den Papa wenigstens vor der Abreise noch treffen, falls es tatsächlich rückgeführt wird?
Das wäre das absolute Minimum. So wie sich die Aargauer Behörden bis jetzt verhalten haben, ist aber zu befürchten, dass es nicht dazu kommt.

Können Sie das ausführen?
Bereits an der Verhandlung vom 19. Februar wollte das Obergericht Aargau das Kind festhalten und per Flugzeug aus dem Land schaffen. In seinem Entscheid vom 6. Mai hat das gleiche Gericht angeordnet, es seien zum Zwecke der Rückführung «Zwangsmassnahmen» zu treffen. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass das nur erlaubt ist, solange das Kindeswohl gewahrt ist.

Hätte der Vater nach einer Rückführung noch die geringste Chance, das Kind wieder einmal in die Schweiz zu holen oder es überhaupt wiederzusehen?
Es sollte ihm möglich sein, das Kind in Mexiko zu besuchen. Dass er das alleinige Sorgerecht bekommen und legal mit dem Mädchen in die Schweiz zurückkehren könnte, ist hingegen illusorisch. Zudem wird angenommen, dass die Polizei in Mexiko korrupt ist. Da liegt der Schluss nahe, dass das Gleiche auch für die mexikanischen Gerichte gilt.

Ist Anna ein Einzelfall, oder hören die Schweizer Gerichte Ihrer Meinung nach generell zu wenig auf die betroffenen Kinder selbst?
Sie hören überhaupt nicht auf sie. Entweder sagt man dem Kind, es sei nicht reif genug, um angehört zu werden. Oder man sagt ihm, es sei zwar reif genug, habe aber die besondere Situation einer Kindesentführung nicht verstanden. Im vorliegenden Fall lautet die Gleichung so: Man sagt dem Kind, es habe sich nicht mit Nachdruck gegen die Rückkehr gewehrt. Gleichzeitig sagt man ihm aber auch, es sei lebhaft und intelligent und deshalb durchaus in der Lage, seine jetzige Meinung und die Ängste betreffend die Rückkehr selbst zu überwinden. Wie man es auch dreht und wendet, der Kindeswille wird nie beachtet.

Was sagen Sie zur ausweichenden Antwort des Bundesrates auf die Fragen von SP-Nationalrätin Yvonne Feri zu Annas Fall?
Auch diese passt in das gleiche Schema. Da wird ein Kind für Wochen eingesperrt, um seinen Willen zu brechen, und die Behörden tun nichts. Man entschuldigt sich gegenüber den Verdingkindern, aber man tut nichts, wenn heute einem Kind das Gleiche widerfährt. Das ist alles sehr frustrierend.

247 Kommentare zu „«Unsere Gerichte hören überhaupt nicht auf die Kinder»
Jeanette Kuster am Montag den 15. Juni 2015
http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/43349/unsere-gerichte-hoeren-ueberhaupt-nicht-auf-die-kinder/

 

Entführt – oder fürs Kind gesorgt?

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«Ich versuche, die ganze Sache emotional nicht zu sehr an mich heranzulassen», sagt Beni Hess. Und doch hört man ihm die Emotionen an im Gespräch. Wie könnte er sie auch komplett verbergen, wenn seine Tochter zum gleichen Zeitpunkt zwanzig Minuten entfernt in einem Kinderheim sitzt, ihm jeglicher Kontakt zu ihr verboten ist und er jeden Moment damit rechnen muss, dass sie nach Mexiko ausgeflogen wird?

Denn die 9-jährige Anna* soll laut Bundesgerichtsurteil zu ihrer Mutter rückgeführt werden. Vater Beni Hess ist im Juni 2014 mit ihr in die Schweiz gereist, mit dem Einverständnis der mexikanisch-schweizerischen Mutter. Das Mädchen sollte hier drei Monate lang zur Schule gehen, um sich ans Land zu gewöhnen und Hochdeutsch zu lernen. «Denn unser Plan ist immer gewesen, 2015 oder 2016 ganz hierherzuziehen», sagt Hess, der die Jahre zuvor in Mexiko eine Firma für Bootsexpeditionen aufgebaut und geführt hatte.

Als Geschäftsmann sei er in Mexiko immer wieder mit Schutzgelderpressungen konfrontiert worden, «daran gewöhnt man sich mit der Zeit irgendwie». Kurz vor der Abreise in die Schweiz wurde er aber zum ersten Mal bei sich zu Hause bedroht. «Dieser Schock, gemeinsam mit der Tatsache, dass Anna sich hier sofort so gut integriert hat, hat mich dazu bewogen, mit ihr in der Schweiz zu bleiben.» Er gibt zu, damit den mit der Mutter vereinbarten Plan eigenmächtig vorgezogen zu haben. «Aber wir standen stets in Kontakt, ich habe sie also nicht etwa per SMS vor vollendete Tatsachen gestellt. Und ich habe auch mehrmals versucht, sie zu einem Umzug in die Schweiz zu bewegen, damit sie bei ihrer Tochter sein kann.» Die Mutter jedoch will das nicht und meldete ihr Kind im Januar als durch den Vater entführt.

Es kommt zu einem ersten Obergerichtsurteil, das zugunsten des Vaters ausfällt. Die Mutter zieht den Fall weiter ans Bundesgericht, wo schliesslich gestützt auf das Haager Übereinkommen über internationale Kindesentführung entschieden wird, dass das Mädchen nach Mexiko rückzuschaffen sei. Und dies, obwohl laut Rechtsexperte Andreas Bucher «eine gewisse Gefahr nicht von der Hand zu weisen» ist und das Mädchen selber in einer Befragung sagt, es wolle hier bleiben und fürchte sich vor einer Rückkehr nach Mexiko.

Diese Missachtung des Kindeswillens kritisiert Andreas Bucher: «Das Problem beginnt damit, dass die Anhörung des Kindes vor dem Obergericht Aargau völlig unprofessionell vollzogen wurde. Man fragte das Kind wie in einem üblichen Scheidungsverfahren, wie es sich mit seinem Verhältnis zum Vater und zur Mutter verhalte, ob es Freunde habe und so weiter. Dass das Kind Angst hat, nach Mexiko zurückzukehren, wurde nur am Rande erwähnt. Da hätte man viel genauer fragen müssen.» Dieser Punkt sei denn auch der Hauptgrund für das Bundesgericht gewesen, den Aargauer Entscheid aufzuheben. «Was das Bundesgericht falsch gemacht hat, ist, dass es die Anhörung nicht wiederholt hat. Es hat sich damit begnügt, festzustellen, das Kind habe sich gemäss dem Anhörungsprotokoll der Rückkehr nach Mexiko nicht mit Nachdruck widersetzt. Das ist auch deshalb unverständlich, weil das Bundesgericht selbst anerkennt, dass das Kind beim Gedanken an eine Rückreise Ängste hat und in Panik gerät», so Bucher.

Die Panik ist so immens, dass das Mädchen droht, sich aus dem Fenster zu stürzen, als Anfang Mai der Rückführungsentscheid fällt. Der Vater bringt sie daraufhin zum Arzt, der der

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9-Jährigen eine «akut auftretende Suizidalität» bescheinigt. Eine Diagnose, die den Vollzug der Rückführung aufschieben müsste, doch das Gericht hat in seinem Entscheid auch angeordnet, dass zum Zwecke der Rückführung «Zwangsmassnahmen zu treffen seien», wie Bucher sagt. «Es wird gar nicht darauf hingewiesen, dass das nur insoweit erlaubt ist, als das Kindeswohl gewahrt ist.» Annas Grossmutter weiss sich nicht mehr anders zu helfen, als mit ihrer Enkelin nach Frankreich zu fliehen und unterzutauchen.

Elf Tage später, am 22. Mai, werden die beiden gefasst. Anna wird erst in eine Klinik gebracht, danach kommt sie ins Kinderheim. Der Vater darf seine Tochter weder besuchen, noch bekommt er Informationen über ihren Gesundheitszustand. «Ich war nicht involviert in die Aktion meiner Mutter und hätte das so auch nicht getan», sagt er, «dennoch verstehe ich, dass man mich verdächtigt und mich deshalb nicht zu Anna lassen will.» Dass man jedoch auch allen anderen Bezugspersonen wie Freunden oder der Urgrossmutter den Kontakt verwehre, könne er nicht nachvollziehen. «Man kann ein 9-jähriges Kind doch nicht von einem Tag auf den anderen von all seinen Liebsten trennen! Da soll offenbar der Wille des Kindes mit allen Mitteln gebrochen werden.»

Die einzige Kontaktmöglichkeit, die dem Vater momentan bleibt, sind Briefe. «Gerade heute habe ich aber sieben Stück zurückerhalten. Kein einziger wurde zugestellt, weil Sätze wie ‹Ich hoffe, dass meine Briefe dich erreichen› als manipulative Durchhalteparolen interpretiert werden.»

So bleibt Hess nichts anderes übrig, als abzuwarten. Und dem Psychiater zu vertrauen, der seine Tochter neu abklärt und darüber entscheiden muss, ob eine Rückführung zum aktuellen Zeitpunkt kindgerecht wäre. «Es klingt unheimlich tragisch, aber wir hoffen momentan darauf, dass sie im Kinderheim bleiben muss.» Im Kinderheim, das ganz in der Nähe von Annas Zuhause liegt. «Die Verlockung ist unheimlich gross, einfach hineinzumarschieren, um sie endlich wiederzusehen», sagt Hess. Doch er hält sich zurück. Und hofft, irgendwann wieder aus dem Albtraum aufwachen zu dürfen.

*Name geändert

Jeanette Kuster am Freitag den 12. Juni 2015

http://blog.bazonline.ch/mamablog/index.php/43346/entfuehrt-oder-fuers-kind-gesorgt/

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