Der „Genderwahnsinn“ – eine Wutrede

Die breite gesellschaftliche Masse verhält sich verdammt unsolidarisch

Es gibt Wörter, die ich nicht mehr hören kann. Die in mir einen Brechreiz auslösen, den ich sonst nur verspüre, wenn mir reaktionäre Spinner auf Facebook klarmachen wollen, es wäre total okay, seine Kinder zu schlagen. Oder seine Frau. Oder all die Ausländer. Oder einfach alle, die keine reaktionären Spinner sind. Etwa das Fast-schon-Wort-des-Jahres „Genderwahnsinn“. Ein akzeptiertes Wort, das quer durch alle Bildungsschichten verwendet wird.

Genderwahnsinn – Frauenpolitik – Diskriminierung – Gleichstellung

 Was bedeutet „Genderwahnsinn“?

Im Kontext wird immer schnell klar, was es aussagen soll, und zwar in erster Linie, dass der Feminismus (heutzutage und vielleicht überhaupt) keine Berechtigung hat, weil er

a) im Umkehrschluss alle Männer unterdrückt,
b) die meisten Männer ohnehin schon unterdrückt sind durch dieses Diktat der alles beherrschenden, dem Genderwahn verfallenen Frauen,
c) Frauen und Männer nun mal verschieden sind, die Emanzipation allen ihr Geschlecht wegnehmen will und
d) die Frauen sowieso nicht unterdrückt sind, sondern eher – siehe oben – die, die jetzt die armen Männer unterdrücken.

Rückschrittliche Ideen

All das kann man in allen möglichen Foren lesen, man kann es in Statistiken ausdrücken. Erschreckend viele junge Männer meinen, dass in Bezug auf Frauenförderung zu viel getan worden ist und Quoten nicht geeignet sind. Man braucht nicht erst zu den „Vätern ohne Rechte“ oder zur FPÖgehen, um mit solchen unhaltbar rückschrittlichen Ideen konfrontiert zu werden. Man kann sich bei Bedarf auch gerne im Gasthaus um die Ecke die volle Dosis geben.

Was geht in den Köpfen dieser Menschen vor? Warum so vehement gegen jeden Fortschritt? Das Argument des (noch) fehlenden Bewusstseins ist nicht ausreichend. Es sind nicht nur die „unteren Bildungsschichten“, die etwas glauben, es sind auch nicht nur die, die es verbreiten, um zu unterdrücken. Es ist auch die breite gesellschaftliche Masse, die sich verdammt unsolidarisch verhält.

Kein Bock auf Ungleichbehandlung

Manche glauben, dass Frauen nicht mehr anders behandelt werden als Männer und wenn, dann eigentlich viel besser. Ja, tatsächlich haben uns in Europa die erste und zweite Frauenbewegung weitergebracht. Ja, anderswo ist es viel schlimmer. Heute, im privilegierten Westen, dürfen Frauen wählen und seit den 70ern auch selbst bestimmen, ob sie arbeiten wollen oder nicht. Sogar Abtreibung ist begrenzt straffrei und Vergewaltigung in der Ehe ist inzwischen strafbar. Trotzdem geben Feministinnen keine Ruhe: weil sie keinen Bock haben, im Berufsleben 500 Prozent geben zu müssen, und trotzdem mit gleicher Ausbildung eine schlechter bezahlte Position bekommen als ein Mann. Weil es kein Kinderliebe-Gen gibt.

Liebe „Genderwahnsinn“-Bekämpfer

Es gibt ein Wort, an das ich all die Väterrechtler und Frauenhasser erinnern möchte: Alltagssexismus. Als junge Frau, die doch recht oft in Wien unterwegs ist, ist mir nicht klar, wie jemand, der mit offenen Augen durch die Stadt geht, behaupten kann, im Bereich der Frauenförderung werde zu viel getan und eine Benachteiligung der Frau, also auch Sexismus, sei ein Hirngespinst der feministischen Weltverschwörung.

Ich frage mich, ob ich in einer Parallelwelt lebe oder ob mir nur noch nie aufgefallen ist, dass sich Männer nachts auf dem Heimweg zehnmal umdrehen, während sie verkrampft ihr Handy in der Hand halten. Dass sie einen Pfefferspray bei sich tragen und den Schlüssel. Dass ihnen von allen Seiten nahegelegt wird, nachts aufzupassen und eventuell mit dem Taxi zu fahren. Wird Männern etwa auch im Vorbeigehen von wildfremden Menschen nachgepfiffen? Oder auf den Hintern geklopft? Müssen sie es akzeptieren, dass sie in Clubs, in der U-Bahn, auf der Straße oder sonst wo als Freiwild gesehen werden, und lässt man sie häufig erst in Ruhe, wenn sie genervt und beunruhigt sagen, dass sie schon wem anderen gehören? Werden in Gruppen Betrunkener ständig Männerwitze gemacht und wird ihnen, wenn sie nicht lachen, vorgeworfen, dass sie humorlos und verklemmt sind? Hören Männer von Zurückgewiesenen, dass sie Schlampen seien und man ja wohl noch schauen dürfe? Fürchten sie sich oft, nachts und in verlassenen Gegenden vergewaltigt zu werden? Nein?

Erkennt ihr euch nicht wieder, liebe „Genderwahnsinn“-Bekämpfer? Das ist aber der Alltag von Frauen, und das liegt nicht daran, dass die meisten Gewaltverbrechen an Frauen im öffentlichen Raum begangen werden – die finden nämlich im trauten Heim statt –, sondern daran, dass ihr nicht reflektiert, dumme Sprüche macht und lieber über „Genderwahnsinn“ schimpft, als euer Verhalten gegenüber Frauen zu verändern.

 

Lucia Palas (21) ist Studentin in Wien.

USERKOMMENTAR | LUCIA PALAS  , 23. März 2015, 11:56

http://derstandard.at/2000013076132/Der-Genderwahnsinn-eine-Wutrede

KOMMENTARE

zur mär des equal-pay-dayja, die masse der erwerbstätigen frauen verdient weniger als die masse der erwerbstätigen männer, das ist die grundlage der studie der ungleichen einkommen. dennoch werden hier äpfel mit birnen verglichen, was aber qualitativ nichts darüber aussagt, ob frauen mit gleicher qualifikation im gleichen job weniger als männer verdienen.

die studie weist immer klar darauf hin, dass viel mehr frauen in halbtagsjobs oder wenig qualifizierten jobs arbeiten, als männer und deshalb die masse aller frauen rund ein drittel weniger als die masse aller männer verdienen.

antworten
—-
Diese Feminismus-Debatte hat ein grundlegendes Glaubwürdigkeitsproblem. Erst wennvon Seite der Feministinnen die Forderung zur Wehrpflicht für alle und gleiches Pensionsantrittsalter kann auf diese Flut von Argumenten eingegangen werden.Außerdem sollen die Daten welche als Grund der unterschiedlichen Bezahlungen genommen werden, öffentlich gemacht werden.

Der Bürger ist gescheit genung, Daten auch selbst zu interpretieren..

antworten

Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht.

Nur denke ich nicht, dass der durchschnittliche Bürger in der Lage wäre, die Daten zu interpretieren, bzw. deren Mängel in der Erhebung/Auswertung zu finden.

Ich schätze meine Mitbürger nicht gering, aber da bin ich eher pessimistisch…

antworten

Darf ich bitte auch die Abschaffung der Wehrpflicht für alle – also Männer und Frauen gleichermaßen – fordern?

Und das gleiche Pensionsantrittsalter fordere ich persönlich, sobald es einen vernünftigen Ausgleich für den lebenslangen Verdienstentgang durch familiäre Belastungen (Karenz und Teilzeit zur Betreuung von minderjährigen und pflegebedürftigen Familienmitliedern) gibt.

Ich weiß schon, dass die weibliche Verhandlungskompetenz im Schnitt niedirger ist als die männliche, aber bitte zeigen Sie mir die Interessensgruppe, die erst ihre Privilegien aufgibt, bevor sie Forderungen stellt. Seins ma net bös, das is einfach polemisch und hanebüchen.

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Und die Frauen, die keine Kinder bekommen?

Karenzzeit kann in Österreich übrigens aufgeteilt werden zwischen Vater und Mutter.

antworten
@pensionsantrittsalter; ich habe nie verstanden wie eine ungerechtigkeit eine andere gut macht. Davon abgesehen ist ja auch die altersarmut bei frauen ein groses problem. Dem könnte man mit einem höheren pensionsantrittsalter entgegenwirken.
Pensionsantrittsalter kommt, kann
antworten
 Ein bisserl was durcheinander gebracht?Man pfeifft dir abends auf der Strasse nach vs. ‚Genderwahnsinn‘? Erklär mir bitte.
böse Väterrechtler..?
spinnst?
antworten
 harho 
 Nebenbei: Wer Frau Palas nachpfeift, leidet nicht unbedingt an schlechtem Geschmack. Vorausgesetzt der Pfiff soll der Freude darüber Ausdruck verleihen, gerade etwas den Augen schmeichelnden ansichtig geworden zu sein.

Aber man soll sich ja nicht von Äußerlichkeiten irre leiten lassen, die inneren Werte zählen ja.

antworten
 Zum Punkt, dass sich immer mehr junge Männer benachteiligt fühlenIch bin momentan Student und kann nur bestätigen, dass sich immer mehr junge Männer benachteiligt fühlen. Das liegt einfach daran, dass bis zum Berufsleben Männer imo auch benachteiligt werden. Zahlreiche Studien belegen, dass die Verlierer im Schulsystem großteils Männer sind, Mädchen in der Schule und im Kindergarten fast immer bevorzugt werden. Mit 18 hatten meine Mitschülerinnen die Wahl zwischen Studieren, Au-pair oder soziales Jahr, Männer zwischen Heer, Zivi und Militärgefängnis. Und auch jetzt im Studium sehe ich keine Benachteiligung von Frauen.
Ich weiß, dass sich das spätestens ändert, wenn Frauen Kinder bekommen wollen.
Aber dass sich viele junge Männer benachteiligt fühlen, kann man wohl trotzdem nachvollziehen
antworten
der übliche, selektive blick der dingewien wurde doch gerade als sichere und lebenswerteste stadt gewählt?

„weil sie keinen Bock haben, im Berufsleben 500 Prozent geben zu müssen, und trotzdem mit gleicher Ausbildung eine schlechter bezahlte Position bekommen als ein Mann. Weil es kein Kinderliebe-Gen gibt.“

500% muss heutzutage jeder geben und was bitteschön ist ein kinderliebe-gen? *btw* diese absurde debatte mit nachpfeifen und nachgaffen gipfelt darin, dass es schon als sexueller übergriff bewertet werden kann, jemanden zu umarmen. das ist doch absurd!

im übrigen, das ist wahrer feminismus:
http://www.telegraph.co.uk/news/wor…-hair.html

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Kein Bock auf UngleichbehandlungIch bemühe mich sehr, Frau wie Mann gleich zu behandeln. Ich bin 100 % für gleiche Arbeit gleiche Bezahlung. Ich bin aber auch für gleiches Pensionsantrittsalter und die Bevorzugung der Frau bei gleicher Qualifikation sehe ich als Schritt in die falsche Richtung. Wir wollen ja alle gleich behandelt werden. Ich bin auch für Hausarbeit für den Mann und Babywickeln ist auch ok.

Wobei sich Frau nicht immer bewusst ist, was sie will. Letztens vor der Tür einer Schnellbahn. Ich stehe dort, will einsteigen, Frau will sich an mir vorbeidrängen. Ich steige trotzdem ein und bekomme ein freundliches „typisch Mann“ nachgerufen. Auf meine Frage „Gleichberechtigung?“ ernte ich einen Blick der bestenfalls Nichtverstehen ausgedrückt hat.

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4 Gedanken zu “Der „Genderwahnsinn“ – eine Wutrede

  1. Da drängt sich der Eindruck auf, dass die junge Autorin fast schon pathologische Wahrnehmungsprobleme hat. Der Begriff „Genderwahnsinn“ scheint mir insofern gerechtfertigt, als darunter zu verstehen ist, dass der Gender-Mainstream keine Fakten aufzeigt, sondern ein ideologisch vertretenes Weltbild vertritt, dem niemand zu folgen vermag. Die benutzten Statistiken (Frauen verdienen 20 % weniger als Männer in vergleichbarer Tätigkeit usw.) werden bewußt falsch interpretiert; allein diese Zahlen stimmen schon nicht. Auch die Parole „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ war schon immert falsch, weil diese Forderun g mit gerechter Entlohnung gar nichts zu tun hat. Frauenquote in DAX-Aufsichtsräten, wozu ? Die Aufsichtsräte sind keine wirklichen Entscheidungsgremien, deren Mitglieder verstehen überwiegend sowieso nicht über was sie entscheiden sollen. Genderforschung hat mit Forschung ebenfalls nichts zu tun, es ist bestenfalls wieder ein neues Betätigungsfeld, in dem leichtes Geld verdient werden kann.    

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  2. Sehr geehrter Herr Günther Petschat -sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen-hier möchte ich noch ergänzen-wer dauernd mit dem Gewaltfinger auf andere zeigt -die ganzen Gender Strukturen haben mit der Geldbeschaffung zugunsten eines Geschlechtes zu tun-die eigene versteckt man redet sie klein-
    gerade die Mechanismen einer Struktur sind es oft die Gewalt des anderen erst auslösen. Und die Presse
    kaut manchen Schwurfel nach. Mit der Quote bekommen sie ihren Lohn-es wird ein anderer sein
    den si noch nicht gekaut haben.

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