Das Ende, der Anfang – von Saskia Jungnikl, Journalistin

Das Hoffnungsfrohe im Tod

Suizid im Alter ist ein großes Problem. Rund vierzig Prozent aller Suizide werden von Menschen ab sechzig Jahren verübt. Und es gibt einen großen Geschlechterunterschied: Unter 70-jährigen Männern ist der Suizid etwa dreimal so häufig wie bei Frauen gleichen Alters. Das machen Soziologen in diversen Studien daran fest, dass Männer immer noch als das starke Geschlecht gelten. Die Netzwerke sind bei Frauen eher ausgeprägt, das Sozialleben ist stärker.

Und natürlich gibt es unter den Suiziden jene Zahl an Menschen, die sagen, ich stehe am Ende eines erfüllten Lebens und ich möchte selbst bestimmen können, wie und wo ich sterbe. Dafür entschieden sich in jüngster Zeit etwa der Literaturkritiker Fritz Raddatz oder der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter. Das kann man akzeptieren. Nicht akzeptieren sollte man den Tod jener, die sich am Ende ihres Lebens aus Einsamkeit und Verzweiflung töten – oder aus der Angst heraus, jemandem zur Last zu fallen.

Bei der geführten Debatte um Sterbehilfe und begleiteten Suizid gibt es meistens nur absolute Für und Wider. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Der Tod ist so individuell wie die Leben, die geführt werden und die Menschen, die sie führen. Eine allgemein gültige Antwort gibt es nicht.

Stattdessen bräuchte es eine Debatte darüber, was unsere Gesellschaft tun kann, um alten Menschen das Gefühl zu geben, keine ungeliebten und nutzlosen Außenseiter zu sein. Wir brauchen Hilfe, Verständnis und Unterstützung für Familien, die mit der Pflege überfordert sind oder sich alleine gelassen fühlen. Wir brauchen gesamt ein besseres Gefühl dafür, dass unsere Gesellschaft nicht nur jene verteidigt und unterstützt, die eine vorzeigbare oder messbare Leistung erbringen. Menschen werden alt. Sie werden gebrechlicher, langsamer und ja, manchmal auch anstrengender. Sie sind dadurch nicht weniger wertvoll. Und wir sollten ihnen auch nicht das Gefühl geben, als wäre es so.

Das Älterwerden und der Gedanke an den Tod kann uns auch zeigen, was wirklich wertvoll ist. Er kann uns zeigen, wie glücklich man über kleine Dinge sein kann, und dass es manchmal vielleicht besser ist, sich auf eine Bank zu setzen um kurz durchzuatmen, als weiter zu hetzen. Er kann uns zeigen, dass wir den Menschen, die wir lieben, besser noch eine halbe Stunde schenken, weil wir irgendwann einmal keine halbe Stunde mehr mit ihnen haben werden. Er kann uns zeigen, dass wir Glück als Glück genießen können, ohne uns Sorgen darüber zu machen, was danach kommt und ob das danach weniger gut ist. Der Tod, er kann uns zeigen, wie wichtig es ist zu leben.

20. März 2015, von Saskia Jungnikl, Journalistin
http://oe1.orf.at/programm/399854

Tags: Familienrecht Familie Suizid – Freitod

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