Missbrauch: Täter bekommt späte Strafe

-JUSTIZ

Traumatisierte Jugendliche schwieg fast drei Jahre – und vertraute sich dann der Mutter an

Amtsgericht Wetzlar

Der heute 44-Jährige räumte vor Gericht von Beginn an die Vorwürfe ein:

Im Dezember 2010 trainierte er, Mitinhaber einer Reha-Praxis im Süden des Lahn-Dill-Kreises, mit dem damals 14-jährigen Mädchen, weil es Rückenprobleme hatte. Kurz vor Schluss der Behandlungsreihe bot er den Eltern an, ihre Tochter nach dem Training nach Hause zu fahren, diese nahmen das Angebot an. Doch der Mann fuhr in eine andere Richtung und erklärte dem Mädchen, er müsse nur noch schnell etwas bei sich zu Hause holen. Vor seiner Wohnung angekommen, drängte er die 14-Jährige, mit hineinzukommen, ihr Handy solle sie solange im Auto lassen. In der Wohnung drängte er die eingeschüchterte Jugendliche, sich zu setzen, etwas zu trinken und zu essen. Dann fragte er sie, ob sie nicht duschen wolle, küsste sie, entkleidete sie, befahl ihr, sich aufs Bett zu legen. Das Mädchen sei „vor Angst wie erstarrt“ gewesen, so die Anklage. Dann verging sich der Mann an der 14-Jährigen, zwang sie unter anderem zum Oralverkehr.

Danach fuhr er sie nach Hause. Noch von unterwegs musste das Mädchen seine Eltern anrufen und sagen, dass es beim Training später geworden sei. Sie dürfe niemandem etwas erzählen, drohte der Mann.

Tatsächlich schwieg die traumatisierte Jugendliche fast drei Jahre lang. Erst im Oktober vorigen Jahres sei sie förmlich zusammengebrochen, wie ihre Mutter vor Gericht erzählte. Ihr Kind berichtete von dem Missbrauch. Die Eltern erstatteten Anzeige bei der Polizei.

Anwältin erklärt: „Sie hat versucht, es beiseite zu schieben“

Vor Gericht war das Opfer, heute 17 Jahre alt, gemeinsam mit seinen Eltern als Nebenklägerin dabei. Der Angeklagte bat alle drei um Entschuldigung: Es tue ihm leid, er könne die Tat nicht rückgängig machen. „Ich habe Euer Vertrauen missbraucht„, sagte er zu den Eltern. Richter Reinhard Grün fragte den Mann nach einer Erklärung für die Tat – bekam aber nur zur Antwort: „Es war ein Fehler von mir.“

Die 48 Jahre alte Mutter des Mädchens wusste nicht, was ihrer Tochter geschehen war, bis diese vor knapp einem Jahr „zitternd und völlig verstört“ zu ihr gekommen sei und ihr davon erzählt habe. Warum ihr Kind fast drei Jahre lang über den Missbrauch geschwiegen hatte, konnte die Frau nicht sagen. Die Rechtsanwältin formulierte es später so: „Sie hat versucht, es beiseite zu schieben. Sie hat erst dann die Grenzen des Schams überwunden.“

Die Mutter des Mädchens berichtete, ihr sei bis dahin nichts aufgefallen. Wenn sich ihr Kind mal zurückgezogen habe, führten sie und ihr Mann das auf die Pubertät zurück. Das Trauma der Jugendlichen sei erst spürbar geworden, nachdem sie sich offenbart hatte: In der Zeit nach der Aussage bei der Polizei sei ihre Tochter immer wieder völlig apathisch gewesen, habe gezittert, geweint, sich selbst verletzt. Sie habe vom Gefühl der Leere und Taubheit berichtet, erzählte die 48-Jährige. Ihre Tochter fürchte sich auch vor Männern, die dem Angeklagten ähneln, und vor Autos, wie er eines fahre. „Unsere Nerven liegen blank“, sagte die Frau. Und: „Mit Geld lässt sich nicht die Seele von meinem Kind wieder ganz machen.“

Hilfe fand die Familie schließlich beim Verein „Wildwasser“ in Gießen, der Missbrauchsopfern eine Anlaufstelle bietet. Mittlerweile hat die 17-Jährige auch eine Therapie begonnen.

Der Angeklagte habe das Mädchen in eine Zwangslage und psychische Bedrängnis gebracht, sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Gerade 14-jährig und sexuell unerfahren, habe das Opfer alles erduldet und später in „großer seelischer Belastung“ verdrängen wollen. „Er hat sie überrumpelt. Sie konnte nur hilflos reagieren“, ergänzte die Anwältin der Nebenklage.

Die Verteidigerin des 44-Jährigen verwies unter anderem darauf, dass dieser alle Vorwürfe eingeräumt und mit der Zahlung von 5000 Euro Schmerzensgeld auch schon Verantwortung übernommen habe.

Das Schöffengericht verurteilte den Mann schließlich zu einer Bewährungsstrafe und kam mit der Höhe der Strafe der Forderung von Anklage und Verteidigung nach: Verstößt der 44-Jährige innerhalb von drei Jahren gegen die Bewährungsauflagen, muss er für zwei Jahre ins Gefängnis. 1000 Euro muss er an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen und sich einer Therapie unterziehen. Zu dem Mädchen hat er Kontaktverbot. „Sie haben gehofft, dass das alles niemals rauskommt“, sagte Richter Reinhard Grün zu dem Mann. „Irgendwann kam es doch heraus.“

Der Richter ermutigte die 17-Jährige, ihre Therapie fortzusetzen, um das Trauma zu bewältigen: „Jeder Schritt, den Du machst, ist ein Sieg für Dich über das Geschehene.“

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